Geldwechsel in Kuba: Wie man es besser nicht machen sollte

Pedros Freunde

Währungen tauschen ist ja immer so eine Sache. Nicht selten kann man beim Geldwechsel ganz schön übers Ohr gehauen werden. Und doch macht mir das Reisen immer gleich viel mehr Spaß, wenn ich plötzlich eine fremde Währung in der Tasche trage. In einem Land wie Kuba jedenfalls, wo die Menschen einfach nicht viel besitzen, sollte man seine Sinne bei einer solchen Transaktion beisammen haben.

Havannas Altstadt
Havanna: Alte Gebäude, arme Menschen

Ich flanierte gerade ein weiteres Mal durch das malerische Havanna, als mich plötzlich ein sympathischer Typ von der Seite ansprach. Er bemerkte, dass wir uns ja bereits kennen würden. Und tatsächlich erkannte ich in ihm Pedro, jenen Strahlemann, der mich gleich an meinem ersten Tag in der Altstadt abgefangen und in einen der berüchtigten Mojito-Läden geschleift hatte. Dort hatten er, zwei Freunde und ich dann in der feuchten Hitze einen klebrigen Drink nach dem anderen in uns hinein geschüttet, und dabei auch noch monströse Zigarren geraucht. Die saftige Rechnung war am Ende natürlich an mir hängengeblieben. Zwar hatte ich das Gefühl gehabt, ein wenig übers Ohr balbiert worden zu sein, doch war es auch irgendwie eine authentische Erfahrung gewesen, sodass ich den Jungs im Nachhinein nicht böse war.

Pedros Freunde
Pedros Freunde und ich: Auf den Spuren Hemingways

Jetzt jedenfalls benahm sich Pedro, als wären wir alte Freunde. Er schüttelte meine Hand, klopfte mir auf die Schultern, und betonte mehrmals, wie froh er sei, mich hier zu sehen. Da ich schon seit zwei Tagen mit niemandem mehr gesprochen hatte, spielte ich einfach mit und wir warfen uns gegenseitig Floskeln an den Kopf, die allesamt nicht viel bedeuteten, auf Spanisch jedoch deutlich besser klingen als im Deutschen. Es war eine große Freude, jene landestypischen Worte einzustreuen, die ich in den letzten Tagen auf der Insel gelernt hatte. ‚Agua‘ beispielsweise – wortwörtlich nicht mehr als ‚Wasser‘ meinend – konnte man im Grunde in jeden Satz einfliessen lassen, da es wie ‚cool‘ verwendet wurde. Ja, Agua war auf viele Fragen tatsächlich bereits eine vollwertige Antwort!

Nach einer Weile Small Talk fragte mich Pedro, wohin ich denn unterwegs sei. Ich schätze, das war der Moment, wo mir der erste Fehler unterlief. Ich sagte: „Naja, ich laufe nur so ein bisschen planlos herum. Aber später irgendwann wollte ich noch Geld tauschen.“ Sprach’s, und wusste im Grunde sofort, dass ich manchmal einfach mal meine Schnauze halten sollte.

Geld in Kuba ist ein Thema für sich. Es gibt zum einen die offizielle Währung Kubanischer Peso (auch Moneda Nacional genannt), daneben aber noch eine Art Zweitwährung, den sogenannten Peso Convertible. Doch damit nicht genug, kann man auch fast überall noch mit Dollar bezahlen, von Euros ganz zu schweigen. So hatte man nicht selten Münzen und Scheine vier verschiedener Währungen in der Hosentasche. Für Fahrten in den Colectivos jedenfalls, jenen weltbekannten Oldtimer-Taxis, in denen man sich mit bis zu acht Leuten zusammendrängt, musste man mit dem Peso bezahlen. Er schien mir die ehrlichste Währung, die Währung des kleinen Mannes. Da ich vor allem aber fast süchtig danach war, ziellos in diesen alten Strassenkreuzern durch die Stadt zu cruisen, wollte ich später einen Fünfzig-Dollar-Schein in diese Währung verwandeln, mit der man beispielsweise auch gut Pizza kaufen konnte, wenn man mal wieder nach einer rumgeschwängerten Nacht aus einem Salon de Baile stolperte.

Ein Colectivo: Nostalgie auf vier Rädern
Ein Colectivo: Nostalgie auf vier Rädern

„Ah“, sagte Pedro und versuchte vergeblich, eine neutrale Miene zu bewahren. Theatralisch dachte er ein paar Sekunden nach, um mir dann mitzuteilen, dass er einen guten Cambio, also eine Wechselstube kenne. Ich überlegte noch kurz, inwiefern so eine Wechselstube wohl besser sein könne als eine andere. Doch bei dieser Mittagssonne, deren Strahlen gerade eine Hauskante überquert hatten und mich nun volle Breitseite am Kopf erwischten, konnte man wirklich keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Vamonos“, sagte ich schließlich. Auf zur hochgepriesenen Wechselstube!

Fünf Minuten lang spazierten wir durch dieses wundervolle Freilichtmuseum, das sich Havanna nennt. Doch der Zufall wollte es, dass besagte Wechselstube geschlossen hatte. Das wiederum wunderte mich weniger, als es vermutlich hätte tun sollen, denn in den letzten Tagen hatte ich deutlich mehr geschlossene als offenen Geschäfte gesehen. Ich denke, das Verhältnis stand so in etwa bei 9 zu 1.

Buntes Havanna
Buntes Havanna: Betriebsamkeit sieht anders aus

Doch Pedro liess sich seine gute Laune nicht verderben. Der charmante Typ, der einem stets das Gefühl gab, die ganze Stadt gehöre eigentlich ihm, grinste schon wieder von Ohr zu Ohr. Ich wollte es ihm gleichtun, doch da tropfte mir erneut der Schweiss von der Stirn ins Auge. Mann, war das heiss heute!

Er kenne da noch eine Tankstelle. Sei ein bisschen weiter weg. Dann senkte er seine Stimme: „Ist nicht so ganz legal. Hat dafür aber wahnsinnig gute Wechselkurse!“ Beim letzten Wort streckte er seine beiden langgliedrigen Daumen in einer Geste in die Luft, die einstmals der Klassenfeind erfunden hatte. Doch das Thumbs up fiel offenbar nicht unter das amerikanische Embargo. In meinem von der Sonne nun bereits halb durchgegarten Gehirn entspann sich ein sehr träger Denkprozess: Tankstelle – weiter weg – nicht legal – guter Kurs – Daumen nach oben. „Vamonos“, sagte ich, diesmal vielleicht ein My weniger enthusiastisch als noch zuvor. Mit großen Schritten erklommen wir einen der Hügel der Stadt.

Alles für die Revolution
Was tut man nicht alles für die Revolution…

Unterwegs nutzte Pedro meine Erschöpfung aus und lenkte mich von einer genaueren Analyse meiner Lage ab. Immer wieder deutete er auf die knapp verpackten Hintern einheimischer Mädels und überhäufte die strammen Körperteile mit einem ganzen Arsenal an Komplimenten, um mich dann mit auffordernden Gesten um meine Zustimmung zu bitten. Ein anerkennendes „Agua“ reichte auch hier völlig aus, um zu verdeutlichen, dass auch mir die engen Hosen und ihr Inhalt gefielen. Ein Glück, dachte ich, denn zu Wörtern mit mehr Silben wäre ich wegen der Hitze und des steilen Hügels auch gar nicht mehr in der Lage gewesen.

Havanna

Oben angekommen wurde Pedro plötzlich ernst. Mit einem konspirativen Blick und gedämpfter Stimme erklärte er mir, dass ich natürlich nicht mit hineinkommen könne in die Tankstelle. Das sei ja doch wohl hoffentlich klar. Denn wenn das auch nur irgendjemand sähe, wäre er ein verhafteter Mann. „No es legal!“, betonte er noch mal nachdrücklich. Habe er ja auch schon erwähnt. Daher ja auch die „fantastischen Wechselkurse“, bei denen er nun wieder vorsichtig zu grinsen begann. Um dann selbstbewusst seine Hand aufzuhalten und um meinen 50-Dollar-Schein zu bitten. „Sollte nicht lange dauern“, verkündete er mit der Miene eines Bruce Willis in ‚Die Hard‘. In maximal fünf Minuten wäre er wieder hier, die Hände voller Pesos. Easy job.

Zögerlich legte ich ihm den Schein in die Handfläche. Auch nach all den Jahren des Reisens konnte ich mir nicht helfen: Dollars fühlten sich einfach immer wie Spielgeld an. Ich grinste. Er grinste zurück. Ich grinste noch mehr. Er grinste wie ein Wahnsinniger. Wir beide versuchten, etwas zu überspielen. Ich wusste zumindest, was es bei mir war.

„Du kommst aber schon wirklich zurück, oder?“, platzte plötzlich alles aus mir heraus, was sich in den letzten Minuten an Zweifeln angesammelt hatte.

Mit großer Geste legte er mir seine schwere Pranke auf den Rücken. „Amigo!“ sagte er vorwurfsvoll, so als hätte ich gerade etwas wirklich Unmögliches von mir gegeben. Wie konnte ich ihm Unehrlichkeit unterstellen? Wie konnte ich so etwas überhaupt nur denken, bei allem, was wir schon gemeinsam durchgemacht hatten?! Natürlich würde er zurückkommen, sagte er. „Por supuesto!“ Fünf Minuten, „no hay ningun problema, compadre!“ Ich solle einfach dort drüben in den Schatten gehen und da auf ihn warten. Easy job. Wie gesagt. Ich sah ihm noch nach, als er in einer Gasse zwischen zwei heruntergekommenen Häusern verschwand.

Es war schön, dort im Schatten. Schön schattig. Schön kühl. Gerade die ersten fünf Minuten waren eine echte Erholung. Selbst die darauffolgenden fünf Minuten fand ich irgendwie echt noch gut. Ich schwitzte kaum mehr, ich war wieder zu Atem gekommen. Nach 15 Minuten fragte ich mich zum ersten Mal, wie doof man eigentlich sein kann. Nach 30 Minuten hatte ich Gewissheit. Erstaunlich doof! So was von doof, dass ich doch tatsächlich über mich selbst lachen musste. Lauthals!

Während Pedro hoffentlich bereits dabei war, seiner Familie mit meinem Spielgeld Essen zu besorgen, winkte ich ein Colectivo heran, das in Richtung Malecón unterwegs war. „Kann ich auch mit Euro bezahlen?“, fragte ich zweifelnd. „Na klar“, lachte der alte Mann mich mit seinen fehlenden Zähnen an. „Dinero es dinero – Geld ist Geld.“ Vermutlich bot ich einen leicht dümmlichen Gesichtsausdruck dar, als ich kaum hörbar „Agua“ nuschelte und zu den anderen fünf Fahrgästen auf die zerschlissene Rückbank des 58er Plymouth glitt…

Malecón, Havanna
Malecón, Havanna

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