Freiwilliger nach der Tsunami-Katastrophe – Teil 1

Tsunami Thailand 2014

Aus dem Archiv: Teil 1 meiner Eindrücke während meiner Tage als freiwilliger Helfer nach dem Tsunami 2004.

Am Dienstag Abend beschließen der Schwede Max und ich, dass wir nicht weiter auf Koh Pha Ngan so tun wollen, als sei nichts geschehen, und buchen ein Ticket nach Phuket für den nächsten frühen Morgen.

Tsunami: Das Meer von Koh Phangan
Das Meer vor Koh Phangan

Gegen fünf am Nachmittag des nächsten Tages kommen wir auf der Insel an. Phuket City wirkt zunächst völlig normal, geradezu idyllisch. Sobald wir unseren Fuss jedoch in das zum Hilfszentrum umfunktionierte Rathaus setzen, wird schnell klar, dass die Ereignisse nach dem Tsunami noch immer in vollem Gange sind.

Auf einer Wiese hat man Zelte aufgebaut, in denen Helfer den Menschen verschiedener Nationalitäten dabei behilflich sind, neue Papiere oder einen kostenlosen Flug nach Hause zu arrangieren. Daneben betreiben verschiedene Fernsehsender Übergangslager unter Zeltplanen. In einem großen Saal haben alle Länder, die Opfer zu beklagen haben, jeweils einen Tisch mit Botschaftsmitarbeitern. Papierschilder und hingekritzelte Aufkleber weisen den Weg.

Tsunami: Hilfszentrum mit Freiwilligen in Phuket
Hilfszentrum Phuket

Vor diesem Gebäude stehen mehrere Plastiktafeln, auf die verzweifelte Angehörige die Fotos vermisster Personen geklebt haben. Viele davon sind aus fernen Ländern gefaxt worden. Ich starre auf die Fotos und empfinde pure Trauer, da die Zahlen der Vermissten nun ein Gesicht bekommen. Viel schlimmer jedoch trifft mich der Schock bei den Tafeln direkt daneben. Hier haben die Thais die Bilder aller bisher gefundenen Toten aufgehängt. Auf die Körper hat man Nummern gelegt, um eine spätere Zuordnung zu erleichtern. Es ist nur schwer vorstellbar, wie sehr die Menschen durch die Wucht des Tsunami, die Hitze und das Meerwasser entstellt sind. Eine Identifikation scheint völlig unmöglich. Mehrere der Fotos zeigen kleine Kinder und Säuglinge.

Tsunami: Suchtafeln im Hilfszentrum Phuket
Die Suchtafeln treffen mich ins Mark

Ständig kommen neue Menschen an, viele davon direkte Augenzeugen der Katastrophe. Paralysierte Personen sitzen auf provisorischen Sitzgelegenheiten und kauen teilnahmslos auf dem kostenlos zur Verfügung gestellten Essen, ihren Blick ins Leere gerichtet.

Nachdem wir ein Zimmer in einem geräumten Internat am Stadtrand zugewiesen bekommen und uns kurz geduscht haben, geht es wieder zurück ins Hilfszentrum. Gerade ist der Premierminister Thailands angekommen, und bereitet sich auf eine Ansprache vor. Vom Moment meiner zweiten Ankunft an bin ich komplett involviert. Im Tsunami Telefonzentrum rufen auf sechs Leitungen Menschen aus aller Welt an, um nach vermissten Freunden oder Familienmitgliedern zu fragen. Nur wenige der Thais sprechen Englisch, niemand deutsch oder spanisch. Ich haste von einem Telefon zum anderen, rufe Leute über große Megafone aus, biete völlig abwesend dreinblickenden Menschen Tee an. Viele der Ankommenden lassen sich direkt für einen der kostenlosen Heimflüge registrieren. Man muss dafür nicht mal Papiere vorzeigen; die meisten haben ohnehin keine mehr. Ausnahmezustand.

Tsunami: Das Telefonzentrum in Phuket
Das Telefonzentrum

Zwischen den umherirrenden Menschen und den Kamerateams mit den grellen Lampen kommen nonstop Hilfsgüter in Säcken, Kisten, Kanistern an. Sobald etwas gebraucht wird, gibt es hier eine Durchsage auf allen Radiosendern. Ein paar Minuten später fahren die ersten Privatleute aufs Gelände und bringen die benötigten Dinge, die dann auf grossen Bergen im Innenhof gesammelt werden.

Die Thais sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sie strahlen eine Unbeschwertheit aus, die angesichts der katastrophalen Lage auf viele Menschen sehr beruhigend wirkt. Überall gibt es Essen und Getränke umsonst, die thailändischen Telefongesellschaften haben an vielen Orten Telefone aufgestellt, an denen man kostenlos in jedem gewünschten Land anrufen kann.

Auf Din-A4-Blättern trage ich den Namen und den letzten bekannten Aufenthaltsort der nach dem Tsunami vermissten Personen, sowie die Telefonnummern und Namen der Anrufer ein. Das Wort Khao Lak wiederholt sich wie ein grauenvolles Mantra. Zunächst bemühe ich mich noch, auch besondere Kennzeichen der Personen aufzunehmen, merke jedoch bald, dass alle Anderen hier das bereits aufgegeben haben. Ein Ire, der bereits seit drei Tagen an den Leitungen sitzt, öffnet mir resigniert die Augen: Wer sich jetzt noch nicht zu Hause gemeldet hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach im Tsunami umgekommen.

Ich verdränge diesen Gedanken und konzentriere mich auf die kleine Chance, dass die gesuchte Person in einem der Krankenhäuser ist, vielleicht bewusstlos und daher nicht in der Lage, zu Hause anzurufen. Nur so kann ich allen Anrufern zumindest mit einem positiven Ton in der Stimme gegenübertreten. Denn keiner dieser Anrufer ist bereit, diese schonungslose Tatsache zu akzeptieren. Niemand erwähnt auch nur die Möglichkeit.

Auch zwischen den Telefonaten: Persönliche Tragödien überall. Ein Schwede sagt, er habe seine Frau verloren, und blickt zu Boden, sein Gesicht von Schürfwunden übersät. Ein englisches Mädchen sucht ihren Bruder und ist fest davon überzeugt, dass er noch lebt. Sie ignoriert vollkommen, dass er sich seit drei Tagen nicht gemeldet hat. Eine Familie aus Südafrika hat alle ihre vier Kinder verloren. Eine Gruppe blasser Deutscher mit bewegungslosen Minen diskutiert mit einem Thai über die Beschaffung eines Sarges. Ich könnte auf der Stelle heulen, entschliesse mich aber, den Leuten stattdessen meine Kraft zukommen zu lassen.

Am Telefon: Verzweifelte, Gefasste, Ungläubige, Menschen auf Beruhigungsmitteln. Zwischendurch immer wieder Menschen, die helfen wollen, und mich – ihre Koffer gepackt – fragen, wo sie hinfliegen sollen. Urlauber, die mich fragen, ob sie in dieser Nacht ungefährlich am Strand sitzen können oder ob ein weiterer Tsunami anrollt. Woher soll ich all diese Dinge wissen? Niemand hat mir hier auch nur irgendetwas erklärt. Das Telefon läutet ohne Unterlass, die Listen, die von 1 bis 30 nummeriert sind, füllen sich unaufhaltsam an allen Tischen. Ich frage mich, wie viele im Endeffekt gestorben sein müssen. Nach jedem Anruf muss ich schlucken. So viel Kummer.

Soldaten gehen ein und aus, um sich heisses Wasser für Tee zu holen. Auf dem Fernseher läuft der Lokalsender. Minutenlang wird gezeigt, wie der Körper eines jungen Mannes an einem Seil an einer Baggerschaufel pendelt. Er trägt Schwimmshorts, was mir augenblicklich so schmerzhaft klar macht, dass er nicht im Traum daran gedacht hat, an diesem Morgen zu sterben. Helfer tragen Gesichtsmasken gegen den Gestank und laden halb zerfledderte Körper in grosse Plastiksäcke.

Tsunami: Angehörige und Journalisten im Hilfszentrum Phuket
Hilfszentrum Phuket

Früher am Abend hat man auch mich gefragt, ob ich heute mit zum Helfen nach Khao Lak komme, aber das bringe ich nicht übers Herz. Zudem scheinen mich die Anrufer hier mehr zu brauchen.

Es scheint, als sei ich dafür bestimmt, in dieser Nacht im Telefonzentrum von Phuket zu sein. Haben in den Nächten zuvor kaum Deutsche angerufen, stehen die Telefone diesmal kaum still. Fast ausschliesslich Deutschsprachige. Und alle sind sichtlich erleichtert, ihre eigene Sprache benutzen zu können. Ich verbringe die ganze Nacht dort, erst um 9 Uhr morgens kommt Ablösung.

Draussen werden jetzt die Säcke und Kisten auf die Hilfs-LKW verladen, während die Fernsehteams im Freien an ihren Berichten schneiden. Im Fernsehgerät des Büros läuft die nonstop-live-Berichterstattung über deutsche Rotkreuz-Spezialisten, die versuchen, Tsunami-Überlebende unter den Trümmern der Ferienanlagen in Khao Lak herauszuschneiden. Ich nage abwesend an undefinierbaren Snacks, die die Thais hinterlassen haben, bevor sich alle schlafen gelegt haben. Ich halte alleine die Stellung, und frage mich, wer wohl hier sitzen würde, wäre ich nicht gekommen. Gegen Morgen werden die Anrufe etwas seltener, und ich nicke zwischendurch ein. Trotz des starken Thai-Red Bulls, der nun endlich mal einem guten Zweck dient.

Tsunami: Hilfsgüter kommen an und werden verteilt
Hilfsgüter

Bevor ich gehe, begrüsse ich Max, der die Tagschicht im schwedischen Zelt übernimmt. Vierzig Helfer werden gebraucht, er scheint der einzige. Wir sind beide froh, hergekommen zu sein. Ich schleppe mich zum Ausgang, auf dem Sozius eines Mopedtaxis fahre ich zurück ins Internat. In wenigen Minuten beginnt alles von vorne.

Wenn ich mich wieder so nützlich fühle, halte ich auf jeden Fall noch mehrere Nächte durch.

Hier geht es zu Teil 2.

Und hier zu Teil 3.

Update 2014: Hier ein Bericht über meinen Hilfseinsatz in der Frankfurter Neuen Presse.

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