Bier trinken, Staub fressen – Trampen durch Europa: Bulgarien

Gellert Brücke Budapest

Aus dem Archiv: Die Anekdoten meiner Reise per Anhalter in Bulgariens Hauptstadt Sofia.

Es ist schon lange hell, die Hitze kriecht bereits zum Fenster hinein. Ich sollte längst unterwegs sein, denn es ist noch weit in die bulgarische Hauptstadt Sofia zu meiner Liebe. Ich befinde mich in Budapest, wohin ich mit einem Billigzugticket und im Auto meines Freundes Max gelangt bin. Nun beginnt der eigentliche Teil der Reise, den ich mit erhobenem Daumen zu bestreiten plane.

Tag 1: Budapest – Timisoara

Reichlich gerädert schäle ich mich aus dem Sofa und packe mein Säcklein. Das gestern noch überraschend besuchte Sziget-Festival steckt mir in den Knochen; zum Glück hat Max mein Trommeln auf Mülltonnen mit ein paar Ungarn bei Zeiten unterbunden.
Ich erstehe ein paar leckere Gebäckkugeln am Bahnhof, während auf den Bahnsteigen alte Männer Schach spielen. Die S-Bahn bringt mich in den tiefen Süden der Stadt, wo alles noch sehr kommunistisch anmutet. Ein netter Scientologe erklärt mir den Weg zur Autobahn entlang kleiner rustikaler Häuschen am Waldrand. Nach 30 Minuten Fußmarsch angekommen, recke ich meinen Daumen und das ‚Szeged’-Schild aus Pappe in die Höhe. Und tatsächlich nimmt mich bereits der siebte Wagen mit. Es ist Kristof aus Budapest, der für die Telekom arbeitet und fast bis Szeged fährt. Im Laufe der Fahrt erfahre ich, dass er sich gerade von seiner Freundin getrennt hat und daher nun auf dem Weg zu einem Freund ist, um sich gar schauerlich zu betrinken. Er scheint nett zu sein, aber die Sprachbarriere steht uns im Weg.

Szeged

Kurz vor Szeged, der östlichsten Stadt Ungarns, lässt mich Kristof an einer Raststätte raus. Es ist unglaublich heiss, die Sonne steht jetzt im Zenith. Ich kaufe mir Kaffee und Wasser und platziere mich im stecknadelgroßen Schatten eines winzigen Baums. Mein neues Schild sagt ‚Timisoara’, jedoch habe ich keinen Schimmer, wie sich die rumänische Stadt eigentlich ausspricht.

Zunächst sieht es so aus, als würde hier gar nichts passieren, die Raststätte ist nicht sehr belebt. Dann steigen zwei zwielichtige Trucker in ihre staubigen Gefährte. Der eine schreit etwas zu mir rüber. Wirken seine Gesten auf mich zunächst eher aggressiv, so merke ich doch aus der Nähe, dass sie eigentlich nett gemeint sind. Mir wird klar, dass ich ab hier grundsätzlich umdenken muss. Körpersprache ist regional geprägt.

Ich klettere in die Kabine des Iveco Trucks, obwohl der Fahrer nach Arad fährt, das nicht auf meiner Route liegt. Gabriel kann kaum glauben, dass ich bis Sofia trampen will und lacht sich halb tot, wobei er mir ein paar ordentliche Zahnlücken präsentiert.
Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir die Grenze. Obwohl Rumänien in der EU ist, kontrolliert man sorgsam unsere Pässe. Gabriel erzählt dem Grenzpolizisten dabei aufgeregt, dass ich unterwegs nach Bulgarien bin und auch dieser schüttelt freudig den Kopf.

Die Autobahn endet direkt hinter der Grenze, ab jetzt wird es bis nach Sofia nur noch Landstrassen geben. Auf den ersten Blick wirkt hier alles auf gewisse Weise ehrlicher. Die Autos sind ungewaschen und staubig, die Bäume alt und knorrig, auch die Strassen haben schon bessere Zeiten gesehen. So sehr man sich auch dagegen wehrt, ist und bleibt Rumänien ein Land voller unvorteilhafter Assoziationen. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mir ein eigenes Bild mache.

Da wir auf nur einer Spur unterwegs sind, kommt es dauernd zu Staus. Mit offenen Fenstern stehen wir dann in der Schlange aus staubigen LKW und ein paar PKW. Viele PKW haben italienische Kennzeichen, aber auch Deutsche sieht man ein paar. Mein Blick nach draußen schweift durch einen Schleier aus Kruzifixen und Jesus-Anhängern, die an Gabriels Rückspiegel baumeln.
Die Situation im Fahrerhaus ist interessant. Obwohl wir einander kaum verstehen, herrscht doch eine sehr ausgelassene Stimmung. Gabriel bleckt eigentlich ständig lächelnd seine fehlenden Zähne. Immer wieder aufs Neue möchte er einen Blick auf meine ausgedruckte GoogleMaps-Karte werfen, die mir zugleich als einziger Anhaltspunkt auf dem Weg nach Südosten sowie als Notizblock dient. Mehrere Teilstücke der schwarz markierten Route ersetzt er mit einem neongrünen Filzstift durch alternative Striche. Dabei schüttelt er energisch den Kopf. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, und das will er mir zeigen. Aus dem Radio plärrt arabisch anmutende Chalga-Musik.

In einer ruhigen Minute erinnere ich mich daran, dass das ungarische Dreher Bier Max und mir letzte Nacht doch einigermassen zugesetzt hat. Ewiges Verlaufen in Budapest und dazwischen ein scharfes Essen sowie eine russische Junggesellinenabschiedsgesellschaft, die uns die Etiketten aus unseren Unterhosen schneidet, wabern durch meine Erinnerung. Mit Händen und Füssen versuche ich Gabriel von meinen Erlebnissen zu berichten. „Beer?!“ Sein Gesicht hellt sich gleich noch mehr auf, er schnalzt mit der Zunge. Als wir kurz darauf wieder stillstehen, springt er unvermittelt aus dem Wagen und lässt mich alleine zurück. Als ich mich schon frage, ob ich nun vielleicht die Verantwortung für einen LKW voller Schmuggelware übernehmen muss, kommt er mit einer eiskalten Dose Beck’s zurück in die Kabine. Stolz überreicht er sie mir und sagt: „Present!“ Ich bin gerührt und befeuchte sogleich meine trockene Kehle.

Gabriel kennt am Strassenrand jeden, die Souvenirverkäufer genauso wie den alten Mann mit dem improvisierten Stand, an dem er Jesusamulette feilbietet. Überall wird gehandelt; in den Dörfern sitzen hutzelige alte Frauen und versuchen, ihr Gemüse an den Mann zu bringen. Dauernd sehe ich Männer, die ihre T-Shirts hochgerollt und so ihre Bäuche entblösst haben. Offenbar ist das die rumänische Art und Weise mit der Hitze umzugehen.

An einer staubigen Kreuzung lasse ich Gabriel nach einigen Stunden ziehen und wir schütteln uns zum Abschied freundschaftlich die Hand. Die Leute an der nebenan liegenden Tankstelle sind sehr abweisend, rundherum ist nichts, und ich beginne mich etwas unwohl zu fühlen. Es kann aber auch einfach daran liegen, dass es hier keine Möglichkeit der Verständigung gibt. Niemand spricht Englisch. Zwar kann ich im Rumänischen im Gegensatz zum Ungarischen doch einiges verstehen, aber um etwas zu sagen, reicht es bei weitem nicht aus.

Von hier sind es nur noch 50 Kilometer bis Timisoara, wo ich die Nacht verbringen will. Es geht gegen Abend, ich sollte mich beeilen. Mein Schild ist zwar ein bißchen verschmiert und zerknittert, aber man kann es noch lesen. Nach zehn Minuten an der trostlosen Kreuzung stoppt abrupt ein Golf 1, der offensichtlich auf dem letzten Loch pfeift. Am Steuer sitzt ein Hüne, dessen stahlblaue Augen starr geradeaus schauen. Ich sage fragend „Timisoara“, er nickt ungeduldig. Mit einem nur halb guten Gefühl gleite ich in den zerschlissenen Sitz. Dann schiesst er los. Der etwa 50-Jährige rast wie ein Irrer, und immer wieder nimmt er Abkürzungen mitten durch die recht hässliche Stadt Arad. Mehrfach erwarte ich, dass er demnächst in einer ruhigen Ecke anhält und mir meine Wertsachen abnimmt. Ich bin darauf vorbereitet. Neben einem alten Handy und einer Digitalkamera der ersten Generation habe ich nur etwa 100 Euro Cash bei mir. Meine 3 Sätze durchgeschwitzter Klamotten und die Ukulele wird er mir ja wohl lassen.

Der Fahrer spricht kein Wort, stattdessen quält er den VW und raucht dabei Kette. Raucht er gerade mal nicht, hustet er sich die Lunge aus dem Hals. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Typen halten soll und bin auf der Hut. Doch als er in einem Vorort plötzlich einen großen Bogen um eine Taube auf der Strasse fährt, denke ich mir, dass er doch kein so schlechter Mensch sein kann, und entspanne mich.

Auf der kurvigen und hügeligen Strasse nach Timisoara liegen zwei totgefahrene Welpen. Jeder Wagen fährt zu schnell, wo wollen sie nur alle so eilig hin? Das Tempo der Autos steht im krassen Gegensatz zur Geschwindigkeit des Lebens am Strassenrand. In den Kurven schlagen die Stoßdämpfer des alten Golf bis in die Radkästen durch.

Nach einer knappen Stunde lässt mich der Fahrer am Ostbahnhof von Timisoara raus, ohne dabei viele Worte zu verlieren. Ich drücke ihm 5 Euro in die Hand, da ich gelesen habe, dass man in Rumänien fürs Trampen bezahlt. Tatsächlich gibt er mir ein paar rumänische Scheine zurück, da er meine Bezahlung offenbar für zu viel hält. Dann gibt er wieder Vollgas und verschwindet im Betonmeer.

Dies ist keine schöne Ecke von Timisoara. Plattenbauten, Obdachlose und verfilzte Hunde, wohin das Auge blickt – hoffentlich sieht es hier nicht überall so aus. Die Hitze hat alles in zusätzliche Lethargie getaucht. Ich tausche meine letzten Forinth in die rumänische Währung Lei und nehme zögerlich ein Taxi in die Innenstadt. Und schlagartig verändert sich mal wieder alles. Der Fahrer spricht gutes Englisch, lächelt viel und die Fahrt kostet mich fast nichts. Als wir dann die sehr hübsche Innenstadt durchqueren, versöhne ich mich mit Timisoara und den Rumänen.

Ich checke ein in einem netten kleinen Hostel, das erst im Juni eröffnet hat. Der Betreiber hat Tipps für jede Lebenslage und erzählt mir, dass das Hostel-Konzept noch sehr neu ist in Rumänien, und er sich mit den zwei Zimmern einen persönlichen Traum erfüllt hat. Ich dusche kurz Staub und Schweiss ab, dann schlendere ich durch die entzückende Stadt, in der, wie mir nicht bewusst war, die Rumänische Revolution 1989 ihren Anfang nahm. Timisoara mutet mediterran an. Tolle alte Häuser, bei denen die Farbe abblättert, wild wuchernde Parks; junge Menschen spielen im Kolonial-Ambiente Tennis in der Abenddämmerung. Auf einem grossen offenen Platz, umringt von malerischen Bauten, trinke ich ein ungefiltertes Bier, schaue hübschen Mädchen hinterher und lausche den Klängen eines Panflötisten, der im Rahmen eines Kulturfestivals auftritt. Hier trifft man sich und beschliesst den Tag, es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Dann esse ich auf einer Dachterrasse ein sehr leckeres Essen mit viel Käse. Die Rumänen, die ich treffe, sind allesamt sehr nett und einige sprechen eher deutsch als englisch. Alles, was ich bisher auf Rumänisch gelernt habe ist ‚Salud’ – Hallo.

Zurück im Hostel schenke ich einem Belgier mit einem außergewöhnlichem Namen meine ungarischen Münzen; er ist in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Die Tatsache, dass ich seinen Namen bereits nach ein paar Minuten wieder vergessen habe, hält mich nicht davon ab, mit ihm in den darauffolgenden Stunden einige kalte Timisoreana Biere zu leeren. Gemeinsam ziehen wir durch die noch immer sommerlich warme Nacht. Die Stadt duftet und wirkt völlig friedlich, abgesehen vielleicht von den immer wieder vorbeijagenden getuneten Autos der Jugendlichen. Zunächst gehen wir runter an den Fluss in eine Bar, in der sonst rumänische Comedians auftreten. Dann lasse ich mich der Erschöpfung zum Trotz noch zu einem Club überreden. Dieser befindet sich in einer Art Weinkeller und die Leute feiern bereits ausgelassen, als wir ankommen. Gute und sehr schlechte Songs wechseln sich ab, es wird getanzt und geprostet. Unangenehm ist, dass der Belgier und ich offenbar ständig für schwul gehalten werden. Ein echter südosteuropäischer Mann hat kurze bis keine Haare, ordentlich Muskeln am Körper und tanzt eher nicht. Wir entsprechen diesem Idealbild nicht so ganz. Mein Begleiter trägt eine Art Afro auf dem Kopf sowie ein Designershirt und spitze Schuhe. Ich schwinge meine Hüfte und meine Matte hängt mir ins Gesicht. Und leider herrscht hier im Südosten eine ausgeprägte Homophobie. Der Belgier ist seit zwei Monaten in einem alten Auto unterwegs durch Osteuropa und erzählt von andere Erfahrungen dieser Art. Ein Freund hat ihm schon im Vorfeld der Reise dazu geraten, die Ukraine besser ganz auszusparen, da er dort alleine wegen seines Haarschnitts aufs Maul bekommen werde.

Das Timisoreana mundet noch eine Weile, aber dann ist es wohl an der Zeit zu gehen. Die Schwulenhasser werden immer betrunkener und ich habe morgen ohnehin noch einige Kilometer vor mir. Selig schlafe ich im Stockbett meines Achtbettzimmers bei offenen Fenstern ein, im Bett neben mir schnarcht bereits eine Chinesin.

Tag 2: Timisoara – Sofia

Ich beginne den Tag auf ein Neues völlig übernächtigt, doch ich muss dem Wecker Folge leisten. Als ein französisches Pärchen sich direkt vor mir im einzigen Bad einschliesst, checke ich spaßeshalber noch mal kurz GoogleMaps auf dem Hostelcomputer. Bis Sofia sind es noch immer satte 500 Kilometer und es ist schon nach zehn. Energisch behaupte ich meinen Platz in der Badschlange gegen die forsche Chinesin, dann marschiere ich ins Zentrum. Es ist Sonntag und die Leute pilgern zum Gottesdienst in die rumänisch-orthodoxe Kathedrale, die an die Istanbuler Hagia Sophia erinnert. Vor der hübschen Kirche verkauft man duftendes Popcorn. Der Tag entfaltet sich und gibt deutlich zu verstehen, dass er wieder ein sehr heisser zu werden beabsichtigt.

Ich vertilge neben einem schlafenden Stadtstreicher zwei klebrig-süße Brezeln und einen starken Kaffee. Ein Blick auf meine Karte und die sonntäglich leeren Strassen sagt mir, dass ich von hier aus wohl nicht weg kommen werde. Laufen bis an die südliche Stadtgrenze würde mich jedoch zu viel Zeit kosten. Also suche ich einen Taxifahrer und sage mit viel Körpereinsatz “Autostop, Bulgaria“. Er nickt und schon jagen wir für ein paar Lei durch die verschlafene Stadt. Der Fahrer spricht Englisch und erzählt mir stolz, dass er früher professioneller Wasserpolospieler war und mit seiner Mannschaft noch vor der Wende bei einem Turnier in Ostberlin teilgenommen hat.

Er lässt mich raus an einer von Plattenbauten umgebenen Ecke. Zur Einschätzung der Lage lasse ich meinen Blick rundum und in die Gesichter der Leute schweifen. Es ist zwar heruntergekommen hier, aber gefährlich wirkt es nicht. Diesmal habe ich kein Schild, denn ich will einfach erst mal in die richtige Richtung – Südosten. Schon bald hält ein blauer Lieferwagen und ich habe Glück: Flori fährt bis nach Drugeta Turnu Severin, das viel weiter südlich liegt als mein erstes Etappenziel.

Der sympathische Rumäne kommt gerade direkt aus England. Bis zu sieben mal im Monat fährt er die Strecke Bukarest-Manchester, sein Kilometerzähler steht auf unglaublichen 1.600.000! In seinem Beruf als Feuerwehrmann verdient er heutzutage gerade einmal 300 Euro im Monat, mit diesem Job macht er 300 pro Fahrt. Seine Frau ist arbeitslos und das Geld reicht gerade so. Flori sagt, dass unter Ceaucescu alles besser war, obwohl er das mit seinen 32 Jahren eigentlich gar nicht wirklich wissen kann. Die Felder seien bestellt gewesen, die Fabriken alle in Betrieb. „Und jetzt?“, fragt er mich mit einer theatralischen Geste nach draußen. „Nichts.“ Und da zumindest hat er nicht ganz Unrecht. Alle Fabriken, die wir passieren, stehen leer und sind am Verfallen. Viele Felder liegen brach. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass hier alles Leben stillzustehen scheint.

Auch Polizisten verdienen nur 400 Euro monatlich, erzählt mir Flori mit Blick auf zwei grimmig dreinschauende Cops am Straßenrand. Daher halten sie überall wahllos Autos an und verlangen Geld für nicht erfolgte Verkehrsverstöße. Alles ist korrupt. Damit reiht sich Flori in die Aussagen jener Leute ein, mit denen ich in Ungarn und vor ein paar Jahren in Bulgarien gesprochen habe.
Wir halten kurz und holen Getränke an einem Kiosk. Ungefragt kauft mir Flori eine Rolle Kekse, mir, den er sowieso schon umsonst mitnimmt. Das ist osteuropäische Gastfreundschaft, von der man sich in Deutschland wirklich eine Scheibe abschneiden kann.

Mit vergnüglichem Blick fährt auch er viel zu schnell, aber das machen offenbar alle so. Dabei zeigt er mir immer wieder Kreuze von Verunglückten am Strassenrand und schiebt es auf die schlechte Qualität der Strassen. Ein befreundeter Trucker gibt ihm übers Funkgerät durch, dass es auf der Strecke keine Polizisten gibt. Also gibt er dem Sprinter die Sporen. Er hat mir nicht gesagt, was er transportiert, nur, dass es 2000 Kilo davon sind. In den Kurven geht der Mercedes ganz schön in die Knie.

In der Ferne leuchten die Karpaten. Flori erzählt von giftigen Schlangen dort. Ich sage etwas über Dracula und wir lachen. Es ist erstaunlich, wie sehr Lachen Menschen verbinden kann, auch wenn sie einander kaum verstehen.

Wir erreichen die Berge und fahren auf Serpentinen durch malerische Landschaften. In den Dörfern leben die Menschen zum Teil noch wie vor Jahrzehnten, mehrfach müssen wir Gypsies in Pferdewagen überholen.

Nach knapp drei Stunden Fahrt kehren wir in Floris Lieblingsgaststätte ein. Es gibt Suppe mit Joghurt und frischen Chillis, danach frittierten Fisch mit Pommes. Ich lade ihn natürlich ein, das bin ich ihm schuldig. Dann trinke ich ein herbes Ursus, damit ich auch hier das lokale Bier kenne. Bei diesen Temperaturen trinkt sich ein Bier in wenigen Schlucken.
Draußen fischt mir Flori ein Stück Pappe aus dem Mülleimer und ich schreibe Sofia in lateinischen auf die eine und in kyrillischen Buchstaben auf die andere Seite. Sein Daumen und seine Mundwinkel zeigen nach oben.

Nur kurze Zeit später halten wir an einem skurrilen Cafe mit Waschanlage, wo sich eine ganze Horde zwielichtiger Gestalten tummelt. Auch dieser Stop ist auf Floris Route obligatorisch. Denn hier versucht er stets an einem Glücksspielautomaten sein Glück. Leider verliert er diesmal jedoch etwa 15 Euro. An seiner guten Laune kann das aber nichts ändern.

Nach weiteren Kilometern auf Bergstrassen gelangen wir an den mächtigen Donau-Stausee, dann geht es immer entlang der Donau, die das gleißende Sonnenlicht magisch widerspiegelt und die rumänische Grenze bildet. Am Wegesrand ziehen klapprige Dacias und heruntergekommene Häuser vorbei. Kinder planschen im riesigen Fluß, alte Männer angeln gleich nebenan.

Flori lässt mich raus an einem modernen Einkaufscenter. Dort warten noch weitere Tramper allen Alters, in Rumänien ist diese Art der Fortbewegung völlig normal. Als man mein Schild sieht, lacht man mich jedoch freundschaftlich aus und klopft mir auf die Schulter. Jemand sagt mir, dass ich erst mal nach Calafat muss und ein gutgekleideter alter Mann mit der Aura eines Professors stimmt in den Calafat-Chor ein. Das steht zwar nicht auf meiner Landkarte, aber ich vertraue den freundlichen Leuten. Im Supermarkt besorge ich mir ein neues Stück Pappe und eine grosse Flasche Wasser. Ich muss bereits 4 Liter getrunken haben heute, die trockene Hitze laugt einen förmlich aus.

Als ich wieder rauskomme, steigt der Professor gerade in ein Auto. Er entdeckt mich und winkt mich eilig heran. „Calafat!“, ruft er freudig. Das Schild kann ich mir sparen.

Ich versuche mit dem Fahrer und dem Professor zu kommunizieren, aber das geht nur in Schlagworten auf verschiedenen Sprachen. Fahrer: „Sofia?“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Tourist?“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Priatel, Sofia? (Freund, Sofia)“ Ich: „Da.“ Fahrer: „Danke schön!“
Der Professor steigt schon bald aus, wir setzen unseren Weg durch weite Landschaften zu zweit fort. Der Sohn des Fahrers fährt seltsamerweise in einem anderen Wagen hinter uns her. Man muss hier ja auch nicht alles verstehen.

Der Fahrer kauft Melonen am Strassenrand bei einer Frau, die diese in einem alten Planwagen feilbietet. Freundlich drängt er mich dazu, auch eine zu kaufen und der Höflichkeit halber gebe ich schnell nach. In der Ferne schimmert die Donau, dahinter liegt Serbien.

In Calafat angekommen sagt mein Fahrer unvermittelt „Finish“ und da stehe ich dann. Ich laufe in die angegebene Richtung durch das völlig verschlafene Dorf im Glauben, dort eine Abzweigung in Richtung Bulgarien zu finden. Da spricht mich ein seltsamer Typ aus einem Hauseingang mit ‚Amigo’ an und winkt mich zu sich. Das heisst selten etwas Gutes. Aber ich wäge die Risiken ab und folge ihm dann. Und tatsächlich bringt er mich nur runter zum Fluss, grüsst dort noch schnell höflich und verschwindet wieder.

Schlagartig wird mir klar, dass ich die Grenze auf dem Wasserweg überqueren werde. Ich zeige noch schnell einem Grenzpolizisten meinen Ausweis und springe dann als Letzter auf die Donau-Fähre. Mit an Bord: Ein paar Trucker, eine Handvoll Touristen und einige Autos mit deutschen Ausfuhrkennzeichen. Ich bin der Einzige ohne Fahrzeug.

Neben der Bootsstrecke baut man gerade eine Brücke über die Donau. Wie ich später erfahre, gibt es bis dato nur eine einzige Brücke, die Rumänien und Bulgarien miteinander verbindet, und diese ist knapp 300 Kilometer entfernt.

Auf der anderen Seite angekommen, bin ich zuversichtlich, dass mich einer der Leute vom Boot mitnimmt. Doch einer nach dem Anderen fährt stoisch an mir vorbei. Also passiere ich zu Fuß die Grenzkontrolle und tausche mein Geld in bulgarische Leva.

Vidin

Obwohl es bereits 18 Uhr ist, scheint es nicht kälter zu werden. Mit meinem Gepäck, meinem Schild und der Honigmelone in den Händen mache ich mich auf in Richtung Hauptstrasse oder dessen, was ich für die Hauptstrasse halte. Als ich dort nach einer Stunde schweisstriefend ankomme, merke ich, dass auch hier fast niemand fährt. Erst nach einer knappen erfolglosen Stunde verstehe ich, dass es momentan eine Umleitung geben muss. Die einzige Option ist weiterzulaufen, da ich hier in der Wildnis um die Stadt Vidin wirklich nicht den Einbruch der Dunkelheit erleben möchte. Ich wandere eine kleine Ewigkeit. Seit Stunden habe ich nichts gegessen, zum Glück finde ich in meinem Rucksack noch ein paar Kekse von Flori, die Melone soll ein Gastgeschenk werden.
Um mich herum gibt es nichts außer weiten Feldern, der grossen industriellen Stadt am Horizont und ein paar wilden Hunden. Als ich plötzlich Schüsse höre, sehe ich schon kurz darauf zwei bärige Typen mit Gewehren aus dem Unterholz kriechen. Sie grüßen freundlich, offenbar schiessen sie auf die Hunde. Nicht der richtige Zeitpunkt, um sie dafür zu kritisieren…

Endlich erreiche ich eine Tankstelle. Mein neuer Plan ist, es hier noch bis zur Dämmerung zu probieren. Sollte das nicht klappen, muss ich wohl in Vidin übernachten, das aus der Ferne wie aus einem düsteren Orson Wells Roman wirkt.

Doch kaum habe ich mir ein Zagorka Bier aufgemacht, um meine Ankunft in Bulgarien wenigstens gebührend zu würdigen, hält neben mir im Staub Peter, ein junger Heavy Metaller in einem dunklen Kombi. Er fährt tatsächlich bis nach Sofia. Stinkend, erschöpft und glücklich lasse ich mich auf den Beifahrersitz sinken. Im Radio spielt eine Kassette von Iron Maiden.

Wir fahren knapp 3 Stunden durch romantische Berglandschaften, winzige verschlafene Dörfer und dichte Wälder. Lange begegnen wir fast keinem anderen Auto, dafür Füchsen, wilden Hunden und Kindern auf unbeleuchteten Fahrrädern. Nach einer Weile entlädt sich die Hitze des Tages in einem gewaltigen Wolkenbruch. Mit der untergehenden Sonne über den wogenden Wiesen und dem Duft des nassgewordenen Waldes in der Nase fühle ich mich wie in einem verwunschenen Märchenland. Peter steuert den Mazda schnell, aber sicher über die löchrigen Strassen. Immer mal wieder versuchen wir uns an einer Konversation, aber weder sein Englisch noch mein Bulgarisch geben genug her. Und ich kann meine Augen kaum mehr offen halten.

Dann endlich taucht am Fusse der Berge das große Sofia auf. Längst ist es dunkel geworden. Mit dem Flugzeug dauert die Strecke Berlin-Sofia keine zwei Stunden, ich habe für die 1800 Kilometer nun zusammengenommen 37 Stunden gebraucht. Man sagt, dass die Seele ein paar Tage braucht zum Reisen und dass sie erst mit etwas Verspätung ankommt, wenn man per Flugzeug reist. Als wir meine Freundin an einer Tankstelle treffen und ich Peter zum Abschied umarme und ihm die Melone schenke, fühle ich mich, als sei meine Seele ganz dicht bei mir.

Interesse gefunden an Südosteuropa?

Für noch viel mehr Geschichten über ungewöhnliche Arten des Reisens kann ich natürlich auch mein Buch empfehlen!

Making Moves - 3D-Foto

 

Geschrieben von
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