Weniger denken, mehr sein – Meditation lernen in einem Retreat

Aus dem Archiv: Mein ausführliches Tagebuch während meiner Zeit in einem Schweige-Meditations-Retreat:

Vipassana-Meditation lernen in einem Retreat

Ich habe mich für die Zeit der Entbehrungen gut vorbereitet, und in den Tagen vor meiner Abreise noch mal alles ausgiebig genossen, was in den nächsten eineinhalb Wochen keine Rolle mehr spielen wird. Dementsprechend gerädert fühle ich mich, als ich im Lokalbus von Chiangmai in Richtung Norden aufbreche.

Wat Thaton

Vier Stunden später in Thaton angekommen, treffe ich direkt eine ältere Schwedin, die gerade drei Tage Meditation in Isolation in ihrem Bungalow hinter sich hat, und mir erzählt, dass sie bereits Dutzende solcher Retreats absolviert hat. Nachdem ich mit ihr in der Mittagshitze langsam den steilen Berg zum Tempel hochgewandert bin, werde ich vom Mönch Suthep, den die Meditierenden kurz Ajarn (Lehrer) nennen, in einen Raum gewunken, der im Moment als Ess- und Versammlungszimmer zugleich dient.

„Come in. Meditation not so difficult.“, sagt er zu mir mit einem strahlenden Lächeln. Ein Satz, der mich noch Wochen begleiten wird. Das ist also der Mann, der erst nach Jobs als Koch und Kellner sowie nach vier Jahren als Guerillaführer in den Bergen während politisch unruhiger Zeiten in Thailand zu seiner jetzigen Beschäftigung als Meditationslehrer gefunden hat. Außer ihm und mir befindet sich noch ein junges Paar im Raum, das bereits mit den Bewegungen der Sitzmeditation vertraut zu sein scheint.

Gehmeditation

In einer kurzen Unterrichtseinheit von ein paar Minuten bringt mir Ajarn das bei, was in den nächsten Tagen zu meinem Instrument wird, mit dem ich meinen Geist erforschen und beherrschen lernen möchte. Im Sitzen handelt es sich dabei um eine rhythmische Abfolge von Bewegungen der Arme. Ist man am Ende des Zyklus angelangt, beginnt sogleich ein neuer. Das Gehen folgt einem noch einfacheren Muster. Sieben Schritte hin, sieben Schritte zurück. Auf den Wendeschritt kommt es an, denn dieser ist jener Zeitpunkt, an dem man die soeben gedachten Gedanken beendet, falls man sie nicht sofort abwehren konnte, und sich wieder komplett dem Hier und Jetzt zuwendet. Knapp eine Stunde lang gehe ich auf einer gelben Plastikmatte hin und her, und versuche meine Füße immer in die eingezeichneten Stellen zu setzen. Ich frage mich, wie lange ich das wohl noch machen soll, dann fällt mir wieder ein, dass ich genau dafür hergekommen bin. Zu guter Letzt bringt man uns in einem Geländewagen zu unseren Bungalows, die hier Kuttis genannt werden.

Mein Kutti, mit Blick aufs Tal

Ich dusche und laufe dann auf der Strasse, die ruhig und schmal das Tempelareal durchschneidet, hoch zur Pagode am Berg. Ich habe mir schon vorher gedacht, dass sich besonders die ersten Tage im Tempel wie eine Vollbremsung aus 100 km/h anfühlen werden, so exzessiv wie die letzten Tage vor der Abreise verlaufen sind. Dieses Gefühl spüre ich nun in der Tat in mir aufsteigen.

Die Pagode des Tempels auf dem angrenzenden Hügel

Als ich mich wie besprochen um 19 Uhr wieder im improvisierten Esszimmer einfinde, gibt es Tee und Früchte. Dieses allabendliche Treffen mit Ajarn und den anderen Teilnehmern meiner Gruppe dient dem Austausch von gemachten Erfahrungen. In mehr oder weniger bequemen Positionen sitzen wir auf dem Boden, Idealfall ist natürlich der Lotussitz. Außer Kate und Jason, dem jungen Paar aus England vom Mittag, sind da noch Barbara aus den USA und Richard aus Holland, ein älteres Paar, das in Australien lebt. Ich hatte mit einer wesentlich größeren Gruppe gerechnet. Aber dieser Retreat scheint ohnehin voller Überraschungen zu stecken. Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck erklärt uns Ajarn auf eine Frage nach dem Zeitplan, dass es nicht nur einen solchen nicht gibt, sondern auch keine allzu strengen Regeln, wie das bei anderen Retreats der Fall ist. In den meisten anderen hätte es vermutlich nicht mal diese Unterhaltung gegeben, denn sprechen ist in der Regel nicht erlaubt. Es wird schnell klar, dass diese Abwesenheit von Regeln bedeutet, dass jeder sich selbst dazu antreiben muss zu meditieren. Die erwarteten Erläuterungen zur Meditation bleiben für den Anfang ebenfalls aus, Ajarn sagt uns nur, dass sich die Fragen bald von alleine beantworten werden.

Ich beginne den nächsten Tag um 5.30 Uhr und praktiziere Gehmeditation vor der sich noch im Bau befindenden Pagoda auf dem Berg, bis vor mir die Sonne im Tal aufgeht. Zwischen mir und der Sonne schlängelt sich ein dampfender Fluss in Richtung Chiangrai; die Szenerie ist beeindruckend und ich fühle mich frisch und energiegeladen.

Blick ins Morgengrauen

Das Frühstück um 8 ist üppig und sehr lecker. Aus einem Buffet von bestimmt 15 Speisen belädt man sich sein metallenes Tablett im indischen Thali-Stil. Zu meiner Überraschung reden auch hier alle miteinander, jedoch nicht während des Essens selbst. Der Österreicher Gabriel, der bereits seit sieben Wochen in Thaton ist, gibt mir einige Tipps zum Start meiner Meditationspraxis. Der Wichtigste: „Hab Geduld, alles kommt von alleine.“ Diese Worte im Ohr gehe ich in die Chanting Hall und beginne erneut zu gehen. Hier singen die Mönche morgens um 4 für eine Stunde, bevor sie ins Tal gehen, um in großen runden Töpfen die Speisen einzusammeln, die die Dorfbewohner ihnen aus freien Stücken geben. Abends um 6 treffen sie sich ein weiteres mal zum Singen.

Intuitive Meditation

Ich hätte wissen müssen, dass es mir gefallen würde. Vor etwa zehn Jahren war ich im Sommer mit einem Freund in einem winzigen Dorf an der griechisch-türkischen Grenze gestrandet, und wir mussten 12 Stunden auf unseren Zug warten. Nachdem die wenigen Dinge, die es dort zu tun gab, langweilig geworden waren, begann ich einfach, den Bahnsteig vor – und zurückzulaufen. Damals war ich überrascht über die starke Entspannung und Glückseligkeit, die ich erreicht hatte, als der Zug dann Stunden später endlich eintraf.

Nachdem ich, zumeist alleine, mehr als zwei Stunden gegangen bin, treffen wir uns um kurz vor 12 zum Mittagessen. Eine der wenigen Regeln besagt, dass man nach 12 Uhr nichts mehr essen soll. Bei den Früchten am Abend wird offenbar ein Auge zugedrückt.
Da es nicht viel zu tun gibt und ich mittlerweile wirklich wissen will, worum es hier eigentlich geht, begebe ich mich danach direkt wieder in die Chanting Hall und beginne zu gehen. Für 14 Uhr ist dort ein Treffen mit Ajarn anberaumt und alle scheinen sich Erklärungen zu erhoffen. Es kommt jedoch anders. Pünktlich um 2 betritt Ajarn die Halle und beginnt ohne ein Wort zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich schon eineinhalb Stunden ‚unterwegs’. Da außer uns noch ein paar Mönche gehen, ist die Halle nun voll von Leuten, die mit hinter dem Rücken verschränkten Armen immer und immer wieder ihre etwa 5 Meter ablaufen, was für einen nicht eingeweihten Besucher mit ziemlicher Sicherheit ein kurioser Anblick wäre.

Nach einer Weile wird mir klar, dass unser Treffen mit Ajarn bereits in vollem Gange ist. Über 2 Stunden geht er hin und her, und ich zwinge mich mitzuhalten, während einer nach dem anderen aufgibt und die Halle verlässt. Ab einem gewissen Punkt fühle ich mich wie in Trance und sehe Gedanken wie Pilze aus dem Boden schießen. Gabriel hat mir gesagt, dass das Laufen gerade zu Anfang gut sei, um den Geist zu reinigen. Wichtig sei es, eine Distanz zu den Gedanken und Gefühlen zu wahren, die auftauchen. „Sieh den Gedanken, aber sei nicht der Gedanke“, hatte er mir in seinen klaren und behutsam ausgesprochenen Worten gesagt.
Danach sitze ich noch für eine halbe Stunde und mache die entsprechenden Bewegungen. Der stechende Schmerz in meinen Beinen lässt nicht lange auf sich warten. Aber er ist, wie mir Gabriel gesagt hat, „einer der besten Lehrer“, und so lasse ich mich auf ihn ein.

Das Hochgefühl in meinem Kopf hält noch lange an, und ich habe den Eindruck, bereits einen ähnlich abgehobenen Ausdruck im Gesicht zu tragen wir Gabriel. Ich gehe mit bedächtigen Schritten eine halbe Stunde bis zum stehenden Buddha auf dem Berg, der die Grenze des Tempels darstellt, und von dem man bis nach Burma sehen kann. Danach gehe ich noch ein weiteres Mal in der Chanting Hall; es scheint süchtig zu machen. Beim Treffen mit den anderen scheint mir mein Aufenthalt in Thaton schon wesentlich mehr Sinn zu machen als am Abend zuvor. Mit Bedacht gieße ich mir meinen Tee ein, während Gabriel etwa zehn Minuten lang dem Wasser im Kessel beim Kochen zuschaut.

Falung Gong zur Einstimmung

Ab dem nächsten Morgen praktizieren wir allmorgendlich um 5 Uhr Falung Gong, eine chinesische Methode der Entspannung und Entfaltung von Energie.

Im Kutti – alles so simpel wie möglich.

Obwohl ich in einer Pause nach einer langen Gehsitzung plötzlich sehen kann, dass die Ameisen in meinem Badezimmer winzig kleine Schatten werfen, bin ich am Morgen des dritten Tages unzufrieden mit meiner Meditation und sehr gereizt. Erst am Mittag finde ich wieder in den Geisteszustand, der mich tags zuvor so euphorisiert hat. Man fühlt sich, als würde man schweben, selbst der Gang wird ein komplett anderer. Gedanken sieht man, als wenn man eine Schutzglocke zwischen sich und ihnen habe. Dadurch wird alles, was man denkt, letztendlich egal. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist genau das das erklärte Ziel der Vipassana- oder Einsichtsmeditation. Dadurch, dass man Gedanken und Gefühle abstrahiert und nicht als sein eigenes geistiges Eigentum sieht, und im Zuge dessen letztendlich sogar die Vorstellung eines eigenen Ichs zugunsten von Leerheit und Gleichmut aufgibt, befindet man sich sodann in einem Zustand permanenten Glücks, erhaben über Launen und Versuchungen.

Der Schmerz als Lehrer

Beim darauf folgenden Sitzen versuche ich, meinen Schmerz zu beherrschen, und ihn ebenso losgelöst von mir zu sehen wie zuvor meine Gedanken. Tatsächlich funktioniert es, was ein erneutes Gefühl der Euphorie in mir hervorruft. Selbst dieses müsste ich natürlich nun mit mehr Distanz betrachten, aber dafür fühlt es sich einfach zu gut an. Trotz allem kann ich nicht leugnen, dass ich bereits die Tage bis zu meiner Abreise zähle.

Selbstgewählte Isolation

Auf dem Rückweg komme ich an einem Kutti vorbei, an dem ein Zettel angeklebt ist: „Help! Need water!“ Einer der Einsiedler also. Mittlerweile habe ich verstanden, dass der normale Werdegang eines Meditierenden in Thaton so abläuft, dass er nach den ersten paar Tagen der Praxis die Isolation wählt, um größere Fortschritte zu machen. Diese Menschen verlassen dann für eine Periode von bis zu 31 Tagen ihr Kutti nicht. Der einzige Kontakt zur Außenwelt bleibt die Lieferung des Essens am Morgen, sowie ein Besuch des Ajarn am Nachmittag. Gabriel hat bereits 7 und 10 Tage hinter sich und schwört darauf. Er sagt, er habe sich beim zweiten Mal förmlich dazu überreden müssen, sein Kutti am Ende der abgesprochenen Zeit wieder zu verlassen. Nur der Gedanke daran lässt mich innerlich verkrampfen. Ich bringe dem armen Meditierenden Wasser und verdränge den Gedanken an meine eigene offenbar unweigerlich bevorstehende Isolation.

Meine Schlafstelle

Achtsamkeit

Am vierten Tag beginne ich, nur noch sehr spärlich zu essen, die Früchte am Abend lasse ich ganz weg. Ich erhoffe mir davon größere Klarheit. Die zwei Stunden Praxis vor dem Frühstück verlaufen sehr gut. Eine Menge Gedanken durchfluten meinen Kopf, bis auf wenige Ausnahmen kann ich sie jedoch stoppen, bevor sie mich durch zahlreiche Assoziationen zu einem Gefühl führen, dessen Herkunft ich dann nicht mehr erklären kann. Denn das ist es, womit wir tagtäglich kämpfen. Plötzlich fühlen wir uns aufgekratzt, genauso plötzlich fühlen wir uns aber eventuell am Boden zerstört. Da wir unseren Gedankenfluss normalerweise nicht beobachten, können wir uns jedoch meistens nicht erklären, wie und warum unser Gefühlszustand so plötzlich wechselt. In den meisten Fällen ist jedoch ein negativer Gedanke die Ursache, der am Ende einer langen Assoziationskette steht, die durchaus mit einem positiven Gedanken begonnen haben kann. Achtsamkeit ist daher die einzige Waffe gegen diesen geistigen Krieg, den wir mit uns selbst führen.

Trotz guter Momente am Morgen bin ich erneut frustriert. Obwohl lesen nicht empfohlen wird, suche ich Rat in einem ausschließlich der Vipassana-Meditation gewidmeten Buch, das mir Gabriel gegeben hat, denn ich möchte mehr Hintergrundinformationen. Tatsächlich werden viele Dinge durch die Lektüre klarer. Bei der darauf folgenden Sitzmeditation inmitten des abendlichen Chanting verspüre ich eine erstaunliche Leerheit in meinem Kopf, die sich sehr angenehm anfühlt. Vermutlich recht spät für einen reflektierenden Menschen, jedoch wahrscheinlich früher als viele andere Menschen dieses Planeten, war ich mir erst vor etwa 4 Jahren in einem plötzlichen, sehr lichten Moment in Guatemala der Tatsache bewusst geworden, dass man als Mensch immerfort und ohne Unterbrechung denkt, ja sogar gar keine Wahl hat und einfach denken muss. Ich fand diese Erkenntnis damals erstaunlich, und sie machte mir auf eine unterschwellige Art große Angst. In diesem Moment in der Chanting Hall im hohen Norden Thailands, umgeben von 8 Mönchen, die in ihren orangenen Roben monoton vor sich hinsingen, habe ich plötzlich das Gefühl, einen Ausweg aus der Verdammnis zum ununterbrochenen Gedankenfluss gefunden zu haben. Ich werde von großer Gelassenheit durchflutet. War es das, was ich gesucht habe?

Keiner dieser persönlichen Erfolge kann über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich fortweg die Stunden zähle, die es noch zu überwinden gilt, bevor ich mich auf der schmutzigen Matratze meines spartanischen Zimmers zur Ruhe legen kann.

Sich gegen Ablenkung wehren

Tag 5 bietet viele Gelegenheiten, sich vor dem Meditieren zu drücken. Denke ich genauer darüber nach, frage ich mich, warum ich mich überhaupt drücken will, habe ich doch schon so beeindruckende Dinge erlebt während der Meditation in den letzten Tagen. Sowohl Ajarn als auch Gabriel haben gesagt, dass dies ein völlig normaler Impuls unseres Geistes ist, uns von Dingen abzulenken. Man müsse sich einfach gegen sich selbst wehren bzw. lernen, nicht mehr auf sich selbst zu hören. Diese Äußerung ließ einerseits direkt den Begriff Schizophrenie auf einem großen Transparent durch meinen Kopf ziehen. Auf der anderen Seite erinnerte ich mich an die Zeit, da ich das Rauchen aufgegeben hatte. Seinerzeit war ich oft fassungslos angesichts der Argumente, die sich mein eigener Geist ausdachte, um mich vom Genuss einer Zigarette oder nur eines Zuges zu überzeugen. Ich hatte gelernt, wie ich damit umgehen musste, also sollte das hier doch wohl auch kein Problem sein.

Die letzten Tage haben ohnehin gezeigt, dass das komplette Fehlen eines Programms oder einiger Regeln dazu geführt hat, dass die Mehrzahl der neuen Meditierenden den größten Teil der Zeit über Beschäftigungen nachgegangen ist, die als Meditation zu definieren man Mühe gehabt hätte, während ich doch zumindest kontinuierlich für mindestens sechs Stunden am Tag gegangen bin oder gesessen habe.

Dharma-Talk

Morgens beschäftige ich mich erneut erfolgreich mit dem Schmerz. Nach dem Lunch hält dann Ajarn einen sogenannten Dharma-Talk. Als Dharma wird unter anderem ganz generell der spirituelle Weg bezeichnet, und Ajarn Suthep klärt uns auf über die Grundideen des Buddha, deren Ausgangspunkt ist, dass alles Leben Leiden bedeutet, und dass ein Ende dieses Leidens, das Nirvana, das Bestreben aller Spiritualität ist. Ursprung des Leidens sind hauptsächlich Wünsche und Sehnsüchte. Mit einigen der theoretischen Ideen hinter unserer Meditationspraxis erkläre ich mich nicht einverstanden, aber das ist auch nicht nötig, wird doch immer wieder betont, dass auch sehr einfache Leute die Erleuchtung durch Meditation erlangt haben, ohne überhaupt jemals etwas über die ganze Theorie gehört zu haben. Es wird hier nicht versucht, Menschen zu konvertieren.

Danach bekomme ich eine eineinhalbstündige Massage von einem im Tempel Arbeitenden, da meine Beine, meine Hüften und meine Füße von meinen Wanderungen völlig erledigt sind. Hätte ich nicht immer nach sieben Schritten wieder Kehrt gemacht, hätte ich in der Zeit, die ich in den letzten Tagen gelaufen bin, eventuell schon wieder zurück in Chiangmai sein können, was 200 Kilometer weiter südlich liegt.

Die Angst besiegen

Tag 6 bringt neue interessante Entwicklungen. Den ganzen Morgen und einen guten Teil des Nachmittags setze ich mich mit der Angst auseinander. Angst hatte vor ein paar Jahren eine große Rolle in meinem Leben gespielt, obwohl ich mir ihre Anwesenheit nie erklären konnte. Jetzt fühlt es sich an, als würde ich in meinen Erinnerungen daran wühlen, und alles komme nun erneut zum Vorschein. Dabei ist es entschieden schwerer, die Distanz zu wahren, die ich zuvor zwischen mir und meinen Gedanken aufgebaut hatte, denn diesmal sind eine ganze Menge Emotionen mit im Spiel. Zu guter Letzt jedoch finde ich die Kontrolle wieder. Zu diesem Zeitpunkt liegen etwa fünf Stunden emotionaler Marter hinter mir, und ich fühle mich erleichtert und erstarkt. Hatte ich noch morgens beschlossen, eine Isolation von 3 Tagen zu wagen, habe ich mittags klar in meinen Gedanken gesehen, dass ich einfach nicht der Typ dafür bin. Überlistungsversuche des eigenen Geistes hin oder her; an dieser Stelle möchte ich meinem Bauchgefühl einfach trauen.

Tempel-Leben

Am späten Nachmittag gehe ich noch ein weiteres mal, was in den ersten eineinhalb Stunden weitgehend fruchtlos ist. Jedoch hat man mir gesagt, dass auch ein vordergründig nicht sichtbares Ergebnis durchaus ein Ergebnis sein kann. Dann jedoch sprudeln die Erinnerungen wieder und ich lasse sie vor meinem geistigen Auge passieren wie die einzelnen Bilder eines Filmes. Ich erinnere mich an Dinge, an die ich bestimmt seit 10 Jahren nicht gedacht habe. Noch dazu sehe ich alles in einer beeindruckenden Klarheit. Was für mich völlig unverständlich ist, ist die Reihenfolge der Bilder, die durch meinen Kopf ziehen. Es scheint keinen Zusammenhang zu geben. Das eigentliche Problem ist jedoch wohl eher, dass der Zusammenhang tief in meinem Unterbewusstsein zu finden ist. Um dorthin zu gelangen, braucht man vermutlich mehr als fünf Tage Praxis.

Als ich abends dann endgültig beschlossen habe, dass Isolation einfach nicht das Richtige für mich ist, entkrampfe ich mich sichtlich. Auch andere Meditierende, die schon länger dort sind, bestätigen mich darin, bei dieser Entscheidung meinem Gefühl zu folgen. Sie sagen, dass man irgendwann einfach weiß, dass man nun in Isolation gehen muss, um weitere Fortschritte zu machen. Ich bezweifle, dass ich in den nächsten Tagen noch an diesen Punkt kommen werde.

In den letzten Tagen sind mehrmals Leute aus zweiwöchigen Isolationen gekommen. Diese sitzen dann für gewöhnlich mit verzücktem Gesichtsausdruck vor ihrem Essen, ihre Augen strahlen nur so durch den Raum. Wenn sie ihr Essen kauen, meint man, die Geschmackserlebnisse in ihren Gesichtern lesen zu können. Trifft man sie auf dem Gelände des Tempels, muss man staunen über die Langsamkeit, die all ihrem Tun zugrunde liegt.

Endlich: Fokussierung!

Am Abend merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht die verbleibenden Tage bis zur Abreise gezählt habe. Mit einem Gefühl von Überraschung stelle ich zudem fest, dass ich mich die ganze Zeit im Tempel über nach nichts besonders gesehnt habe. Ich habe weder an kulinarische oder soziale, noch an sexuelle Versuchungen auch nur einen Gedanken verschwendet. Diese Redewendung gewinnt angesichts des Gelernten zudem eine neue Bedeutung.

Den siebten Tag verbringen wir fast geschlossen auf einem Berg, der zwei Autostunden entfernt liegt. Dort will Ajarn in naher Zukunft ein neues Meditationszentrum errichten und wir besichtigen das Gelände und genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit. Vom Besitzer des Geländes, der dort oben eine organische Farm betreibt, werden wir herzlich empfangen und herumgeführt.

Auf dem Heimweg schaffe ich es, mit einer simplen Fingerübung zu meditieren. Obwohl ich bei großen Schlaglöchern und einem kilometerlangen staubigen Feldweg auf der harten Pritsche eines Pick-Ups sitze, befinde ich mich in einem Zustand kompletter Entspannung und Kontemplation.

Ein unwirklicher Moment

Am Morgen des achten Tages trete ich nach zweistündiger Meditation aus der Chanting Hall heraus ins gleißende Morgenlicht. Die Halle liegt auf einem Hügel, und direkt vor der Tür beginnt ein kleiner Pfad, der den Hügelkamm entlangläuft und der von herabgefallenen Blättern übersät ist. Während ich voller Bewunderung auf die Schönheit dieser Umgebung schaue, bemerke ich einen großen Schmetterling, der vor mir zu kreisen scheint. Ich halte die Luft an und bewege mich nicht. Und tatsächlich landet er kurz mitten auf meinem Kopf! Ich bin begeistert.

Auf dem Weg zur Küche komme ich mit einem koreanischen Mönch ins Gespräch, der soeben gegen eines der 227 Gesetze für Mönche verstößt, indem er Kürbisse pflanzt. Er sagt, dieser Tempel sei nicht so streng. Das gelte nicht nur für den Vipassana-Bereich für ausländische Schüler, sondern auch für die zahlreichen Mönche, die hier dauerhaft leben.
Nach dem Frühstück reist eine ganze Gruppe Meditierender ab, und ich freue mich auf meine eigene Abreise. Ich habe mir jedoch vorgenommen, noch zwei Tage lang zu praktizieren. Am Morgen kehre ich zwei Stunden lang die Strasse, was laut Gabriel eine ebenso gute Meditationsübung sei wie jede andere Beschäftigung, wenn man sie mit der richtigen Aufmerksamkeit ausführe. Im Laufe des Tages jedoch merke ich, dass ich nurmehr Zeit totzuschlagen scheine. Zudem habe ich ein wirklich starkes Gefühl, so viel aus diesem Kurs mitgenommen zu haben, wie im Moment möglich ist, daher beschließe ich, am nächsten Tag den Rückweg nach Chiangmai anzutreten. Mehrmals denke ich, dass ein paar Tage Isolation vielleicht noch bessere Ergebnisse hätten bringen können. Aber ich nutze meine neu erworbenen Fähigkeiten, um diese Gedanken einfach in die Flucht zu schlagen.

Leben und leben lassen

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fege ich mein Kutti und verabschiede mich von den Hunderten von Ameisen in und um meine Kloschüssel. Da der buddhistischen Meditation die Haltung zugrunde liegt, keinem Lebewesen zu schaden, habe auch ich stets versucht, so wenige dieser kleinen Freunde wie möglich zu zertreten oder herunterzuspülen.

Ich mit Ajarn Suthep und einer Assistentin

Ich danke Ajarn und den anderen in Wat Thaton Arbeitenden für die wundervoll friedliche Atmosphäre, die guten Ratschläge, und das fabelhafte Essen und gebe ihm meine Spende von umgerechnet 50 Euro. Er umarmt mich, und mit seinem immerwährenden Lächeln im runden freundlichen Gesicht mit der Nickelbrille sagt er, er hoffe, mich eines Tages wiederzusehen. Und das, so antworte ich ihm, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich.

Für Interessierte:
www.wat-thaton.org

Für nähere Informationen zur Vipassana-Meditation:

Geschrieben von
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