Die Ferne, so nah – Das polnische Festival ‚Haltestelle Woodstock‘

Eine halbe Million Menschen, bekannte Bands, und das alles kostenlos und um die Ecke?! Ich musste mich verlesen haben!

Vor zwei Jahren war ich mal mit Freunden ziellos über die Grenze nach Polen gecruist. Ein paar Kilometer hinter Kostrczyn führte die Strasse mitten durch ein Gelände, das aussah, als hätte es gerade eine atomare Explosion hinter sich. Berge von Müll, verstreute Reste von Campingutensilien, völlig plattgetretene Wiesen und Wege, und leere Flaschen, soweit das Auge reichte. Ganz am Ende des verwüsteten Areals stand windschief ein handgemaltes, farbenfrohes Schild: ‚Haltestelle Woodstock‚. Verziert mit Peace- Symbolen. Was zum Teufel ging hier vor sich?!

Meine Recherchen ergaben, dass eine knappe Stunde von Berlin alljährlich eines der größten kostenlosen Open-Airs Europas stattfand, so auch eine Woche zuvor. Wer öfter LifeIsATrip liest, kennt mein großes Interesse daran, wie andere Kulturen feiern. Daher wusste ich damals auch sofort, dass ich mir dieses seltsame Festival unbedingt aus der Nähe anschauen musste.

Im letzten August war es dann schließlich soweit. Ich hatte in meinem alten Freund Flo einen Mitstreiter gefunden, auch wenn ich ihn ein wenig zum Ausflug nach Polen hatte überreden müssen. Es war ein ungewöhnlich heißer Abend und wir starteten direkt aus unserem Garten in Brandenburg. Jeder mit einer Plastiktüte voller kalter Biere bewaffnet, schwangen wir uns auf unsere Räder.

Off to Poland!

Dass wir die erste Etappe unserer Reise sogar mit dem Drahtesel bestreiten konnten, machte die Sache gleich noch besser. Es lag etwas Verheißungsvolles in der Luft. Quatschend und an Bierflaschen nuckelnd ließen wir das Dorf hinter uns und zogen in den letzten Sonnenstrahlen durch die malerische Landschaft der Märkischen Schweiz.

Vorbei an wilden Wiesen,

Beautiful field

 verlassenen Alleen,

Typical Brandenburg alley

mittelalterlichen Feldsteinkirchen,

Church made of field stones

und Rehen mit teils mehr als nur einem Kopf.

Surprised deer

Schon diese ersten Kilometer waren es wert, aufgebrochen zu sein! Kein Mensch weit und breit, um uns herum nichts als duftende Vegetation. Schon bald hatten wir Schweiß auf unseren Stirnen, und das, obwohl es schon nach neun war. Freihändig rollten wir, lachten und freuten uns des außergewöhnlichen Moments.

Nach etwa einer Stunde erreichten wir Müncheberg und schlossen unsere Räder am Bahnhof an. Und plötzlich spürte man das Festival zum ersten Mal. Die meisten Leute in der Regionalbahn in Richtung Osten waren junge Alternative. Überall Schlafsäcke, Zelte, lange Haare, kreisende Biere. Alle waren völlig aufgekratzt, aus einem Ghettoblaster dröhnte Reggae durch das Abteil. Aus dem  Stimmengewirr konnte man Deutsch, Polnisch, Englisch und sogar Spanisch heraushören. Als Flo und ich uns anschickten, einen Fahrschein zu ziehen, wies uns eine Gruppe junger Polen mit Metal-Shirts und sonnengegerbten Armen freundlich darauf hin, dass in diesem Zug ohnehin keiner kontrolliere. Das sei der ‚Woodstock-Express‚, wer würde dafür schon Geld verlangen? Mit den letzten Bieren aus unserem Proviant stießen wir mit den Jungs an.

Als wir mitsamt einer bunten Gruppe aus dem Bahnhof in Kostrczyn gespült wurden, war schlagartig alles anders. 40 Minuten im Zug hatten gereicht. Plötzlich verstand man die Schilder nicht mehr, die Busse und Häuser wirkten völlig fremd, und die meisten Menschen verständigten sich in einer Sprache, der man nicht folgen konnte. Ich vermochte es mir nicht viel exotischer vorstellen, wäre dies der Bahnhof von Bombay gewesen. Wir platzten beide vor Abenteuerlust!

Haltestelle Woodstock

Zusammen mit vielen Anderen quetschten wir uns in einen der grauen Shuttle-Busse. Zum Glück hatte ich uns mittags in Berlin noch schnell ein paar Slotti besorgt, denn keine andere Währung akzeptierte der kettenrauchende Busfahrer im kurzärmeligen Hemd. Als das klapprige Gefährt sich dann in Bewegung setzte, wurde schnell klar, dass hier wirklich Großes vor sich ging: Im Grunde die gesamte Strecke vom Bahnhof zum Festivalgelände war gesäumt von Ständen voller Essen, Getränken, Klamotten und Festival-Accesoires. Überall wuselten Menschen, viele davon sahen schon ziemlich verfeiert aus.

Im Bus herrschte eine ausgelassene Atmosphäre. Jeder redete mit jedem, Getränke und Zigaretten wurden ausgetauscht. Im Minutentakt schloss man Freundschaften. Die Fenster standen offen.

Der Bus spuckte uns an einer langen Strasse aus, die komplett von Fußgängern bevölkert wurde. Hier nun war wirklich jeder Quadratzentimeter voller Menschen. Bis zum staubigen Horizont erstreckten sich Zelte, Autos und Stände. Wir ließen uns einsaugen vom Strom, der wohl in Richtung Bühne führte. Nirgends eine Einlasskontrolle, geschweige denn eine Kasse. Keine Zäune, keine Securities.

Obwohl wir nun auf einiges gefasst waren, fielen uns doch beiden die Kinnladen runter, als die Hügel nach der dritten Biegung den Blick freigaben auf die gigantische Bühne. So etwas hatte ich noch nicht gesehen, dagegen war Rock am Ring ein Kindergeburtstag. Sie wirkte fast wie ein Bergmassiv. Zwischen uns und dieser wahnwitzigen Konstruktion ergoss sich ein Meer aus Vernügungshungrigen.

The massive stage

Ehrfürchtig trotteten wir bis zur Mitte des Geländes. Just in diesem Moment fingen Anthrax an zu spielen und Hunderttausende rasteten simultan aus. Mir fehlten die Worte. Flo und ich blickten uns an und konnten nur ungläubige Gesichter machen. Doch offenbar waren wir nicht die Einzigen, die beeindruckt waren. Denn schon nach dem ersten Song schallte es von der Bühne: ‚This shit doesn’t happen in America! If this happened in America, we’d be staying in America. But this here is why we come to Poland!‘ Mich durchflutete eine solche Euphorie, dass ich nach Jahren des Nichtrauchens Flo geistesabwesend um eine Zigarette bat und diese sofort gierig in mich einsog. Das war wirklich fantastisch hier. Und der Unterschied zum beschaulichen Anfangspunkt unserer Tour war geradezu absurd.

Ich war nie ein Metal-Fan gewesen, aber in diesem Kontext haute einen die Musik förmlich um. Die kreischenden Gitarrenriffs im Nacken und den Bass im Bauch, besorgten wir uns erst mal eine ganze Rolle Coupons, die man dann einen Stand weiter gegen Bier eintauschen konnte. Eine große Dose Carlsberg gab es zu einem Euro. Wir mussten im Paradies gelandet sein.

Beer - so much beer

Bewaffnet mit eiskalten Bieren und packenweise Menthol-Zigaretten arbeiteten wir uns zurück zur Bühne. Da wir keine Ahnung vom Line-Up hatten, überraschte uns umso mehr, dass nach der US-Metal-Combo, die sich in tosendem Applaus verabschiedet hatte, nun der Regisseur Emir Kusturica mit etwa 15 weiteren Musikern die Bühne enterte und direkt einen Song aus seinem Film Schwarze Katze – Weißer Kater anstimmte. Schon beim ersten Ton der Bläser drehte die Menge kollektiv durch. Flo und ich rissen uns die Shirts runter und tanzten uns für die nächsten eineinhalb Stunden um den Verstand.

Craziness

Mit einem leicht gestauchten Knöchel und kiloweise Staub in den Schuhen machten wir uns nach dem Auftritt zurück zu den monströsen Bierständen. Hier saßen wir für Stunden im Gras, tranken und rauchten, und bestaunten die Szenerie. Ständig wurden wir angequatscht und lernten neue Leute kennen. Ständig gaben wir Leuten Bier und Zigaretten aus. Nicht alle Polen freuten sich offenbar über Besuch aus Berlin, aber alles in allem herrschte eine sehr harmonische Grundstimmung. Einige erzählten uns aus ihrem Leben und fragten uns zu unserem aus. Viele Leute hatten sich Mühe gegeben mit ihren Verkleidungen und es schien zum guten Ton zu gehören, einander mit High-Fives zu begrüßen.

In den frühen Morgenstunden ließen Flo und ich uns dann über das gesamte Gelände treiben.

Inside Haltestelle Woodstock

Wir sahen weitere Konzerte auf kleineren Bühnen, überquerten einen See aus Schlamm auf rutschigen Planken, kehrten für einen vegetarischen Happen im Zelt der Krishna-Brüder ein und philosophierten mit ein par Spaniern, die in etwa so viel MDMA genommen wie wir Bier getrunken hatten, vor einer schier endlos erscheinenden Reihe aus Dixi-Klos.

Random cars at Haltestelle Woodstock

Als die Sonne im Begriff war wieder aufzugehen, waren wir nicht nur völlig erledigt, sondern auch sehr zufrieden. Vorbei an der nun leeren Bühne stolperten wir zurück zur Bushaltestelle.

The party is over

Die letzten Übriggebliebenen vor ihren Zelten schenkten uns noch Saft und Brot, bevor wir wieder einen der Busse bestiegen. Zurück im Städtchen vertilgten wir noch ein paar sehr fettige Nudeln an einem Stand, dann brach die Heidekrautbahn auf zurück in Richtung Berlin.

Kostrczyn train station

Nur mit großer Anstrengung konnten wir im Zug unsere Augen noch offen halten. Nach den letzten paar Kilometern mit dem Rad, diesmal auf der Hauptstrasse, die wir an diesem Sonntagmorgen völlig für uns hatten, wuschen wir uns bei einem Bad im See kurz Staub und Schweiß  von den Körpern. Dann schliefen wir komatös bis zum späten Nachmittag.

Als ich wieder zu mir kam, konnte ich nicht mal mehr genau sagen, was wirklich passiert und was ein Traum gewesen war. Doch neben meinem Bett lagen ein paar Slotti-Münzen und ich musste grinsen. Manchmal liegt das Abenteuer wirklich näher als man denkt!

A new day, a new adventure

Geschrieben von
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