1000 Pannen vor Kazantip – Osteuropa in Schrottautos

Mostar, Bosnia

Dies ist das Reisetagebuch eines bekloppten Trips gen Osten mit Ziel Kazantip. Für viel mehr Fotos des Trips geht es hier zur Galerie!

Update 2014: Ein Trailer zur TV-Serie über unseren Trip!

Auf nach Kazantip: Intro

Warum musste ich diese Freaks treffen?! Das Leben hätte ohne sie so einfach sein können… Irgendwie gefällt es mir aber auch ein bisschen!

In den letzten 10 Tagen haben wir die billigsten und schlechtesten Karren gekauft, die wir finden konnten. Es war ein unglaubliches Theater, diese dann auch noch repariert und zugelassen zu bekommen. Während dieser Tage haben wir echt ein paar außergewöhnliche Charaktere getroffen. Man glaubt gar nicht, was es für Typen gibt, bevor man mal auf Gebrauchtwagensuche geht… Eines der Autos etwa war komplett bedeckt mit Kartons und Tüten voller altem Brot. Wir halfen dem Besitzer dann beim Bewegen des Backwerks in eine andere Ecke seiner dubiosen Garage. Dann stellten wir fest, dass dieses Auto es wohl nicht bis in die Ukraine schaffen würde. Der Typ sagte, die Bremsen funktionieren so zu 75%. Wir schätzten sie eher auf 25

Worum geht’s hier?

Ich arbeite als Produktionsleiter einer TV-Serie namens ‚Party Chasers‘. 15 Leute in 5 Autos werden fahren, dann feiern, dann wieder fahren und dann wieder feiern. Unser Ziel ist die Ukraine. Genauer: Die mysteriöse Strandparty namens Kazantip ist, wo alle hinwollen. Doch wir werden nicht den direkten Weg dorthin nehmen. Erst mal geht es via Tschechien und Ungarn an die Mittelmeerküste, dann durch Bosnien, Serbien, Rumänien und Moldawien bis ans Schwarze Meer. Zumindest ist das der Plan.

Gut für mich: Ich kann schreiben und arbeiten zur selben Zeit!

Schlecht für mich: Dabei wird vermutlich nicht viel Zeit zum Schlafen bleiben.

1000 Pannen vor Kazantip: Reiseroute nach KazantipGeplante Route ist selten gleich gefahrener Route…

Auf nach Kazantip: Berlin – Cesky Krumlov (geplant)

Mit einem Tag Verspätung brachen wir auf in Richtung des tschechischen Cesky Krumlow. Die Autos waren nicht rechtzeitig fertig geworden, die Teilnehmer hatten die Berliner Clubs testen wollen und wir als Crew hatten noch mehr Zeit für die Organisation sowie eine letzte Nacht Schlaf gebraucht. Wien war längst vom Reiseplan verschwunden. Nun mussten wir wohl auch noch Prag streichen, wenn wir es rechtzeitig zur Party am Schwarzen Meer schaffen wollten.

Ich hatte mein Auto bereits ordentlich zugerichtet. Nach der Abschiedsparty auf einem Stück brachliegenden Mauerstreifens war ich mit zu vielen Passagieren über ein paar Gleise geheizt und hatte mir den Auspufftopf halb abgerissen. So jedenfalls hatte Dora einen guten Sound, als wir Berlin endlich in Richtung Süden verließen.

1000 Pannen vor Kazantip: Schrottautos vor Berliner Mauer
Die Teilnehmer wählen ihre Waffen.

Unser Konvoi bestand aus sieben Fahrzeugen. Fünf davon sahen ziemlich außergewöhnlich aus, da sie in den Tagen zuvor noch von Berliner Grafitti-Künstlern verziert worden waren. Die beiden Produktionsfahrzeuge fuhren vorne und hinten, aus den Fenstern hingen unsere Kameraleute. Wir ernteten eine Menge interessierter Blicke auf unserem Weg aus der Stadt.

Als wir gerade durch gelbe Felder und scheinbar endlose Wiesen fuhren, begann der tropische Wolkenbruch, den die Hitze der letzten Tage angekündigt hatte. Es regnete dermaßen heftig, dass ich mir schon bald vorkam wie in einem Boot. Das alte Ford Cabrio aquaplante sich quer über die ganze Fahrbahn, während der Regen seinen Weg durch das mitgenommene Plastikdach fand. Es war schwer, die Kiste noch zu kontrollieren. Und es war fast unmöglich, noch irgendetwas zu sehen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns alle aus den Augen verloren. Aber im Grunde sollte ja ohnehin jeder seinen eigenen Weg zum nächsten Etappenziel finden. Daher machte ich mich nicht weiter verrückt, legte die Dancehall-CD ins Radio und cruiste langsam weiter, so gut es eben ging. Jeden Tag offenbarten sich weitere Dinge, die an meinem Wagen defekt waren. Nun merkte ich, dass auch die Heizung hinüber war. In welche Richtung ich die Knöpfe auch drehte, immer schoss heiße Luft aus den Lüftungsschlitzen. Meine Füße schienen fast zu schmelzen und nach nur kurzer Zeit spannte mein Gesicht vor Trockenheit.

Nur ein paar Kilometer weiter passierte ich plötzlich eines der Teilnehmerfahrzeuge auf dem Standstreifen der Autobahn. Aus dem Augenwinkel erblickte ich das norwegisch-kanadische Team nebendran, ihre Gesichtsausdrücke verrieten Besorgnis. Weißer Rauch quoll unter der Haube des Daihatsu Move hervor. Von diesen Kisten hatten wir gleich zwei im Paket gekauft, und ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl dabei gehabt.

Ich nahm die nächste Ausfahrt und fand nach einigem Suchen bei einer Tankstelle in einem kleinen Dorf ein Abschleppseil. Die Sonne war nun wieder herausgekommen und die sächsische Landschaft mutete hügelig und hübsch an. Einige der engen Straßen hatten nicht mal Mittellinien, und ich zählte mehr Kühe als Menschen. Die wenigen Leute, die ich entdeckte und nach dem Weg fragte, waren sehr freundlich und sprachen mit einem markanten Dialekt. Nach ein paar Ab- und Auffahrten der Autobahn fand ich meine Leute schließlich wieder, die nun in Begleitung eines der anderen Teams sowie des zweiten Produktionsfahrzeuges waren. Nun standen zwei bunte Schrottkisten schlecht geparkt auf dem Standstreifen. Ich war verblüfft, dass die Polizei uns bisher nicht die geringste Beachtung geschenkt hatte.

1000 Pannen vor Kazantip: Erste Panne auf der Autobahn
Keine 100 Kilometer von Berlin verlieren wir das erste Fahrzeug….

Wir überlegten, was wir tun konnten. Der Daihatsu Move würde aus eigenen Kräften so bald nirgends hinfahren, so viel stand fest. Schon gar nicht nach Kazantip. Ein Abschleppwagen aber war zu teuer und entsprach auch nicht dem Geist unseres Vorhabens. Und so entschieden wir uns dafür, die Kiste selbst abzuschleppen, auch wenn das illegal war. Der Plan war, in das Dorf zurückzufahren, wo ich das Abschleppseil gekauft hatte, um dort nach Hilfe zu suchen.

Ich hatte ein gutes Gefühl gehabt mit diesem Dörfchen und dieses Gefühl sollte mich nicht trügen. Zwar wollte der erste Mensch, den wir anhielten, nicht mal mit uns sprechen. Der zweite jedoch hatte einen Freund mit einer Werkstatt. Und so wussten wir schon eine halbe Stunde später, dass der Daihatsu nach nur 200 Kilometern bereits tot war, dass der Kumpel unseres sächsischen Kontaktes ihn für uns entsorgen würde und dass das nun fahrzeuglose Team bei ihm sogar für wenig Geld ein neues Auto erstehen konnte. Noch besser: Dieser Volvo war wesentlich größer, in besserem Zustand, und wir konnten ihn gleich am nächsten Morgen zulassen. Damit nicht genug, würde Franco, unser neuer Freund, uns auch noch Dresdens Nachtleben zeigen. Wir entschieden daher, dass acht Leute in Dresden bleiben sollten, während der Rest weiterzog, um die Anderen zu finden. Das beste Hostel der Stadt hatte noch zwei Zimmer mit jeweils vier Betten frei. Offenbar hatte es so kommen sollen.

Dresden – Cesky Krumlov

Nachdem wir den Kauf besiegelt hatten, checkten wir im Kangaroo Hostel ein, das zwar nette Zimmer hatte, aber auch so viele Regeln, dass es ein wenig zu deutsch für meinen Geschmack war. Dresden selbst wirkte vielerorts bereits wie Osteuropa mit all seinen leerstehenden Häusern, zwielichtigen Gebrauchtwagenhändlern und den kaputten Straßen.

Unser Held Franco hielt sein Versprechen und führte uns kurz später tatsächlich aus. Wir landeten in einem Rockabilly Laden, wo wir zahlreiche Feldschlösschen Biere kippten und gemeinsam eine gute Zeit hatten. Je mehr wir von unserem Vorhaben mit Ziel Kazantip erzählten, desto mehr fand Franco Gefallen daran. Nach ein paar Drinks verkündete er vollmundig, dass er sich uns einfach in seinem alten Passat anschließen würde. „Ich fahre eh immer in Schrottkisten durch die Gegend“, begründete er seine Entscheidung.

Ziemlich verkatert quälte ich mich am nächsten Tag aus dem Bett, da ich ein Teammitglied zur Zulassungsstelle begleiten musste. Der freundliche Türke, der uns die Versicherung für den Volvo verkaufte, krümmte sich vor Lachen, als ich ihm von unserer geplanten Route erzählte. Gut, dass er die anderen Autos nicht gesehen hatte.

Nachdem die neue Kiste beladen und mit Kennzeichen versehen war, ließ ich mir noch schnell von Francos Freunden Doras Auspuff schweißen. Diese bewiesen ein weiteres Mal, was für großzügige Typen sie waren, indem sie mir dafür so gut wie nichts berechneten. Franco jedoch schien seine Meinung wieder geändert zu haben. Wir konnten ihn nicht mehr erreichen. Doch es wurde nun wirklich Zeit, dass wir endlich aus Deutschland rauskamen.

Wir besichtigten noch schnell Dresdens Altstadt. Franco hatte uns erzählt, dass die Leute Jahre damit zugebracht hatten, nach dem 2. Weltkrieg wieder jeden Stein dorthin zu bringen, wo er vor den Bombardements gewesen war. Dieses Wissen im Hinterkopf machte die Altstadt noch eindrucksvoller.

Nur eine Stunde später hatten wir bereits die tschechische Grenze überquert und fuhren nun durch sattgrüne Hügel. Endlich hatte man das Gefühl, mal ein paar Kilometer zurückzulegen. Wir hielten an Straßenständen, wo wir mit den Einheimischen scherzten und saftige Früchte kauften. Je südlicher wir kamen, desto heißer wurde es. Alle waren in Hochstimmung.

Noch weit von Kazantip: Prag

Wir einigten uns darauf, doch noch kurz in Prag zu halten. Die meisten von uns hatten die legendäre Stadt noch nie gesehen und auch ich selbst hatte es noch nie dorthin geschafft. Als wir inmitten der Rush Hour in die Stadt einfuhren, hatten wir wenig Hoffnung, noch einen Parkplatz zu ergattern. Aber überraschenderweise verließen zeitgleich drei Wagen ihre Parkplätze und ließen uns unsere schrägen Gefährte direkt neben der Fußgängerzone parken. Prag erwies sich als außerordentlich fotogenes Städtchen mit all seinen Plätzen, engen Gassen, uralten Gebäuden und den vielen Brücken.

Die letzten 24 Stunden hatten die Leute in unserer kleinen Gruppe einander wirklich näher gebracht und so hatten wir eine Menge Spaß, während wir Fotos schossen und Bier am Flussufer tranken. Natürlich verließen wir die Stadt nicht wie geplant eine Stunde später. Ich musste den Tourguide in mir unterdrücken, der das Ganze doch etwas effizienter gestalten wollte. Die Gruppe kaufte Absinth und Bier in einem Alkohol-Geschäft. Leicht angetrunken sahen wir dann der berühmten astrologischen Uhr beim Klingeln zu. Dann machten wir uns zurück in die Autos.

1000 Pannen vor Kazantip: Ausblick auf Prag

Tschechien schien wirklich ein dunkles Land zu sein. Gar nicht weit von der Stadt entfernt war es buchstäblich pechschwarz. Die Dunkelheit, gepaart mit Straßen, die erst ewig nur geradeaus gingen und dann immer mal urplötzlich einen Knick machten, war eine ganz schöne Herausforderung. Doras Scheibe war so verkratzt, dass die Lampen des entgegenkommenden Verkehrs die Sache noch zusätzlich erschwerten. Was ich jedoch glücklicherweise sah, war ein Schild mit der Aufschrift restauracie. Da wir alle hungrig waren, fuhren wir für eine kurze Pause raus. Dieser kleine Ort im Nirgendwo hatte wirklich alles, was man wollte: Gutes Essen, einen sehr humorvollen Kellner, junge Katzen und einen Minigolfplatz! Während wir so aßen, bemerkten wir, dass Bruno, unser Hauptkameramann, doch tatsächlich seine Tasche in Dresden vergessen hatte. Nicht ganz so gut. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es nicht viel, was wir tun konnten.

Als alle anderen Gäste das Restaurant verlassen hatten, legte der Kellner umgehend Drum’n’Bass Musik auf und begann, eine große Tüte zu rauchen. Nur ein paar Minuten später rollte er auch für unsere Gruppe einen Joint, und so wurde das ohnehin schon wahnsinnige Gelächter immer schlimmer. Ein Stopp an einer Tankstelle kurz später entwickelte sich zu einem der witzigsten Momente seit Monaten. Wir alle konnten partout nicht mehr aufhören zu lachen. Selbst die Tankstellen-Angestellten kicherten nach anfänglicher Skepsis vor sich hin.

Obwohl wir recht müde waren, kämpften wir uns dann noch durch die letzten anderthalb Stunden bis Cesky Krumlov. Dort wurden wir vom kläglichen Rest unserer Gruppe begrüßt, die verschiedene Stadien von Zerstörtheit darboten. Sie hatten den Nachmittag mit einer Sauftour auf Flössen verbracht, daher war auch bereits die Hälfte im Bett. Der Rest bot keinen schönen Anblick. Wir tranken ein paar Biere in einer Kneipe namens Apoteka, wo einige Tschechen tanzten, während andere bereits mit dem Kopf auf der Bar dösten. Dann schlief ich wie ein Baby in einem Zimmer, das an eine Folterkammer erinnerte mit seinen meterdicken Wänden, den hölzernen Möbeln und den kleinen Fensterchen. Das Hostel hatte unserer Crew ein Zimmer im Turm der Dorfbrücke gegeben.

Cesky Krumlov – Budapest

Als ich nach viel zu wenig Schlaf erwachte, nutzte ich die kurze Verschnaufpause, um diese schräge kleine Stadt wenigstens kurz zu erkunden. Der Ort wirkte wahrlich wie ein Dörfchen aus dem Mittelalter – Kopfsteinpflaster, uralte Gebäude, Zugbrücken und eine Stadtmauer. Wieder zurück unterhielt ich mich kurz mit den englischen  Betreibern des Hostels. Marc war bereits mehrmals mit einem Motorrad um die Welt gefahren und war recht angetan von unserer Art des Reisens. Brennan hingegen erzählte mir Geschichten über das außergewöhnliche Gebäude des Hostels, die alle darauf hinausliefen, dass es in den alten Mauern spukt. Das zumindest könnte daran liegen, dass es während der Pest als Krankenhaus diente, in dem Tausende den Tod fanden.

1000 Pannen vor Kazantip: Stadttor von Cesky Krumlov

Nachdem wir ein paar Dinge organisiert hatten, machten wir uns auf den Weg nach Budapest. Jedes der Teilnehmerfahrzeuge fuhr nun auf eigene Faust, wie es ursprünglich gedacht war. Wir hofften, dass nicht wieder jemand liegenblieb. Unsere Kameraleute waren auf die einzelnen Fahrzeuge verteilt, um nichts zu verpassen, und so blieben am Ende nur noch John, Tony und ich mit den beiden Kazantip Produktionsfahrzeugen. Der Himmel hatte sich nun aufgeklart und so fuhr ich endlich mit offenem Verdeck. Wir durchquerten einen schmalen Streifen Österreichs und zogen durch wundervolle Berglandschaften. Die Bauern fuhren ihr Heu ein und der süße Geruch frisch gemähten Grases hing schwer in der Luft. Unterwegs lehnte doch tatsächlich eine Anhalterin mein Angebot ab, sie mitzunehmen. Ich machte dafür mein schräges Auto verantwortlich und die Musik, die aus den Boxen plärrte. John und Tony, die hinter mir fuhren, konnten nicht aufhören zu lachen.

Der Weg nach Budapest zog sich. Nach knapp 100 Kilometern auf Landstraßen war der Rest der Strecke nur noch Autobahn und so gab es deutlich weniger zu sehen. Wir stoppten nur einmal kurz bei einem Imbiss, wo man uns Würste und Käsebrot auftischte. Die Einheimischen erwiesen sich als sehr nett, und auch hier war Österreich mehr als sehenswert.

Kurz nach der ungarischen Grenze fuhren wir an einer alten Kupfermine samt Arbeiterstadt vorbei. Zur Linken erblickte man eine gigantische Adler-Statue, während rechts ein Meer von hässlichen Kommunismus-Betonburgen vorbeizog. Die beiden Länder unterschieden sich in ihrer Erscheinung doch deutlich. Tatsächlich wirkte es auf schräge Art und Weise sogar so, als sei das Licht in Ungarn ein ganz anderes.

Wir rollten nach Budapest rein, als die Sonne gerade kamerawirksam unterging. Wie schon ein paar Mal zuvor spielte der Zufallsgenerator an meinem mp3-Radio die besten Lieder genau im richtigen Moment. Aus dem Tunnel auf die Kettenbrücke zu gelangen, die erste Brücke, die je über die Donau gebaut worden war, war nicht weniger beeindruckend als bei meinem letzten Besuch. Und nun sahen die Häuser auch nicht mehr aus wie in den Arbeiter-Silos, die wir passiert hatten. Sie waren zwar mitgenommen und vernarbt von einem Jahrhundert voller Abgase, aber gebaut in pompöser Architektur. Dazu die breite, sich durch die Stadt windende Donau und der gigantische Palast auf dem Hügel. Es war schwer, Budapest nicht zu mögen.

Wir versuchten, in einem Hostel einzuchecken, aber die Polizei hatte das ganze Gebäude abgeriegelt und ließ niemanden rein oder raus. Anscheinend hatte es gerade einen groß angelegten Diebstahl gegeben. Die fast 20 Polizisten schienen etwas überrascht von uns, einem Haufen schmutziger Kazantip Menschen, die sich über Walkie-Talkies verständigten.

Da die Leute alle zu unterschiedlichen Zeiten eintrudelten und ich leider für 4 Personen weniger reserviert hatte, als wir wirklich waren, bedeutete das eine ganze Menge Organisationsarbeit für mich. Es kostete mich knapp eine Stunde, alles so zu regeln, dass am Ende auch jeder ein Bett hatte. Mein Hirn fühlte sich an, als sei es während der 8 Stunden in der Sonne regelrecht frittiert worden. Als ich mich dann nach ein paar Bieren und einer Dusche kurz hinlegte, wachte ich leider nicht mehr auf.

Nötige Pause vor Kazantip: Freier Tag in Budapest

Ich wurde wach, als nahezu unsere gesamte Kazantip Gruppe morgens um 8 ins Zimmer zurückkehrte. Sie lachten und quatschten und waren besoffen jenseits der Zurechnungsfähigkeit. Als mir dämmerte, dass ich eine von nur zwei Personen war, die diese wilde Nacht in Ungarns Hauptstadt verpasst hatte, fühlte ich mich plötzlich älter als je zuvor. Ich verpasse die Party? Das war wirklich noch nie passiert. Zwar war ich nun der Einzige, der es zum Frühstück schaffte, während es noch Käse gab, und zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich ausgeruht, aber das war nun wirklich alles ein schwacher Trost.

Ich erkundete die Stadt gemeinsam mit den Kazantip-Crew-Mitgliedern Joanne und Tony. Jo war eine aufgekratzte Kanadierin, die sich für Kunst und Musik interessierte. Johns Freund Tony kam aus Washington, war bei allen seinen schrägen Touren dabei gewesen und hatte eine Menge zu erzählen.

In der erbarmungslosen Hitze wanderten wir an der mächtigen Donau entlang und Budapest belohnte uns dafür mit den besten Aussichten auf das Schloss an der anderen Flussseite. Wir kühlten uns ein wenig ab in der riesigen Markthalle, wo wir Souvenirs kauften und ein paar ungarische Spezialitäten probierten. Ein Langos-Mittagessen rundete den Besuch ab. Dieses fetttriefende Brot mit saurer Sahne war wirklich köstlich. Als wir auf dem Rückweg einen Second-Hand-Laden für Möbel und Nippes passierten, fand Joanne doch tatsächlich ein Bild jenes Motivs, das sie als Tattoo auf ihrem Rücken trägt. Die Angestellten des Ladens waren sehr herzlich, und so langsam gefiel mir die Stadt immer besser.

Als wir ins Hotel zurückkehrten, waren auch die Anderen aus dem Koma erwacht und wollten ein bisschen was von der Stadt sehen. Budapest ist mit einer Menge Mineralquellen gesegnet. Während der langen türkischen Herrschaft hatte man zahlreiche Saunen und Bäder gebaut. Die meisten von ihnen sind noch heute intakt. Wir entschieden uns für das berühmteste, Szechenyi, großflächig mitten im Park gelegen. Umgeben von malerischer Neo-Barock-Architektur dümpelten wir den Rest des Nachmittags in Pools mit unterschiedlichen Temperaturen und versuchten in den angrenzenden Saunen die Drinks der letzten Tage auszuschwitzen. Alte ungarische Männer spielten in den Pools Schach mit wasserfesten Figuren. Der gesamte Ort versprühte eine sehr gemütliche Atmosphäre. An unseren Badenachmittag schlossen wir ein opulentes Dinner im Zentrum der Stadt an. Budapest schien wirklich eine Menge mehr zu bieten, als wir in der kurzen Zeit entdecken konnten.

1000 Pannen vor Kazantip: Zirkus bei Szechenyi

Nach dem Essen trafen wir uns alle im Hostel und besprachen, wie die Kazantip Tour weitergehen würde. Wir hatten ja noch nicht einmal ein Fünftel der Strecke nach Kazantip hinter uns gebracht. Im Grunde ging das Fahren jetzt eigentlich erst richtig los. Alle waren überrascht zu hören, dass ein Team bereits aufgeben und tags drauf nach Berlin zurückfliegen würde. Offenbar war unsere Art zu reisen einfach nicht ihr Ding. Ein anderes Mädel war in der Nacht zuvor in Kotze ausgerutscht und hatte sich das Knie verdreht. Auch sie würde uns nicht weiter begleiten. Ich dachte kurz bei mir, dass unsere Gruppe, wenn wir weiter Leute in diesem Tempo verloren, bald nur noch aus Crew bestehen würde.

Nach unserem Treffen stand natürlich eine weitere Party an. Dieses Mal wollte ich definitiv dabei sein. Wir trafen uns alle im Szimpla, einer Art besetztem Haus. Der Laden war völlig runtergekommen und dekoriert mit allerhand schrägem Kram. Kein Dresscode, keine Türsteher, alles improvisiert – Szimpla war genau mein Ding. Der einzige Wermutstropfen war vielleicht, dass es eher zum Trinken als zum Tanzen gebaut schien. Wir nahmen ein paar Drinks und zum ersten Mal bemerkte ich, dass wir doch alles in allem eine witzige Truppe waren. Nach einer Weile gingen wir vernünftigerweise nach Hause, da wir wussten, wir hatten eine lange Fahrt vor uns. Plötzlich schien dieses ganze Konzept – den ganzen Tag fahren und die ganze Nacht feiern – nicht mehr so wirklich Sinn zu machen.

Von Budapest nach Split

Der Verlust von Kazantip Teilnehmern bedeutete, dass wir einen Wagen zurücklassen mussten. Die Jungs aus Philadelphia tauschten ihr Auto gegen den alten Ford Fiesta. Sie befürchteten, dass auch ihr Daihatsu Move es nicht bis auf die Krim schaffen würde und wahrscheinlich lagen sie damit richtig. Der andere Move war nicht mal bis Dresden gekommen und es schien, als sei diese Art Auto einfach nicht für Fahrten außerhalb der Stadt gemacht. Leider sah der Fiesta allerdings auch aus, als hätte er schon bessere Zeiten gesehen. Den Daihatsu ließen wir im Parkhaus zurück.

Wir starteten relativ früh. Am Abend zuvor hatten wir beschlossen, von nun an doch im Konvoi zu reisen. Einige Leute hatten sich auf dem Weg nach Budapest grandios verfahren. Offenbar hatten sie zwar eine Menge Spaß in Slowenien gehabt, aber sie waren erst sechs Stunden nach uns im Hostel angekommen. Zusammenzubleiben war eine vernünftige Entscheidung, auch wenn das bedeuten konnte, dass wir uns nun alle gemeinsam verfuhren. Wir merkten jedoch, dass es tatsächlich viel mehr Spaß machte, als mit nur einem oder zwei Wagen unterwegs zu sein. Man konnte zudem deutlich sehen, dass die zwei Tage in Budapest die Gruppe noch ein ganzes Stück näher zusammen gebracht hatten. Und so waren wir guter Dinge, als wir auf der Autobahn in Richtung kroatischer Grenze fuhren. Wenn man eines über unsere eklektische Gruppe aus Amerikanern, Kanadiern, Australiern, Norwegern und mir sagen konnte, dann war es, dass alle einen wirklich guten Humor hatten. Und das machte auch noch die größten Strapazen erträglich.

Kurz nach der Grenze fuhr ich schon bald konzentrische Kreise um eine Tankstelle, um eines der Kazantip Teams zu finden, dass über Funk um Hilfe gebeten hatte und dann abgebrochen war. Die Menschen in den Mauthäuschen mussten mich für minderbemittelt halten, denn mehrfach zahlte ich an einer Ausfahrt, nur um dann direkt wieder in die Gegenrichtung aufzufahren. Nach etwa einer Stunde gab ich die Suche auf. Nun hatte ich auch noch den Rest der Gruppe verloren. Ich wünschte, wir hätten uns doch ein paar Billigtelefone mit internationalen sim-Karten geholt. War man einmal außer Reichweite der Walkies, hatte man im Grunde keine Möglichkeit mehr, die Anderen wiederzufinden. Das war sicherlich abenteuerlich, aber irgendwie auch ganz schön hohl.

Als ich gerade beschlossen hatte, einfach in moderater Geschwindigkeit weiterzuziehen, sah ich die farbenfrohen Autos noch rechtzeitig an einer Tankstelle stehen und bog ab. Gerade waren John und Tony aufgebrochen, um wiederum mich zu finden. Zum Glück konnte sie noch jemand per Funk erreichen. Wir kauften Wasser und Kaffee und machten uns dann wieder in der Gruppe auf den Weg.

Die Sonne knallte so unnachgiebig herunter, dass ich irgendwann tatsächlich das Dach von Dora schloss, um nicht bei lebendigem Leib gegrillt zu werden. Durch meine kleinen Fenster betrachtete ich neugierig die jugoslawischen Häuser, die anders waren als unsere zuhause. Sie waren irgendwie schmaler und viele hatten keinen Anstrich. Aber da war noch etwas, das ich nicht genau benennen konnte.

Als wir endlich die adriatische Küste erreichten, konnte ich kaum glauben, wie wundervoll es dort aussah. Vom glitzernden blau-grünen Meer stieg das Land steil bergan und mündete in spärlich bewachsenen Bergen. Der Sonnenuntergang trug seinen Teil zum Panorama bei. In die engen Buchten hatte man winzige Dörfer gebaut, imposante Brücken verbanden die Klippen miteinander. Alle schienen sehr froh darüber, dass die ganze Gruppe noch immer zusammen war. Wir vergaßen schnell, dass wir gerade zehn Stunden gefahren waren. Wir machten ein paar Biere auf und fuhren dann im Sonnenuntergang weiter. Es dauerte noch eine Weile, bis wir unser Ziel südlich von Split erreicht hatten. Schließlich wollten wir eine TV-Serie drehen und die Adria im roten Sonnenlicht war einfach zu schön, um sie nicht aus jedem Winkel auf Film zu bannen.

1000 Pannen vor Kazantip: Gruppe vor Sonnenuntergang über der Adria

Einigermaßen spät checkten wir in unserem improvisierten Hotel ein. Nun waren einige von uns nicht mehr so guter Dinge, da alle einen Bärenhunger hatten und es offenbar nicht leicht war, hier um diese Zeit noch an etwas Essbares zu kommen. Aber die kroatischen Angestellten waren sehr hilfsbereit und organisierten uns schließlich Pizza, Pasta mit Meeresfrüchten und Salat. Als wir alle gegessen hatten, überspielten wir unsere Erschöpfung, liefen zu einem kleinen Strand und starteten eine Party. Es stellte sich heraus, dass außer mir noch drei Andere Gitarre spielten. Jemand kaufte Schnaps, wir reichten die zwei Gitarren hin und her, der Rest trommelte auf Holz und angeschwemmtem Müll. Ich kann mich nicht an den Rückweg erinnern, es muss also ein gutes Fest gewesen sein.

Freier Tag in Jesenic

Als wir aufwachten, wurde uns erst klar, wie schön dieser Ort eigentlich war. Unser Zeitplan ließ uns zum Glück einen ganzen Tag in diesem kleinen Paradies. Mehrere Häuser teilten sich eine große Betonpromenade, von der aus es Sprungbretter und Leitern direkt ins türkisfarbene Wasser gab. Da unsere Gastgeber nicht genug Platz für uns alle gehabt hatten, hatten einige bei den Nachbarn geschlafen. Diese stellten sich nun als die gastfreundlichsten Menschen weit und breit heraus. Als ich mit einem riesigen Schädel nach draußen wankte, saßen bereits ein paar alte Kroaten um einen Tisch, tranken selbstgekelterten Wein und aßen gekochte Muscheln aus einem Topf. Alle Fenster des gemütlichen Häuschens standen offen und die Männer verfolgten die Olympiade auf einem kleinen Fernseher im Wohnzimmer. Ein paar von uns hatten sich bereits zu ihnen gesellt, aber sie luden weiterhin jeden ein, den sie erblickten. Die Muscheln waren vorzüglich und der Wein kurierte meinen Kater auf der Stelle. Wir feixten herum und kommentierten die Ergebnisse der olympischen Wettkämpfe. Die Alten trugen ein permanentes Grinsen im Gesicht und erklärten uns in recht gutem Englisch, dass ihr Tisch das Zentrum der Welt sei. „We drink here every day“, sagte einer von ihnen und nötigte mich, mein Glas in einem Zug abzukippen. Einige unserer Leute zogen bereits in Betracht, einfach in Jesenice zu bleiben statt weiterzufahren. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein.

Wir schwammen, spielten herum und filmten ein paar Interviews mit unseren Kazantip Teilnehmern. Man machte mich dabei zum Tonassistenten. Die Geräusche der sprechenden Teilnehmer kombiniert mit den kleinen Wellen der Adria ließen mich schon bald in einen kurzen Schlaf fallen, bei dem die Tonangel auf meiner Nase ruhte.

Tony hatte uns ein Boot organisiert und am späten Nachmittag gingen wir, mit einer Menge Bierdosen bewaffnet, an Bord des hübschen Holzkahns. Der Kapitän trank ebenfalls Bier. Er und sein Sohn wirkten fast so zufrieden wie wir selbst, als wir entlang der dalmatischen Küste cruisten. Aus der Entfernung betrachteten wir die kleinen Dörfer mit ihren Kirchen, die wie Gemälde aussahen, und sprangen zwischendurch vom Deck des Boots ins klare Wasser. Der Sonnenuntergang war spektakulär und nur kurz später schälte sich der nicht minder beeindruckende Mond aus den Wolken hinter dem Bergpanorama. Als wir dem Kapitän im Hafen die Hand schüttelten und das Boot wieder verließen, fehlten uns die Worte, um zu beschreiben, was für ein toller Tag das gewesen war.

In einem nahegelegenen Restaurant besiegelten wir das Erlebnis mit einem rustikalen Abendessen. Besonders die Fischsuppe war sehr delikat. Obwohl wir nach dem Essen wirklich erledigt waren, machten wir uns auf in Richtung Split, da alle in der Kazantip Gruppe offensichtlich chronisch an FOMO (Fear of missing out), der Angst etwas zu verpassen, litten. „What, you haven’t been to Split yet? Then we have to go check it out!“

Die Clubs in Split jedoch waren eher von der großen und glitzernden Art mit muskulösen Türstehern, aufgebretzelten Mädels und beschissener Musik. Irgendwie schafften wir es trotzdem Spaß zu haben. Es schien, als könnte man unsere Gruppe im Grunde überall aussetzen und wir würden eine gute Zeit haben.

Von Jesenice nach Sarajevo (geplant)

Die Stimmung war ziemlich angespannt, da einige Leute erst nach stundenlangem Warten ein Taxi aus Split zurück gefunden und dementsprechend kaum geschlafen hatten. Sogar wir, die es viel früher nach Hause geschafft hatten, waren ziemlich erschöpft. Die Sonne brannte auf ein Neues herunter, und wir wollten bis zum Abend eigentlich die komplette Strecke bis Sarajevo fahren. Es gab jedoch noch einige Dinge zu organisieren und sogar noch ein paar Interviews zu filmen, bevor wir los konnten. Ich fuhr in eine große Mall in Split, um endlich ein paar billige Handys samt sim-Karten zu besorgen, da es doch fast täglich ein Problem darstellte, dass man einander nicht erreichen konnte. Jedoch wurde ich in keinem der Geschäfte fündig. Und inmitten der geduschten und hübsch gekleideten Menschen merkte ich, wie schmutzig ich bereits war. Ich fühlte mich wie ein Penner….

Auf meinem Weg zurück passierte ich eine deutschen Typen auf einem Traktor, der einen außergewöhnlich gestalteten Wohnwagen hinter sich herzog. Offenbar war er den ganzen Weg von Göttingen hierher gefahren, mit 25 Stundenkilometern. Respekt!

Als ich zurückkam, hatten die Anderen ihre Unstimmigkeiten geklärt. In einer Gruppe dieser Größe lassen sich Konflikte gar nicht vermeiden, schon gar nicht bei den Bedingungen, unter denen wir reisten. Wir hielten noch mal kurz an einer Tankstelle und machten uns dann auf den Weg. Seltsamerweise schienen unsere bunten Autos an Tankstellen jedes Mal Probleme hervorzurufen. In den Dörfern und auf den Landstraßen lächelten die Leute für gewöhnlich, wenn sie uns sahen. An Tankstellen schrien sie uns in der Regel an.

Entlang der Küste gab es in jeder Serpentine neue atemberaubende Ausblicke. Die Kroaten jedoch fuhren wie Vollidioten und man musste den Blick wirklich immer auf der Straße behalten, wollte man nicht eine der Klippen hinabstürzen. Wir schafften es aber immerhin endlich einmal, im Konvoi zusammenzubleiben. Die Walkies retteten uns hierbei einige Male. Sie waren zudem gut, um ein paar Witze auszutauschen und die Stimmung bei Laune zu halten. Wir passierten ein paar malerische Obststände am Straßenrand, aber leider konnten wir nicht noch mehr Zeit verlieren. Die kurvigen Bergstraßen machten eine Menge Spaß und führten uns bis zur bosnischen Grenze. Wir hatten befürchtet, dass die Grenzkontrolle nicht ganz einfach werden würde, da dies unser erstes Nicht-EU-Land war, aber die Überquerung ging schnell und einfach vonstatten. Danach bewegten wir uns durch lange Täler, die immer mal wieder einen ungezähmten Fluss kreuzten. Die Einheimischen hatten Hütten und Stege am Flussufer gebaut und ich malte mir aus, wie es wohl sein musste, hier zu leben.

1000 Pannen vor Kazantip: Gruppe der Teilnehmer am Strassenrand in Bosnien
Was für eine Crew!

Als wir einen Wald durchquerten, sah ich Schilder, die vor Bären warnten. Das überraschte mich nicht mal sonderlich, denn die Natur um uns herum wirkte wahrlich unberührt. Als ich das letzte Mal in Bosnien war, gab es noch einige zerstörte Panzer am Straßenrand sowie Schilder, die vor Minen warnten. Ich weiß noch immer nicht, ob das damals eine komplett andere Gegend war als nun, aber wir sahen diesmal weder das eine noch das andere.

Mostar

Es war schon recht spät, als wir nach Mostar reinfuhren, aber wir konnten nicht anders als anzuhalten, um die berühmte Brücke zu besichtigen. Daher bogen wir von der Hauptstraße ab und fragten die Einheimischen nach dem Weg. Fast jedes Mal, wenn wir stoppten, bettelten kleine Kinder an unseren Fenstern. Viele der Häuser waren noch immer zerstört oder zumindest übersät von Einschusslöchern. Alles in allem bot sich hier eine triste Atmosphäre. Man wurde an jeder Ecke daran erinnert, dass es hier vor nicht mal 20 Jahren einen sehr grausamen Krieg gegeben hatte.

Wir parkten die Wagen und legten die letzten Meter in die Altstadt zu Fuß zurück. Unser Eindruck von Mostar wandelte sich schlagartig. Die steinernen Häuser in den schmalen Gassen, die lächelnden Menschen, die köstlichen Gerüche bosnischen Essens. Das war tatsächlich ein recht schöner Ort. Stari Most, die Brücke unter UNESCO Weltkulturerbe, jedoch war absolut beeindruckend, auch wenn es sich natürlich um einen Nachbau handelte. Als ich mir vorstellte, wie die verfeindeten Lager hier zwei Jahre lang von beiden Seiten des Flusses aufeinander geschossen hatten, bekam ich fast Gänsehaut. Die Brücke war früh in diesem Konflikt weggebombt worden und man konnte noch immer die Trümmer im klaren Fluss darunter liegen sehen. Mostar war in diesem Krieg fast komplett ausradiert worden. Der ganze Konflikt blieb für uns alle undurchschaubar, obwohl wir einiges darüber gelesen hatten. Die Parteien, die einander bekämpften, wechselten offenbar immer wieder, was es für den Außenstehenden schwierig macht zu verstehen, wer am Ende wen bekriegt hat.

Wir aßen zu Abend in einem Restaurant neben der Brücke. Ab und an kamen Gypsie-Kinder und fragten nach Geld. Von der anderen Seite des Tals konnte man Eurodance-Musik vernehmen. Mitglieder des ‚bridge divers’ club‘ sprangen von der Brücke in den Fluss, wenn sie von den Zuschauern genügend Geld eingesammelt hatten. Alles in allem war das ein ziemlich schräger Ort. Aber er schien uns allen gut zu gefallen. Und so beschlossen wir nach kurzer Diskussion, dass wir für heute genug gefahren waren. Wir würden die Nacht in Mostar statt in Sarajevo verbringen. Da ich als Vegetarier mal wieder nur Beilagen essen konnte und daher vor den Anderen mit dem Essen fertig war, machte ich mich auf ins Dörfchen, um eine Bleibe für uns aufzutreiben. Nur Minuten später fand ich mich inmitten 17-jähriger bosnischer Mädels wieder, die alles über unseren Trip und mich selbst wissen wollten. Als ich alle Fragen beantwortet hatte, stellten sie mich einer freundlichen alten Dame vor, die mir umgehend mitteilte, dass sie mich gerne adoptieren würde. Zunächst einmal aber könnten wir alle bei ihr im Haus schlafen. Sie rief ihren Mann an, der uns, nachdem wir eine Weile gewartet und mit den Einheimischen gequatscht hatten, abholte und uns zum Haus geleitete.

Als wir auf der anderen Seite des Flusses ankamen, realisierten wir, dass wir tatsächlich in einem privaten Haus schlafen würden. Ein paar von uns wurden auf dem Dachboden einquartiert, einige andere in den Schlafzimmern der Töchter, einige in einem Raum, der wie das Schlafzimmer unserer Gastgeber selbst aussah. Damit nicht genug, befand sich das Haus auch noch im Umbau und im Treppenhaus musste man über Berge von Baumaterial steigen. Ich konnte während der Besichtigung nicht aufhören zu grinsen. Das war einfach absurd. Für ein paar unserer Kazantip Leute jedoch war das offenbar zu viel des Guten und sie brachen auf, um sich ein Hotel zu suchen. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Einige der uns anvertrauten Zimmer hatten keine Klimaanlage und, obwohl es bereits 10 war, herrschten noch immer mehr als 30 Grad. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich in Asien jemals eine solche Hitze erlebt hatte.

Nachdem wir unseren Kram geholt und eine Katzenwäsche absolviert hatten, machten sich einige auf, um das Nachtleben Mostars auf die Probe zu stellen. Die Mädels, mit denen ich geredet hatte, hatten ein paar gute Tipps gehabt und immerhin war es Samstag. Aber meine Entscheidung war längst gefallen. Ich brauchte eine komplette Nacht Schlaf, sonst würde ich entweder durchdrehen oder sterben. Den ganzen Tag über musste ich ständig Dieses und Jenes organisieren. Und, anders als die Teilnehmer, die sich mit dem Fahren abwechseln konnten, fuhr ich auch noch die gesamte Strecke selbst. Es stand nicht zur Debatte, wieder nur drei bis vier Stunden Schlaf zu bekommen. Und so versteckte ich mich in meinem Zimmer, als die Anderen aufbrachen, auf dass ich ja nicht in Versuchung geraten konnte.

Ungefähr zweieinhalb Sekunden, nachdem ich mich auf das Bett gelegt hatte, das etwas zu kurz für mich war, war ich auch bereits eingeschlafen.

Von Mostar nach Belgrad

Gegen 7 in der Frühe begannen die Nachbarn, ihr komplettes Haus mit Äxten und Motorsägen abzureißen. Das schien ein guter Moment, um aufzustehen. Jedoch war ich der Einzige, der das so sah. Auf meinem Weg aus dem Haus musste ich ständig über Menschen steigen, die in jeder Ecke herumlagen wie Tote. Dieses Mal bereute ich nicht, dass ich die Party verpasst hatte. Nicht ein bisschen.

Ich wanderte durchs Zentrum von Mostar, diesmal auf der anderen Seite der Brücke. Es gab außer mir kaum Menschen und ein Hauch Morgennebel waberte über dem hübschen Fleckchen. Ich setzte mich vor ein kleines Café und schlürfte einen starken Espresso. Die Bosnier tranken ihren Kaffee fast wie die Türken, stark und süß. Dann entdeckte ich einen kleinen Markt mit sehr freundlichen Marktschreiern, wo ich Weintrauben, Feigen und Pfirsiche für fast kein Geld erstand. Das Obst kam hier nicht von industriellen Plantagen, sondern direkt aus dem Garten der Landbewohner.

Als ich wieder zurück ins Haus kam, hatten die Leute noch immer ihre Mühe mit dem Aufwachen. Wir mussten eigentlich los, wenn wir es bis abends nach Belgrad schaffen wollten. Ich fand jedoch heraus, dass fast alle bis vor ein paar Stunden unterwegs gewesen waren. Sie waren zunächst in einem wilden Club in einer Art Höhle gewesen, dann in einem, der einen olympischen Pool beherbergte. Einer unserer Kazantip Teilnehmer hatte auf die harte Tour gelernt, dass man diesen Pool nicht betreten durfte. Kaum war er hineingesprungen, war er auch schon umstellt von monströsen Türstehern. Diese hatten ihm ins Gesicht getreten und ihn demonstrativ nicht mehr aus dem Wasser kommen lassen. Anscheinend war die gesamte Kazantip Gruppe für einen Moment in Panik geraten. Kein Wunder, in einem Land, wo im Grunde jeder über 30 erst kürzlich einen schrecklichen Krieg miterlebt hat und nicht wenige davon sogar in ihm gekämpft haben. Aber nach ein paar Minuten ließen die Bosnier ihn wieder aus dem Pool und die ganze Gruppe verließ den Club auf der Stelle.

Als ich es endlich geschafft hatte, alle Leute aus dem Haus zu bekommen, mussten wir noch auf jene warten, die im Hotel gepennt hatten. Es kostete mich fast eine Stunde, mit unseren Gastgebern einen adäquaten Übernachtungspreis auszuhandeln und sicherzustellen, dass sie uns in nicht allzu schlechter Erinnerung behalten würden. Es war schwer, ihnen zu erklären, wer letztendlich bei ihnen geschlafen hatte und wer nicht. Zudem hatten sie die ganze Nacht kein Auge zugetan.

Dann ging es los. Wir fuhren ein weiteres Mal durch wirklich malerische Canyons. Flüsse mäanderten entlang der kurvigen Straße. Wir mussten auf ziemlicher Höhe sein, ein paar Mal passierten wir Skiorte, die im sommerlichen Dornröschenschlaf lagen. Ich war sehr froh darüber, wach genug zu sein, um die Schönheit der Landschaft genießen zu können. Aber ich machte mir Sorgen um unsere Kazantip Teilnehmer. Die meisten waren völlig fertig und verkatert. Und tatsächlich waren einige von ihnen nicht mal sonderlich gute Fahrer, wenn sie nüchtern waren. Ein paar der Amerikaner waren zudem vorher noch nie Gangschaltung gefahren und hatten immer noch so ihre Probleme.

Ich hatte Bruno, unseren Hauptkameramann, bei mir im Auto und wir scherzten herum, während er versuchte, so viel wie möglich der spektakulären Ausblicke zu filmen. Auch er war ein Wrack. Jedoch war er vermutlich der witzigste Mensch, den ich seit Jahren getroffen hatte. Praktisch alle zwei Minuten brachte er mich zum Lachen. Doch damit nicht genug, dass er stets am meisten über seine eigenen Witze lachte. Noch Minuten später rief er sich den Witz dann wieder ins Gedächtnis und brach ein weiteres Mal in Lachen aus.

Wir hielten kurz und luden ein polnisches Tramper-Pärchen ein, das ziemlich verblüfft war, nun Teil einer Fernsehserie zu sein. Die Sonne brannte herunter und wir benutzten alle Klamotten, die wir finden konnten, um sie um unsere Köpfe zu wickeln.

Als wir in Sarajevo ankamen, ging es allen wieder etwas besser. Aber es hatte sich ein starkes Hungergefühl eingeschlichen. Wir beschlossen, für ein kurzes Mittagessen zu halten, was schon ein Widerspruch in sich war. Ich machte meinen polnischen Ko-Piloten zum Navigator, aber er schien dafür kein so wahres Talent zu haben. Dummerweise folgten alle Anderen uns.

Nachdem wir ein paar mal im Kreis gefahren waren, stellten wir die Kazantip Autos schließlich in einem Parkhaus ab und liefen den Rest des Weges ins Zentrum. Wir passierten die Brücke, auf der Franz Ferdinand erschossen wurde, was damals den 1. Weltkrieg ausgelöst hatte. Das schien aber auch bereits das einzig Nennenswerte in dieser Stadt zu sein. Sarajevo, genau wie Mostar fast vollständig zerbombt in den 90ern, schien ein nettes Städtchen zu sein, aber leider nicht viel mehr. Es war jedoch beeindruckend zu sehen, wie schnell man die Stadt wieder aufgebaut hatte. Was mir noch auffiel und mich etwas überraschte, waren die zahlreichen Moscheen, die recht hübsch aussahen.

Wir aßen unser Mittagessen in einem großen Innenhof, der an eine mexikanische Hazienda erinnerte. Die meisten bestellten die bosnische Spezialität, einen Teller mit verschiedenen Sorten gegrillten Fleisches. Aber auch für mich gab es leckere Dinge auf der Karte wie etwa gegrillte Paprika und panierten Käse. Das bosnische Brot war so gut, dass wir ständig neue Körbe davon bestellten. Als wir endlich wieder in unseren Autos saßen, waren fast drei Stunden vergangen. Es war nach wie vor unglaublich heiß und wir mussten endlich weiter. Leider hatte ich in keinem der Touristen-Shops ein T-Shirt gefunden mit dem Konterfei von Vučko, dem witzigen Hunde-Maskottchen der olympischen Spiele 1984, der immer so einprägsam „Sarajevo“ gejault hatte. Die paar Menschen, die ich danach gefragt hatte, hatten nachhaltig ihre Köpfe geschüttelt. Ich hatte mich daher entschlossen, mir das Shirt stattdessen auf ebay zu besorgen.

Einen langen Nachmittag lang machten wir nichts als fahren. Die Straßen waren zumeist gut und entlang der Route gab es eine Menge zu sehen. Ständig passierten wir Baustellen. Es schien fast, als würde man gerade alle Straßen auf einmal ausbessern. Was mich dabei überraschte, war, dass man den Verkehr schon kurz nach dem Teeren wieder auf der Straße fahren ließ. Das konnte doch keine gute Idee sein.

Wir erreichten die serbische Grenze, als es gerade begann dunkel zu werden. Um in das nächste Land auf dieser Reise zu gelangen, mussten wir zunächst eine Brücke überqueren. Um Scherereien zu vermeiden, vergewisserten wir uns noch schnell, dass die Walkies alle versteckt waren und wir alle so anständig wie möglich aussahen. Und tatsächlich ließen uns auch die Serben ohne großes Aufsehen passieren. Hinter der Grenze hielten wir kurz an einer Tankstelle, wo wir von ein paar serbischen Kindern bespuckt wurden. Dann zogen wir weiter Richtung Belgrad. Wir waren schmutzig, erschöpft und unsere Köpfe brummten vom ständigen Lärm der Automotoren. Aber man konnte sehen, dass sich nun alle fühlten wie auf einer wichtigen Mission. Die Mission hiess Kazantip! Dora hatte sich unterdessen eine neue Überraschung für mich ausgedacht. Sie ließ sich nicht mehr ausschalten, nicht mal, wenn man den Schlüssel abzog. Und so musste ich sie jedes Mal mit einem Gang abwürgen, wenn wir hielten.

Serbien schien von Anfang an ein Ort vieler verschiedener Gerüche zu sein, von denen die meisten jedoch nicht gerade angenehm waren. Jedes noch so kleine Dorf schien etwas Anderes zu verbrennen. Das war wirklich ein rauchiges Land. Die Ausblicke jedoch machte der Rauch noch schöner, wenn er über den Feldern im Sonnenuntergang waberte.

Wir verfuhren uns einige Male – die iphones, mein altes Navi und die Karten schlugen alle unterschiedliche Routen vor. Aber nach ein paar weiteren Stunden rollten wir endlich über die Donau in die serbische Hauptstadt. Es war gegen Mitternacht.

Kaum waren wir aus den Autos ausgestiegen, wurden wir auch schon von einem Rudel Straßenhunde gejagt. Schnell fanden wir ein Hostel in der Fußgängerzone, das in einem hübschen Viertel der Stadt lag und in der Lage war uns alle unterzubringen. Es wurde betrieben von ein paar sehr liebenswerten und witzigen Typen, die uns mit nur ein paar Begrüßungsworten den ganzen Stress vergessen und wieder lächeln ließen.

Nachdem wir unsere Sachen in die Zimmer geworfen und die wichtigsten Körperteile kurz gereinigt hatten, machten wir uns auf in Richtung Fluss, um die berüchtigten schwimmenden Clubs auf den Booten zu begutachten. Aber es war Montag und auch schon recht spät, und so war im Grunde nirgends etwas los. Ich war darüber nicht sehr traurig, denn ich war schon wieder völlig erschlagen. Nach ein paar Drinks ergab ich mich meiner Erschöpfung und schlief im Auto, bis die Anderen zurückkamen.

Belgrad

Alle waren völlig fertig, was keine große Überraschung war. Die Erschöpfung erreichte wirklich jeden Tag neue Levels. Und so beschlossen wir, eine weitere Nacht in Belgrad zu bleiben. Zwar bedeutete dies, dass wir danach drei Fahrtage in Folge hatten, aber zu diesem Zeitpunkt scherte sich niemand um irgendetwas außer ein wenig Erholung. Wir schliefen einigermaßen lang und hingen dann im Wohnzimmer des netten Hostels rum. Die Betreiber hatten einfach eine alte Wohnung umfunktioniert. Man konnte sich hier schnell zuhause fühlen. Einige von uns wollten Belgrad erkunden, andere wollten einfach nur mal für ein paar Stunden ihre Ruhe.

Die Kazantip Crew beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und ein paar Interviews zu filmen. In den letzten Tagen hatte sich einiges ereignet, und unsere Leute hatten eine Menge loszuwerden über den Kazantip Trip, ihre Mitreisenden und das Leben im Allgemeinen. Mein Job war es, die zu Interviewenden vom Hostel zu den Booten auf dem Fluss zu fahren, eine nette 10-minütige Spazierfahrt durch Belgrad. Nachdem ich mich beim ersten Mal verfahren hatte, verinnerlichte ich den Weg und genoss, es, immer wieder über die Flussbrücke zu cruisen. Ich holte für alle die serbische Spezialität Burek, ein fettiges Gebäck, das man mit Joghurt hinunterspült. Später dann besorgte ich flaschenweise Wasser, eine Fahrt später flaschenweise Bier. Bruno hatte sich als Setting für die Interviews ein leerstehendes Gebäude unterhalb der Brücke über die Sava, Belgrads zweiten Fluss, ausgeguckt. Es versprühte eine apokalyptische Atmosphäre und wir waren die einzigen Menschen weit und breit.

1000 Pannen vor Kazantip: Interview an einer Brücke in Belgrad

Die Hitze war fast unerträglich und ich konnte nicht mal mit schwitzen aufhören, wenn ich völlig stillstand. Ich wollte der Zeitung nicht so ganz glauben, die für heute eine Höchsttemperatur von 39 Grad angegeben hatte. Dann aber klärte mich einer der Hostel-Angestellten auf: Wenn die Temperatur über 39 Grad geht, muss Serbien per Gesetz den nationalen Notstand ausrufen. Daher ist es offiziell nie wärmer. „If they say 39, you can be sure the real temperature is between 40 and 50“, erzählte er mir. Und etwas später stellte sich dann tatsächlich heraus, dass es an diesem Tag 47 Grad warm war, was ihn zum wärmsten Tag des Jahres in Belgrad machte.

Als alle Interviews beendet waren, kehrten wir ins gemütliche Hostel zurück, um zu duschen und uns fertig zu machen. Eine weitere Party stand an. Es war Joannes Geburtstag.

Die meisten der Clubs in Belgrad waren in den letzten Jahren aus dem Zentrum heraus gezogen, hauptsächlich wegen neuer gesetzlicher Regelungen, die Serbien irgendwann einmal den EU-Beitritt ermöglichen sollen. Die meisten konzentrierten sich nun auf eine Ansammlung von Booten auf der Sava, was das Nachtleben schon mal außergewöhnlich machte. Wir bestiegen eines der schickeren Boote. Zu Anfang gefiel mir der Laden nicht sonderlich, da die meisten Gäste sehr herausgeputzt waren und es schien, als seien viele in erster Linie da, um mit ihrem Geld zu protzen. Es gab einen DJ, aber der spielte nur sehr schlechte Remixe von Liedern, die vorher schon nicht gut gewesen waren. Ich stellte mich auf eine langweilige bis nervige Nacht ein.

Überraschenderweise hatten wir aber schon kurz später eine dermaßen gute Zeit, dass wir sogar vergaßen, Essen zu bestellen. Der DJ spielte nun wirklich guten Kram und die Drinks waren sowohl gut als auch günstig. Wir tanzten, trommelten mit Essstäbchen auf Tellern und quatschten für Stunden. Als unser Sushi dann endlich kam, war es bereits 1. Ich hatte mich stets dafür ausgesprochen, doch lieber traditionell serbisch essen zu gehen, aber dieser Club war tatsächlich keine schlechte Idee gewesen. Der Sand unter unseren Füssen, das nächtliche Belgrad auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses und die sehr tanzbare Musik machten den Laden wirklich zu einer Attraktion. Später brachten die freundlichen Angestellten sogar noch eine große Torte für Joanne, was dem Abend die Krone aufsetzte. Tatsächlich machten wir uns dann auch schon bald auf den Heimweg. Jeder schien zu spüren, dass wir ein paar lange Tage vor uns hatten. Sie sollten Recht behalten.

Kazantip rückt näher: Von Belgrad nach Bukarest

Alle schafften es zur verabredeten Zeit in die Lobby, was absolut ungewöhnlich und fast schwer zu glauben war. Wir verabschiedeten uns von unseren serbischen Gastgebern und begaben uns zurück auf die Straße. John und Tony blieben mit dem Passat zurück, da sie ein paar Dinge reparieren mussten. Joanne hatte zudem die ganze Nacht über ziemlich schlimm gehustet, sodass sie beschloss, ebenfalls dazubleiben und einen Arzt aufzusuchen.

Und so geleitete ich das Kazantip Rudel aus Belgrad. Nachdem wir dann alle unsere letzten Dinar in Fast Food und riesige Flaschen Wasser investiert hatten, ließ ich eines der Teilnehmerfahrzeuge navigieren. Dies schien keine wahnsinnig gute Idee gewesen zu sein, denn ein paar Stunden später sah ich plötzlich Schilder nach Bulgarien. Auch wenn ich zu diesem Land wegen meiner Freundin eine starke Beziehung hatte, so hatten wir eigentlich nicht vorgehabt, Bulgarien auf diesem Trip zu besuchen. Rumänien war das Land, das auf unserem Plan stand.

Auch auf dieser Strecke schien es, als würde man überall Straßen bauen. Obwohl die meisten Baustellen unter deutscher Schirmherrschaft standen, waren alle Schilder und Absperrungen improvisiert aus Ästen und alten Plastikflaschen. Es grenzte an ein Wunder, dass nicht ständig jemand in den Graben fuhr. Man musste auf jeden Fall bei der Sache bleiben, denn jede Kurve brachte neue Überraschungen mit sich. An einer Stelle führte uns eine Ersatzstraße gar durch ein ausgetrocknetes Flussbett, wofür ein Geländewagen doch deutlich besser geeignet gewesen wäre. Mir wurde klar, warum wir noch keinen einzigen Sportwagen gesehen hatten, als mein Auspufftopf lärmend auf dem Boden entlangkratzte.

Wir passierten ein paar Pferdekarren. Einige der Kutscher lenkten ihre Pferde im Stehen und schwangen kamerawirksam ihre langen Peitschen. Sie wirkten fast wie römische Wagenlenker. Noch schräger aber sah diese Form der Fortbewegung aus innerhalb der kleinen Städte, die wir passierten und die eine astreine kommunistische Kulisse boten.

Nachdem wir durch immer kleinere Dörfer gefahren waren, erreichten wir endlich die Grenze. Wir waren jedoch in der Tat an der Grenze zu Bulgarien gelandet. Alle schienen mich dafür verantwortlich zu machen, ich jedoch glaubte fest daran, dass es die Teilnehmer selbst versaut hatten. Aber im Grunde war es auch kein großes Problem. Ein paar extra Kilometer würden uns nach allem, was wir in den letzten zehn Tagen erlebt hatten, sicherlich auch nicht umbringen. Der Umweg machte niemandem etwas aus. Einige schienen sich sogar eher darüber zu freuen, noch einen Stempel mehr in ihren Pässen zu haben.

Die Serben an der Grenze entpuppten sich als echte Arschgesichter, die typische Sorte Mensch, der man besser nicht die kleinste Machtposition übertrug. Sie ließen uns zunächst ewig warten, bevor sie uns dann grundlos anschrien. Die Leute auf der bulgarischen Seite hingegen waren sehr höflich und interessiert. Besonders mir gegenüber waren sie die Höflichkeit in Person, da ich wie sie ein EU-Bürger war. Mit einem großen Grinsen und einer ordentlichen Portion Stolz sagte einer der Grenzer zu mir: „This is European Union.’“ Das hatte ich zwar schon gewusst, aber es ließ mich trotzdem lächeln.

Wir fuhren nur etwa eine Stunde durch das nördliche, ländliche Bulgarien. Dann mussten wir auf einer Fähre die Donau überqueren, um nach Rumänien zu gelangen. Die Brücke über die Donau war noch nicht fertiggestellt. Die nächste und momentan einzige andere lag etwa 350 Kilometer weiter östlich. Witzigerweise kannte ich mich im Dörfchen, wo die Fähre ablegte, gut aus, denn ich war erst im Jahr zuvor dort gewesen, als ich per Anhalter nach Bulgarien gereist war. Da seinerzeit niemand hatte anhalten wollen, war ich den gesamten Weg vom Fährhafen in die nächste Stadt gelaufen.

Wir mussten uns beeilen, um noch auf die alte Fähre zu kommen. Mein Wagen war der letzte, der noch drauf musste. Bruno stand wie gewöhnlich auf dem Beifahrersitz um zu filmen. Als ich die Rampe aufs Boot ein bisschen zu schnell nahm, wurde er gegen die Seitenscheibe geworfen und diese explodierte förmlich und überschüttete uns mit kleinen Splittern. Wenn man es sich recht überlegte, war es gut, dass es dort passierte und nicht bei hoher Geschwindigkeit auf einer der Bergstraßen. Nichtsdestotrotz blickten wir einander verdattert an. Ich verbrachte den größten Teil der Überfahrt damit, winzig kleine Scherben aus dem gesamten Wagen zu sammeln. Glücklicherweise hatten wir uns nicht ernsthaft verletzt, nur Bruno hatte ein paar Schnittwunden an den Beinen.

1000 Pannen vor Kazantip: Auf der Fähre von Bulgarien nach Rumänien

Auf der rumänischen Seite waren die Leute ausgesprochen herzlich. Die meisten der Polizisten waren viel zu sehr mit Würfeln beschäftigt, um ihre Aufmerksamkeit unseren Autos zu widmen. Die beiden aber, die unsere Pässe checkten, wollten alles über uns Projekt wissen und gaben uns eine Menge Ratschläge für das neunte Land auf diesem Trip, Rumänien. Uns dämmerte jedoch plötzlich, dass es bis Bukarest immer noch ein weiter Weg war. Und es war bereits 6 Uhr. Höchste Zeit aufs Gas zu drücken.

Rumänien wirkte insgesamt sehr ländlich und die Straßen waren nicht in der besten Verfassung. Wir suchten verzweifelt nach einem Restaurant, aber konnten nichts Richtiges finden. Als wir vor lauter Hunger kurz vorm Durchdrehen waren, hielten wir schließlich in einem winzigen Dorf mit einigen streunenden Hunden, ein paar kauzigen Menschen und einer Menge Pferdemist auf der Straße. Wir stürmten den einzigen Supermarkt und kauften alles, was auch nur ansatzweise essbar aussah. Die Einheimischen machten Gesichter, als sei gerade eine Horde Marsmenschen gelandet.

Als wir dann draußen auf der Straße standen und uns im Sonnenuntergang Sandwiches machten, merkten wir wieder einmal, wie weit von Zuhause wir entfernt waren. Und dazu noch unsere Art der Fortbewegung – das Ganze war doch eine ziemlich coole Sache. Wir grinsten einander an.

Die Straße schien nach unserer Pause kein Ende mehr zu nehmen, was auch daran liegen konnte, dass wir ständig den falschen Schildern folgten. Auch ein paar kleinere technische Pannen verzögerten unser Fortkommen. Doras Elektrik spielte mir ständig neue Streiche. Das Treten auf die Bremse brachte nun nicht mehr die Bremslichter zum Leuchten, sondern stattdessen mein Fernlicht. Das war zwar ziemlich unterhaltsam, aber auch ganz schön unsicher. Die Anderen nahmen mich von nun an in ihre Mitte, damit kein Rumäne in mich hineinfuhr, wenn ich bremste und dabei nur nach vorne leuchtete. Wenn ich besonders stark bremsen musste, drückte ich kurz meinen Warnblinker, um die Anderen zu warnen.

Wir fuhren durch ein paar Kleinstädte, wo sich noch viele Menschen auf der Straße herumtrieben und das Leben pulsierte. Ich wünschte, wir hätten stoppen und uns für einen Drink zu den Einheimischen setzen können. Aber irgendwann mussten wir endlich nach Bukarest kommen.

Nachdem wir die belebten Orte hinter uns gelassen hatten, arbeiteten wir uns langsam übers rumänische Land vor. Doch plötzlich versagte meine Kupplung. Alle hielten auf dem Grünstreifen entlang der Straße. Es gab viel Nichts um uns herum und die Nacht war rabenschwarz. Irgendwo aus der Entfernung vernahmen wir krächzende Balkan-Musik und noch weiter weg jaulten ein paar Hunde, aber das war es dann auch schon. Dies hätte genauso gut das Ende der Welt sein können.

Einige der an uns vorbeifahrenden Autos taten dies in halsbrecherischer Geschwindigkeit und so passten wir auf, dass alle auf dem schmalen Randstreifen blieben. Während der nächsten zwei Stunden versuchte Adam, der letzte Kazantip Kameramann im Bunde, zusammen mit zwei Teilnehmern den Kupplungszug zu reparieren, der gerissen war. Sie verwendeten ein ganzes Arsenal von improvisierten Werkzeugen, aber das Problem ließ sich nicht so einfach beheben. Unterdessen nutzten die Kalifornierinnen die Zeit, um sich zu betrinken und neben ihrem Wagen zu tanzen. Ihr Warnblinker war ihnen eine ausreichende Lichtorgel. Ich für meinen Teil streckte mich auf der Kühlerhaube aus und pennte kurz. Es war immer wieder interessant, wie die Erschöpfung zuschlug, sobald die Spannung auch nur minimal nachließ.

Als die Jungs alles ohne Erfolg probiert hatten, entschlossen wir uns, Dora für den Rest der Strecke ohne Kupplung weiterzufahren und machten uns langsam wieder auf den Weg. Adam hatte ein beeindruckendes Talent, den sogenannten ’sweet spot‘ zu finden, an dem man ein Auto tatsächlich auch ohne Kupplung schalten kann. Doch nach nur einer halben Stunde empfingen wir einen Funkspruch von einem der Kazantip Teams, dessen Auto nun ebenfalls nicht mehr laufen wollte. Also stoppten wir alle auf ein Neues. Es war fast 4 Uhr morgens und nun konnte man bei fast allen deutlich die Müdigkeit und den Stress spüren. Der Renault Twingo der Kalifornierinnen wurde offiziell für tot erklärt. Die Kupplung war komplett durchgeschmort und bei unseren begrenzten Mitteln hatten wir keine andere Wahl, als ihn zurückzulassen. Es war sehr traurig, die Kiste da am Straßenrand stehenzulassen, da sie mit ihrer Alice-im-Wunderland-Bemalung wirklich unser hübschester Wagen war. Aber ein Einheimischer würde schon bald ein kostenloses Auto haben; er musste nur die Kupplung reparieren. Wir ließen den Schlüssel im Zündschloss stecken.

Wir rückten in den verbliebenen Autos etwas näher zusammen und zogen weiter. Nachdem einige nach dem Stress der letzten Stunden kurz die Fassung verloren hatten, schienen nun alle wieder OK. Wir hatten eine Mission und wir mussten zusammenhalten, wenn wir wirklich ankommen wollten.

Bukarest

Das Fahren ohne Kupplung war im Grunde kein großes Ding. Adam wurde von Minute zu Minute besser darin. Aber als wir endlich Bukarest erreichten, sah die Sache plötzlich ganz anders aus. Denn jedes Mal, wenn wir an einer Ampel stoppen mussten, musste ich herausspringen und die Kiste anschieben, wenn es wieder grün wurde. Ich arbeitete mittlerweile auf meinen letzten Kraftreserven, und doch musste ich jedes einzelne Mal grinsen. Nach ein paar Malen hatte ich eine schöne Choreographie entwickelt: Rausspringen, Schieben mit all meiner Kraft, Aufspringen auf den Kofferraum und dann durch das ganze Auto zum Beifahrersitz durchbalancieren, während Adam bereits beschleunigte. Das sorgte für Lacher überall und die Leute in den anderen Autos waren plötzlich alle wieder hellwach und filmten und fotografierten mich aus jedem Winkel. Doch schon bald entwickelten wir eine noch bessere Methode, um an der Ampel wieder in Gang zu kommen: Das Kazantip Team aus Philadelphia schob mich mit ihrem Fiesta an. Bei den alten Kisten gab es eh nichts zu verlieren. Man stelle sich diese Prozedur nun vor auf einer breiten Allee, die bis auf ein Polizeiauto völlig leer ist, das vollbesetzt direkt neben uns parkt. Während wir uns in beiden Wagen seriös gaben, setzten die Jungs behutsam ihre Stoßstange an unsere und gaben mir dann mit lautem Knarzen den nötigen Schwung. Kaum waren wir außer Sichtweite der Cops, brachen wir alle in Gelächter aus, das kein Ende nahm. Wenn man derart müde ist, reicht ein kleiner Impuls für einen Lach-Flash, für den man früher ein ganzes Gramm Gras gebraucht hätte.

Als wir endlich das Hostel erreichten, war es bereits taghell. Unsere Gesichter glänzten noch nass von den Lachtränen und unsere Hände waren ölig und staubig. Die Anderen waren schon vor Stunden angekommen. Tony war noch wach und hieß uns willkommen. So leise wie möglich bezogen wir unsere Zimmer im Funky Chicken Hostel, die Angestellten waren selbst um diese Uhrzeit noch wahnsinnig nett. Einige von uns setzten sich noch in den Hof und erzählten einander flüsternd die Anekdoten des Tages. Nach solchen Tagen reicht ein einziges Bier, um sich völlig betrunken zu fühlen. Gegen 7 gingen wir dann endlich alle schlafen.

Erst 2017 habe ich herausgefunden, was für eine tolle Stadt Bukarest eigentlich ist:

Berlin Bukarest

Kazantip, ick hör Dir trapsen: Von Bukarest nach Odessa (geplant)

Ich erwachte völlig unerholt und mit pochenden Kopfschmerzen. Ich hatte nur knapp vier Stunden gepennt, aber die Hitze im Schlafsaal und die Unruhe der anderen Gäste hatten mich nicht mehr schlafen lassen. Schnell warf ich ein paar Kopfschmerztabletten ein. Dann machten Adam und ich uns auf die Suche nach einem Ersatz für das Kupplungsseil. In der schlimmsten Hitze des Tages schlurften wir durch Bukarest auf der Suche nach einer Werkstatt. Während wir ein seltsames Museum, das im Vorgarten Panzer und Raketen präsentierte, passierten, trank ich eine komplette Flasche Orangensaft in einem Zug. Das Zentrum von Bukarest schien gerade eine einzige Baustelle zu sein. Wir kämpften uns unseren Weg durch eine Wüste aus Staub. Beim Laufen entlang der Straßen, die von hässlichen Kommunismus-Wohntürmen gesäumt waren, sahen wir ein paar Straßenkinder sowie einen Typen, der bis zur Schädeldecke high war vom Klebstoffschnüffeln. Adam erzählte, er habe erst kürzlich einen Dokumentarfilm darüber gesehen. Diese billigste Droge von allen ist offenbar ein Riesenproblem in Rumänien.

Nach ein paar erfolglosen Versuchen bei Werkstätten und sogar einem Ford-Händler trafen wir glücklicherweise auf Laurents, den vermutlich gewitztesten Taxifahrer der Stadt. Die nächsten Stunden verbrachten wir in seinem Taxi und klapperten eine Werkstatt nach der anderen sowie einige Schrottplätze ab. Und tatsächlich fanden wir letzten Endes genau das Ersatzteil, das wir benötigten.

1000 Pannen vor Kazantip: Marco Buch mit Taxifahrer im Ersatzteilladen in Bukarest

Laurents war nicht nur sehr hilfsbereit, sondern gab uns unterwegs auch gleich noch etwas Nachhilfe in rumänischer Geschichte. So passierten wir etwa den Palast von Ceausescu, dessen bombastische Größe fast surreal wirkte. Laurents erzählte uns, dass Ceausescu damals in den 80ern alles exportiert hatte, was Rumänien produzierte, und die gesamten Einnahmen sodann für den Bau dieses Palastes sowie der angrenzenden Prachtstraße ausgab. Der Palast wurde so zum zweitgrößten Gebäude der Welt. Interessanterweise ist er unter der Erde noch einmal genauso geräumig wie darüber. Die Rumänen selbst jedoch hatten in diesen Jahren fast nichts zu essen. Die Regierung verteilte Bezugsmarken, aber diese reichten kaum aus. Ein halbes Kilo Zucker, ein Liter Öl und 10 Liter Benzin pro Monat – es war fast unmöglich, mit diesen Rationen zu überleben. Laurents erzählte uns, dass die vier Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs wirklich hart gewesen seien. Das erklärt zumindest zum Teil, warum die Rumänen damals die drastischste Art gewählt hatten, dieser Ära Lebewohl zu sagen, indem sie Ceausescu mitsamt seiner Frau vor laufenden Kameras erschossen. Laurents jedoch sagte, dass er diese Aktion nie gutgeheißen habe, auch wenn er die Regierung von ganzem Herzen gehasst habe.

1000 Pannen vor Kazantip: Der Palast von Ceausescu in Bukarest

Als wir wieder am Hostel ankamen, hoffte ich, dass wir uns nun endlich ein wenig ausruhen konnten. Doch ich sollte gründlich danebenliegen. Zwei unserer Kazantip Wagen waren bereits aufgebrochen in Richtung moldawischer Grenze. Der Rest von uns würde ihnen auf dem Fuße folgen, sobald Dora wieder instandgesetzt war. Wir organisierten noch ein paar Dinge, bauten schnell das neue Kupplungsseil ein und machten uns dann fertig zur Abreise.

Leider waren unsere beiden Australier bei der Beschaffung eines Visums für Moldawien nicht erfolgreich gewesen. Der Botschafter hatte sich offenbar einen freien Tag genommen. Aus allem, was wir so hörten, konnte man schließen, dass er fast jeden Tag frei hatte. Nun mussten wir es wohl oder übel ohne Visa probieren, die Zeit ließ uns keine andere Wahl mehr.

John sah, in welch armseliger Verfassung ich war und steckte mir eine Pille zu. Es war ein Medikament gegen ADHS und im Grunde reinstes Amphetamin. Die Amerikaner nahmen es alle am laufenden Band. Nur 15 Minuten später war ich ein anderer Mensch, ich fühlte mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Auf den Millimeter genau umschiffte ich Hindernisse, nebenbei erzählte ich Bruno so lange nonstop Geschichten, bis dieser mich bat, doch mal kurz den Mund zu halten. Die Fahrt zur Grenze erwies sich nichtsdestotrotz als extrem. Es war ausgesprochen dunkel und die ziemlich kaputten Straßen hatten eine Menge Überraschungen zu bieten. An einer Stelle endete der Teer plötzlich ohne jegliche Vorwarnung. Mit knapp 100 km/h flog ich über die Schwelle auf eine Staubpiste und hatte große Mühe, den Wagen davon abzuhalten, direkt in die Bäume zu schleudern. Die Jungs im Wagen hinter mir lachten sich über Walkie-Talkie kaputt und teilten mir mit, dass mein Auspuff ihnen bei meiner Landung ein Feuerwerk aus Funken beschert hatte. Ich fand das Ganze etwas weniger komisch und musste erst mal für ein paar Minuten aussteigen, um wieder herunterzukommen. Das Adrenalin pulsierte bis in meine Fingerspitzen.

Nur Minuten später musste ich mein Lenkrad schon wieder mit aller Kraft festhalten. John, der direkt vor mir fuhr, hatte mit dem Passat einen Fuchs erwischt, der direkt auf mich zuflog und uns nur um Zentimeter verfehlte. Glück im Unglück. Nicht jedoch für den armen Fuchs.

Wir hielten bei einem schrägen Shopping Center, um über das dort kostenlose W-Lan mit den Anderen Kontakt aufzunehmen. Wir fanden heraus, dass sie sich einen Grenzübergang weiter nördlich ausgeguckt hatten, aber von den Moldawiern ohne weitere Erklärungen abgewiesen worden waren. Der Parkplatz des Shopping Centers war abgesehen von unseren drei Wagen völlig leer, dafür blinkte es bunt an allen Ecken und Enden. Es fühlte sich fast an, als hätten wir etwas genommen.

Wir trafen uns schließlich alle am südlichen Grenzübergang wieder und stimmten uns kurz darauf ein, nun gemeinsam den Grenzpolizisten gegenüberzutreten. Es hing eine Menge vom Ausgang dieses Zusammentreffens ab. Ließen sie uns rein, so mussten wir nur knapp 3 Kilometer durch ihr Land fahren, bevor auch schon die nächste Grenze kam, hinter der die Ukraine lag. 3 Kilometer, kaum der Rede wert. Wiesen sie uns jedoch ab, so mussten wir in Richtung Norden weiterziehen und einmal um das gesamte Land herumfahren, was statt der lächerlichen 3 Kilometer 800 zu unserer Strecke addierte. Auf Straßen wie diesen bedeutete das problemlos anderthalb zusätzliche Tage. Niemand konnte das wollen.

Zu Anfang lief es nicht gut. Die Soldaten schrien uns an, sobald sie uns erblickten, und gaben uns mit abweisenden Gesten zu verstehen, dass wir direkt wieder verschwinden sollten, wo wir herkamen. Sie schienen das sehr ernst zu meinen und ich spürte eine unterschwellige Aggressivität. Doch wir gaben nicht auf. John hatte eine Menge Erfahrung mit Situationen wie dieser und wusste, was zu tun war. Er war mit einem Trabbi von Ungarn nach Kambodscha und in einem Golf 2 von Berlin nach Kapstadt gefahren. Bei den unzähligen Grenzübergängen, die dabei zu überqueren waren, hatte sich eine Art Zermürbungstaktik bewährt. Er wartete, lächelte, wartete und lächelte. In regelmäßigen Abständen bat er die Grenzer in höflichstem Ton, uns doch bitte durchzulassen. Auf die Feindseligkeiten der Moldawier ließ er sich nicht im Ansatz ein. Alle Anderen warteten in ihren Autos und begnügten sich damit, die Soldaten anzulächeln, wenn sie am jeweiligen Auto vorbeiliefen. John und ich hatten gerade den Aufmüpfigeren aus der Kazantip Gruppe befohlen, sie sollen doch bitte zur Abwechslung einmal die Bälle flachhalten.

Die Situation mutete leicht surreal an. Im fahlen Licht der Neonröhren gab es etwa zehn Soldaten und unsere fünf Autos. Ansonsten war dort nichts und niemand. In den umliegenden Bäumen zirpten die Zikaden.

Die Entscheidung zog sich Stunden hin und lange sah es nicht gut aus. Doch dann vollzog sich schleichend eine Wendung. Am Nachmittag hatte ich an einer Straßenecke in Bukarest das Bein einer Schaufensterpuppe gefunden, Joanne hatte diesem einen ihrer alte Schuhe angezogen. Ich hatte dieses skurrile Souvenir absichtlich so platziert, dass es aus all dem Gepäck auf der Rückbank herausstand. Meine Strategie schien aufzugehen. Als die Grenzer das Bein entdeckten, konnten sie ihre Fassade nicht mehr aufrechterhalten. Sie kicherten und winkten schnell ihre Kollegen herbei, um ihnen das Bein zu zeigen. Ich erzählte allen mit einem Augenzwinkern, dass dies meine Freundin sei, beziehungsweise der Rest, der mir von ihr geblieben war. Das Eis schien gebrochen.

Und so stiegen die ersten von uns langsam aus, boten den Soldaten Zigaretten an und versuchten, sie so viel wie möglich in unsere Geschichte einzubeziehen. Letztendlich hatten diese Typen nicht wirklich viel zu tun hier und vermutlich entstand ihre Frustration nicht zuletzt aus Langeweile.

Unsere Sturheit zahlte sich aus. Irgendwann wurde beschlossen, uns nun doch passieren zu lassen, und das, obwohl unsere vorübergehenden Kennzeichen in Moldawien schlichtweg illegal waren. Sie hatten ihren Boss angerufen, der kurz darauf elegant gekleidet in einer Limousine vorfuhr und ein recht angenehmer Typ zu sein schien. Er konnte aber auch ein Serienmörder sein. Manchmal ist da nur ein schmaler Grat. So oder so, er war derjenige, der unsere Bestechungsgelder einsammelte, 50 Euro pro Wagen. Das zumindest erklärte seine italienischen Schuhe.

Doch dann fanden die Moldawier heraus, dass wir zwei Australier in unseren Reihen hatten. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würden alle unsere mühsam erarbeiteten Erfolge direkt wieder den Bach hinuntergehen. Es war noch etwas mehr Überzeugungsarbeit nötig.

Am Ende ließ man uns zähneknirschend passieren. Doch für unsere Aussies, den Kameramann Bruno und den Teilnehmer Jesse, gab es keine Chance. Sie brauchten entweder ein Transit-Visum oder sie mussten einen anderen Weg finden. Nicht einmal Bestechungsgelder konnten daran etwas ändern. Also verteilten wir das ganze Gepäck um und schickten die Beiden schweren Herzens im zweiten Twingo zurück nach Bukarest. Sie mussten dort sehen, wie sie den Wagen loswurden, sich ein Flugticket besorgen und uns direkt auf der Krim wiedertreffen. Jesse kochte vor Wut, aber Bruno schnappte ihn sich und nahm ihn mit, bevor die Stimmung der Grenzer ein weiteres Mal kippen konnte.

Nach knapp fünf Stunden vor den Grenzhäuschen begleitete uns der Big Boss dann höchstpersönlich zur Grenze mit der Ukraine. Vermutlich musste er den Beamten dort mitteilen, dass wir bereits bezahlt hatten. Sicherlich brauchte auch dort noch jemand neue Schuhe.

So weit, so gut. Aber nach diesen beiden moldawischen Grenzposten gab es noch einen dritten, den ukrainischen. Und da man dort die Art Nummernschilder, wie wir sie hatten, nie zu Gesicht bekam, wusste niemand, was man mit uns anfangen sollte. Es war 4 Uhr morgens. Auf recht nette Art teilten uns die ukrainischen Grenzer mit, dass sie vor 9 nichts für uns tun konnten.

Und so parkten wir unsere Autos im Niemandsland zwischen den beiden Ländern und machten es uns gemütlich. Überall standen Autowracks herum und die Straße war gesäumt von Baracken, die offenbar nicht mehr genutzt wurden. Wir hatten uns bereits in die nächste surreale Situation manövriert, gefangen zwischen zwei zwielichtigen Ländern. Da Bruno meinen Proviant mitgenommen hatte, als die Beiden aufgebrochen waren, klaute ich nun im Gegenzug seinen Champagner, der noch bei mir im Auto lag. Der Korken flog fast bis in die Ukraine. Wir nahmen alle ein paar Schlucke und labten uns an der außergewöhnlichen Situation. Dann pennten wir für ein paar Stunden, einige in den Autos, andere auf dem Gehweg. Die Sonne begann gerade aufzugehen und das Abenteuergefühl war stärker denn je.

1000 Pannen vor Kazantip: Gefangen im Niemandsland zwischen Moldawien und der Ukraine

Endspurt: Von Moldawien nach Kazantip

Bei Tageslicht wirkte der Ort gar nicht mehr so schlimm. Jenseits des Zauns konnten wir Täler und endlose, unbewohnte Felder erspähen. Ein Fluss schlängelte sich dampfend durch die malerische Landschaft.

Wir rollten die paar Meter zurück zum Checkpoint und waren sofort von einer Schar Menschen umgeben. Es gab bewaffnete Soldaten, es gab Polizisten, es gab Spürhunde. Und es gab einen Deutschen, der uns den Arsch rettete. Gerade als es so aussah, als würden uns die Ukrainer wirklich nicht reinlassen wollen, tauchte er aus dem Nichts auf. Ein kleines Namensschild an seinem Revers wies ihn als ‚Expert‘ aus. Wofür er ein Experte war, das blieb im Dunkeln. Doch er arbeitete für die EU und die Ukrainer hingen an seinen Lippen, wenn er sprach. Unser großes Glück war, dass er unser Kazantip Projekt wirklich gut fand. Ich hatte den Eindruck, er hätte sich am Liebsten seiner Uniform entledigt und wäre mitgefahren. Er schüttelte voller Unglauben seinen Kopf und lachte viel, als ich ihm erzählte, was wir so machten. Er wollte alles ganz genau wissen – was bisher passiert war, wie gut die einzelnen Autos durchhielten, wo wir noch hinwollten. Danach erklärte er den Ukrainern, dass unsere Kennzeichen astrein waren, und dass sie uns doch nun bitte unsere Expedition gen Osten fortsetzen lassen sollten.

Und so geschah es. Nach einer sehr peniblen Durchsuchung nach Drogen, Waffen und wer weiß was noch rollten wir endlich durch das große Metalltor in die Ukraine. Und da wurde uns klar, dass der ganze Auflauf aus Soldaten und Hunden ausschließlich uns gegolten hatte. Kaum waren wir fertig, verließen auch sie die Grenze und winkten uns zum Abschied vom LKW. Was für eine schräge Grenze!

Wir wechselten unser Geld bei einem zwielichtigen Versicherungsmakler und kauften davon direkt frischen Kaffee. Das Leben war wieder in Ordnung.

Dann machten wir uns auf die Socken, denn wir wollten bis zum Abend in Odessa sein.

Die Straßen waren unfassbar schlecht. Dagegen war Rumänien ein Vergnügen gewesen. Im Grunde waren das gar keine wirklichen Straßen. Schlaglöcher, lange Passagen ganz ohne Teer, Felsblöcke inmitten des Weges. All das verlangsamte unsere Fahrt fast bis auf Schrittgeschwindigkeit. Einige Male ließen sich tiefe Löcher nicht vermeiden und unsere Stoßdämpfer schlugen voll durch, was ein fieses Geräusch verursachte. Es grenzte an ein Wunder, dass unsere letzten vier Schrottkisten diesen Belastungen standhielten. Wir hatten nicht mal einen Platten zu beklagen.

Auch Hinweisschilder gab es keine und so fuhren wir erst mal ein gutes Stück in die falsche Richtung, was uns doch tatsächlich an einen anderen Grenzübergang zu Moldawien brachte. Nichts lag uns ferner, als wieder in dieses Land einzureisen, das sich über Nacht nicht gerade in unsere Herzen gespielt hatte. Daher beschlossen wir, von nun an die Bewohner in jedem noch so kleinen Dorf nach dem Weg zu fragen. Wir schrien immer nur Odessa gegen den Autolärm an und vertrauten darauf, dass die Leute uns in die richtige Richtung winkten. Das Leben in diesen Dörfern wirkte wie vor 50 Jahren und alles sah ganz schön arm aus. Doch die Leute waren auf kernige Art freundlich. Und zwischen den Dörfern erstreckte sich über viele Kilometer unberührte Natur.

Nach einer Weile wurden die Dörfer zusehends größer und irgendwann im Laufe des Nachmittags stoppten wir bei einem Restaurant für ein Mahl aus Kartoffeln und Borschtsch, dem lokalen Eintopf, der aus roter Beete zubereitet wird. Wir besprachen unseren Plan und beschlossen, nun auch noch Odessa aus unserer Route herauszustreichen. Es war immer noch sehr weit bis Kazantip. Ich jedenfalls fand es schade, dass wir diese Stadt nicht besuchen würden. Auf sie hatte ich mich fast am meisten gefreut. Aber es machte auf jeden Fall Sinn einfach weiterzufahren, wenn die Straßen weiterhin so blieben.

Nach dem Essen brachten Adam und ich schnell noch den Passat zu einer Werkstatt, die wir im Vorbeifahren gesehen hatten und ließen die Bremsbacken austauschen. Die Mechaniker waren sehr freundlich und erledigten die Arbeit für ein Taschengeld. Wir hatten nicht wirklich eine gemeinsame Sprache und so verständigten wir uns mit Händen und Füssen. Hinter der Werkstatt lag ein weitläufiger Hof mit einer Menge alter Sowjet-Autos und -LKW in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, umgeben von einer halb kollabierten Fabrik. Verwunschene, aufgegebene Orte wie diesen fand man in der Ukraine an jeder Ecke.

Nach unserem Stopp wurden die Straßen glücklicherweise etwas besser. Aber man musste nach wie vor alle Sinne beisammen haben, denn einige Abschnitte waren so schlecht, dass sie jeder Beschreibung spotteten.

1000 Pannen vor Kazantip: Reparaturstopp an verlassener Tankstelle in der Ukraine.
Einer von vielen Reparatur-Stopps, hier an einer verlassenen Tankstelle.

Als es dunkel wurde, durchquerten wir die kleine Passage nördlich von Odessa, mit einigen großen Seen zu unserer Linken und dem ersten Blick auf das Schwarze Meer auf der rechten Seite. Wir hielten an einer verlassenen Tankstelle, da beim Volvo durch die schlechten Straßen der gesamte Auspufftopf abgerissen war. Er klang nun wie ein Panzer, aber das war in der Ukraine nun wirklich das geringste Problem. Das Teilnehmer-Team band nur alles schnell mit Draht nach oben, sodass sie das Teil nicht verlieren würden und man es bei Gelegenheit wieder anschweißen konnte.

Nachdem wir zwei Stunden in der Dunkelheit gefahren waren, sprachen sich einige von uns dafür aus, doch irgendwo die Nacht zu verbringen und den Rest des Weges am nächsten Tag zurückzulegen. Der Rest der Gruppe jedoch war fest entschlossen, nun ohne weitere lästige Stopps bis zu unserem finalen Ziel durchzufahren. Ich für meinen Teil war völlig erschöpft und stimmte daher für Plan A. Aber nach einem weiteren kurzen Stopp an einer Tankstelle, an der man doch allen Ernstes eine CD mit ‘Dance Hits 2002′ im Angebot führte, übernahmen John und eine der Teilnehmerinnen das Fahren meines Fords und ich machte es mir auf der Rückbank zwischen all dem Gepäck bequem. Jetzt, wo wir nur noch vier Autos übrig hatten, war im Grunde überall Gepäck. Es schien auch niemand mehr so recht zu wissen, welche Koffer wem gehörten. Die Entscheidung jedenfalls war getroffen. Wir würden jetzt auch noch die letzten Kilometer abreißen.

Beim nächsten Tankstellen-Stopp stand den meisten von uns nun wirklich der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben. Ich kaufte etwas getrockneten Fisch und ein paar Chips mit Krabbengeschmack, beides keine kulinarischen Höhepunkte. Dann versuchte ich, meinem Kazantip Team aus Pulver und Mineralwasser ein paar Eiskaffees zu mixen. Doch meine Trotteligkeit kombiniert mit der nachhaltigen Erschöpfung ließ die Flasche vor meinem Gesicht explodieren und bescherte mir Kaffeeflecken auf allem, was ich trug. Es war mir zu diesem Zeitpunkt jedoch mehr als egal. Mittlerweile schien es uns allen nicht mehr wichtig zu sein, wie wir aussahen. Wir hatten uns seit fast 48 Stunden nicht mehr gewaschen und unsere Haut war mit einem Film aus Staub und Abgasen überzogen. Wir sahen aus wie eine Gruppe Landstreicher. Das schien das Freiheitsgefühl nur noch zu verstärken.

Dann erreichten wir das, was man in der Ukraine eine Autobahn nannte. Diese konnte sich an manchen Stellen tatsächlich sehen lassen. Mehrmals jedoch wurde aus zwei Spuren plötzlich und ohne Vorwarnung eine einzige. Einmal schafften wir es gerade noch an einem LKW vorbei, ein anderes Mal sah ich, wie eines der Teilnehmer-Teams hinter uns nur knapp einem Frontalaufprall entging. Ich entschied mich dafür, ein bisschen zu schlafen. Das war zu viel Aufregung für meine gepeinigten Nerven.

Es wurde nun ganz schön frisch in Dora. Wenn man jedoch das Dach schloss, wurde es schnell dermaßen heiß, dass man sofort müde wurde. Daher ließen wir den Wagen offen und ich schnappte mir alle Klamotten und Schlafsäcke, die verstreut herumlagen und baute mir auf der Rückbank ein kleines Nest. Und tatsächlich schlief ich schon bald ein. Und das, obwohl mein Kopf im Grunde auf einem der Lautsprecher lag, die zum fünften Mal an diesem Tag dieselbe CD plärrten.

Ich wurde sehr unsanft geweckt von einem Schlagloch, das mich komplett von der Rückbank abheben ließ. Noch im selben Moment war ich überzeugt davon, dass wir nun alle gleich sterben würden. Ich dachte bei mir, dass ich dafür dann doch lieber wach wäre. Doch nachdem ich ein paar Minuten lang zu mir gekommen war, sah ich plötzlich wie außergewöhnlich es aussah, wo wir gerade entlangfuhren.

Wir befanden uns bereits auf der Halbinsel Krim. Die Straße verlief eben und kerzengerade, um uns herum gab es nichts als Felder. Unsere vier Autos hatten noch immer die Scheinwerfer an, doch zu unserer Rechten vollzog sich gerade der schönste Sonnenaufgang, den ich seit langem gesehen hatte. Wilde Hunde folgten uns immer mal wieder für ein paar hundert Meter. Bushaltestellen in kommunistischer Architektur und sowjetische Denkmäler zogen vorüber. Wir überholten kleine Ladas und massive russische Trucks. Es war alles sehr beeindruckend.

Als ich mich umschaute, merkte ich, dass wir nun alle wach waren. Die Gesichter der Anderen strahlten vor Aufregung und Vorfreude. Wir waren schmutzig und erschöpft. Unsere Köpfe sirrten von 22 Stunden im Auto. Aber wir hatten es tatsächlich bis auf die Krim geschafft. Darauf hätte ich während des gesamten Trips nicht wetten wollen. Jetzt fühlten wir uns wie Pioniere, die einen neuen Kontinent entdeckten.

Mit diesem Gefühl liefen wir schließlich in Popivka ein, dem Dörfchen, das für ein paar Wochen im Jahr das Festival Kazantip beherbergt. Vier völlig zugestaubte und ziemlich malträtierte Autos, eines davon mit Grafitti bemalt. 15 schmutzige Menschen mit Fliegerbrillen im Gesicht und alten Klamotten um ihre Köpfe gewickelt. Wir boten einen einigermaßen schrägen Anblick. Doch auch die Party-People, die uns entgegenströmten, sahen nicht minder wild aus. Es war 7 Uhr morgens und viele Leute kamen gerade vom Gelände zurück, um sich der Erschöpfung zu ergeben oder in einer der vielen Hütten weiterzufeiern. Wir wurden von Russen und Ukrainern in unterschiedlichen Stadien von Betrunkenheit und Draufheit begrüßt, angeschrien, umarmt und bei der Suche nach unserer Bleibe unterstützt. Es war herrlich.

In einem der improvisierten 24-Stunden-Shops kauften wir gutes, eiskaltes ukrainisches Bier für alle. Dann checkten wir in einem schrägen Kazantip Hostel ein, das aussah wie das Bühnenbild von Alice im Wunderland, nachdem die Set Designer auf einen schrägen Trip geraten waren. Dann war es höchste Zeit, ein paar Stunden zu schlafen:

Die eigentliche Party sollte erst noch beginnen!

1000 Pannen vor Kazantip: Tanzen im Morgengrauen

„Wie war es in Kazantip?“, höre ich Dich fragen.
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