‚Gesichtsverlust‘ vermeiden oder Wie man mich mal betäubte, damit ich mit dem Singen aufhörte!

Vor einigen Jahren, als die Gitarre mir auf Reisen noch ein ebenso wichtiger Begleiter war wie mein Rucksack, erhielt ich am eigenen Leibe eine wertvolle Lektion zu einem der wichtigsten Grundsätze im thailändischen Zusammenleben, dem Wahren des Gesichts.

Ich hatte bereits einige Tage auf Ko Phangan verbracht, als ich eines Nachmittags mit meiner Gitarre am Strand saß und ein paar neue Songs übte. Rückblickend war die Gitarre der beste Reisepartner, den man sich wünschen konnte. Sie nervte nie, war aber immer für einen da, wenn man mal etwas Gesellschaft brauchte.

Ich klampfte im Sonnenuntergang vor mich hin, lächelte während des Singens ein paar Strandschönheiten zu und erfreute mich allgemein des Lebens auf dieser wundervollen Insel.

Ein Thai, der mir schon eine Weile lang zugehört hatte, näherte sich mir zwischen zwei Liedern. Er sagte, er arbeite für die Reggae-Bar auf dem Hügel am Ende der Bucht und es wäre ihnen eine Ehre, wenn ich dort meine Fähigkeiten zum Besten gäbe. Das ließ ich mir nicht zwei mal sagen, und so vereinbarten wir einen Termin drei Tage später. Ich freute mich sehr. Zuletzt hatte ich vor zwei Wochen in einer kleinen Bar in Chiangmai gespielt und das war wahrlich in ein rauschendes Fest ausgeartet.

BoB plays Hey Ya on the boat from old to new tree house on Ko Chang, Thailand

Am nächsten Tag holte ich die versprochenen Flyer für die Veranstaltung ab. Eine Reggae Bar war ja geradezu obligatorisch für einen Strandort in Thailand. Diese jedoch machte einen recht gemütlichen Eindruck.

Mein Name war prominent auf die Mitte der Flyer gedruckt, mit dem schmeichelhaften Zusatz ‚Singer/Songwriter‘ in Klammern. Es gab zwar ein paar Rechtschreibfehler und zweifelhafte Übersetzungen, aber das machte die kleinen Handzettel im Grunde nur noch sympathischer. Ich machte mich umgehend daran, die Dinger unters Volk zu bringen.

Als der Tag des Konzerts endlich da war, ging ich noch einmal mein komplettes Repertoire durch. Ich war zu dieser Zeit bereits seit 11 Monaten am Reisen und spielte und sang im Grunde so gut wie nie zuvor. Ich war also zuversichtlich. Tatsächlich hatte ich auch alle Leute, die ich aus den letzten Wochen auf dem Backpacker-Trail kannte, dazu überreden können, dem Konzert beizuwohnen. Mit knapp zehn Anderen im Schlepptau betrat ich das Etablissement am frühen Abend. Da bereits eine Menge los war, begann ich auch schon bald mit dem Spielen.

Es war schnell klar, dass der Abend ein voller Erfolg werden würde. Man saß nett mit Blick auf die Bucht von Hat Yao, das Bier war eiskalt und günstig, und es hatte sich wirklich eine illustre Schar von Leuten eingefunden. Die Akustik war trotz des Bambusdaches erstaunlich gut. Da ich ein recht lauter Sänger bin, benötigte ich nicht mal ein Mikrofon, um den ganzen Laden flächendeckend zu beschallen.

Mir riss eine Saite nach der anderen, denn ich war leider nur noch im Besitz von billigen, chinesischen Kopien. Das jedoch war stets ein guter Grund, mal eine kurze Pause einzulegen und mir noch ein weiteres Getränk an der aus Holz gebauten Bar zu besorgen. Der Deal, den ich mit den Betreibern hatte, war mir von anderen Gigs vertraut. Man konnte mir zwar kein Geld bezahlen, trinken aber durfte ich natürlich umsonst.

Wir zechten also und sangen, die Leute vergnügten sich und wünschten sich immer neue Lieder. Manche tanzten, andere knutschten, ich malträtierte mein geliebtes Saiteninstrument. Insgesamt ein wirklich cooler Abend!

Gesichtsverlust: Marco Buch bei einem Konzert in einer thailändischen Bar

Gegen 2 Uhr morgens verabschiedeten sich nach und nach die meisten der Gäste, was mich jedoch nicht davon abhielt, in altbewährter Geschwindigkeit und Lautstärke weiter zu spielen – und zu trinken.

Als nur noch etwa fünf Gäste übrig waren, hielt ich kurz inne und holte ich mir noch ein Bier. Doch irgendwie hatte ich diesmal das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Hatten die Thais an der Bar zu Anfang des Abends noch stets euphorisch bekundet, wie toll diese Veranstaltung sei, so waren sie nun doch deutlich schweigsamer und wichen meinen Blicken aus. Egal, dachte ich bei mir, schnappte mir mein Getränk und kehrte auf den Hocker zurück, der mir als Bühne diente. Ich hatte zwar nun alles gespielt, was ich kannte, aber ich würde einfach noch einmal von vorne beginnen.

Doch nach nur wenigen Schlucken aus der Chang-Flasche war mir plötzlich, als bräuchte ich eine kleine Pause. Ein paar weitere Momente später war der einzig klare Gedanke, den ich noch fassen konnte: ‚Wow, ich war noch nie dermaßen müde in einer Bar!‘
Das ist zugleich die letzte Erinnerung, die ich an diesen Abend habe.

Als ich wieder zu mir kam, war es draußen bereits hell. Außer mir gab es nicht einen anderen Gast mehr in der Bar. Während ich meine Gedanken sortierte, bemerkte ich, dass ich auf einem der Sofas lag und mich in Löffelchenstellung an meine Gitarre schmiegte.

Ich setzte mich auf und blickte in Richtung der Bar. Die beiden Thais schienen mich leicht beschämt anzublicken. Mein Hirn jedoch arbeitete noch auf Sparmodus und ich konnte mir auf die ganze Situation keinen rechten Reim machen.

Erst als ich mich verabschiedet hatte und gerade den Hügel in Richtung meiner Hütte hinunterstolperte, wurde mir klar, was geschehen sein musste:
Zwar hatten die Thais am letzten Abend einen ziemlich guten Umsatz gemacht und offenbar auch selbst eine Menge Spaß gehabt. Irgendwann aber waren so wenige Gäste übrig gewesen, dass es sich einfach nicht mehr lohnte. Vielleicht gab es zudem eine Art Nachtruhe, die eingehalten werden musste. Vermutlich war auch meine Darbietung gegen Ende des Abends nicht mehr ganz astrein gewesen. Wie auch immer, wollten die Beiden offenbar zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts mehr sehnlicher, als dass ich doch endlich aufhören würde zu spielen und zu singen. Das wiederum konnten sie mir aber nicht einfach sagen, da mich das ihrer Ansicht nach in eine beschämende Lage gebracht hätte. In der thailändischen Kultur kritisiert man sein Gegenüber nicht offen und tut alles dafür, den Anderen oder sich selbst nicht bloßzustellen. Das nennt man Gesichtsverlust vermeiden.

Was also hatten sie stattdessen getan? Sie hatten mir ohne jeden Zweifel ein Schlafmittel ins letzte Bier gemischt, ein offenbar recht starkes noch dazu. Sodann hatten sie netterweise mich und meine Wertsachen beaufsichtigt, bis ich nach ein paar Stunden wieder zu mir kam. Die verlegenen Gesichtsausdrücke am Morgen zeigten, dass sie sich durchaus der Tatsache bewusst waren, dass dies nicht die optimale Lösung war. Aber sie war offensichtlich noch immer besser als mir offen zu sagen, ich möge doch jetzt bitte endlich mein Maul halten!

Gesichtsverlust vermeiden: Marco Buch mit Gitarre und Whisky
Na, darauf Prost! Chokdee!!!

 

Hier noch mal all meine anderen Tipps sowie all meine Geschichten aus Thailand:

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