Die Ferne, so nah – Das Dong Xuan Center in Berlin

Dong Xuan Centre

Man kennt das: Graues Wetter in Berlin, kalte Bude, vielleicht hat man keinen so guten Tag – und schon wünscht man sich wieder zurück ins schöne Südostasien. Ich habe für solche Fälle nun endlich eine Lösung gefunden, für die man nicht mal ein Flugzeug besteigen muss! Sie heisst:

Dong Xuan Center

Für diesen Kurzbesuch in Vietnam muss man lediglich nach Lichtenberg reisen, und zwar auf das ehemalige Gelände der VEB Elektrokohle. Hier hat sich in den letzten 10 Jahren eine regelrechte Parallelwelt entwickelt. Mit ein wenig Fantasie kann man sich schnell fühlen, als sei man tatsächlich nach Vietnam gereist! Viele derer, die in sechs riesigen Hallen unzählige Läden betreiben, sind ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam oder deren Nachkommen.

Dong Xuan Center - schön ist anders. Aber faszinierend ist es allemal!
Dong Xuan Center – schön ist anders. Aber faszinierend ist es allemal!

Schon am Eingang machen manche Leute unmissverständlich klar, dass sie nicht fotografiert werden möchten. Krumme Geschäfte, Scheu, ein frischer Pickel – man weiß es nicht genau… Es empfiehlt sich vermutlich, sie einfach nicht zu fotografieren.

Betritt man dann das leicht heruntergekommene Gelände, erblickt man erst mal eine Menge Plakate, die hauptsächlich für vietnamesische Geschäfte werben. Fahrschulen, Nagelstudios, Immobilienmakler. Dann ist es an der Zeit, eine der Hallen zu betreten und mit diesem kleinen Kunstgriff in die Ferne zu schweifen!

Ein Blick in die heiligen sechs Hallen des vietnamesischen Konsums.
Ein Blick in die heiligen sechs Hallen des vietnamesischen Konsums.

Der erste Eindruck: Reizüberflutung! Nagelstudios stehen offenbar hoch im Kurs, jeder zweite Laden heisst US Nails. Gleich am Eingang aber ein anderer faszinierender Anblick: Eine riesige Pinnwand, vermutlich Kommunikationsplattform für die vietnamesische Exil-Community. Die meisten der hunderten von Zetteln kann ich dementsprechend nicht entziffern, da sie in vietnamesischen Schriftzeichen verfasst sind. Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht. Aber ich muss nur Schilder sehen, die ich nicht lesen kann, und schon meldet sich die Abenteuerlust!

Danach ein wahrer Wust an Läden; ich versuche bis zum Schluss vergeblich eine Art von Ordnung zu erkennen. Und doch ist es ja genau das, was man will: Die Atmosphäre eines großen asiatischen Marktes, auf dem es eben auch alles quer durcheinander gibt. Und damit meine ich: ALLES!

Vom Samurai-Schwert bis zum
Vom Samurai-Schwert bis zum Dreierstecker…

Handygeschäfte, Klamottenläden, Stoffgeschäfte, Ramsch, Läden mit Blumen – echten und aus Plastik.

Der vermutlich schönste Ausblick im Dong Xuan Center - auch, wenn alles hier aus Plastik ist...
Der vermutlich schönste Ausblick im Dong Xuan Center – auch, wenn alles hier aus Plastik ist…

Taschengeschäfte, geführt von dunkelhäutigen Männern mit Turban. Ledergeschäfte, in denen sich gerade ein Ostberliner Cowboy mit neuen Geldbörsen eindeckt. Die Frage drängt sich auf, warum er gleich 20 davon braucht…

Friseurläden, die auf Plakaten vorm Eingang die neuesten Frisuren-Trends aus Asien anpreisen. A propos ‘anpreisen’: Was hier völlig fehlt, ist das für Asien typische, eigentlich im Sekundentakt erfolgende aufgezwängte Verkaufsgespräch. Fast vermisst man es ein bisschen!

Dafür stösst man immer wieder auf fantastische Arrangements:

Dong Xuan Centre

“Warum fotografieren Sie?”, fragt mich hektisch ein Pakistani, der sofort herbeigeeilt ist, als ich meine Kamera gezückt habe. Ich antworte ihm, dass ich das Arrangement des Ladens einfach wahnsinnig ästhetisch und geradezu unwiderstehlich finde. “Wie könne man eine solche Schönheit nicht fotografieren?!” Das scheint ihn zu überzeugen und er lässt mich gewähren. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er mich für minderbemittelt hält. Oftmals hilfreich!

Ab dem nächsten Shop riecht es kräftig nach Räucherstäbchen. Einige Läden haben die für buddhistische Länder typischen kleinen Altare aufgebaut, um ihre jeweiligen Götter sanft zu stimmen.

Im nächsten Laden probiere ich ein Hemd an, das mir – wie meistens bei asiatischen Klamotten – ein bisschen zu weit ist, während die Ärmel deutlich zu kurz sind. Während die Verkäuferin das Hemd widerwillig in seine alte Form zurückfaltet, frage ich nach einem guten Restaurant im Dong Xuan Center, um sie wieder freundlich zu stimmen. Sie schüttelt lächelnd den Kopf: “Alle gleich”, sagt sie und zündet beiläufig ein neues Räucherstäbchen an. Ich hoffe, wenigstens gleich gut!

Seltener als gehofft lassen sich typisch asiatische Produkte entdecken.
Seltener als erhofft lassen sich tief drin in den Geschäften klischee-mäßig asiatische Produkte entdecken.

Zwischen den Vietnamesen und den Pakistanis: Junge Paare, ganz offensichtlich aus der direkten Lichtenberger Nachbarschaft. Manche scheinen gezielt nach etwas zu suchen, andere flanieren nur so durch die Gegend und staunen. Mehrmals sehe ich ganze Familien.

Wieder ein paar Meter weiter nun mehrere Läden mit Souvenirs. Ich muss einsehen, dass ich kleine Solar-Winkemännchen in Zukunft wohl nicht mehr über mehrere Kontinente schleppen muss…

Ich vernehme indische Musik. Und plötzlich riecht es stark und lecker nach angebratenem Chili und Knoblauch. Ich kann die Quelle aber leider nicht ausfindig machen.

Der Mann, der die Toiletten betreut, scheint ein Russe zu sein. Ich versuche, von ihm mehr über das Dong Xuan Center in Erfahrung zu bringen. Doch er sagt mir nur, dass dienstags alles geschlossen hat. Auch gut zu wissen.

Stilleben im Dong Xuan Market
Vermutlich auch dienstags da: Stilleben im Dong Xuan Market

Ich passiere einen Piercingladen und dann noch mehr Nagelpflegerinnen und Friseure. Fast wünschte ich mir, einen Haarschnitt nötig zu haben! Die Friseure sehen beim Schnippeln aus, als wüssten sie, was sie da tun, und ein Schnitt kostet weniger als 10 Euro. Im nächsten Laden kaufe ich einen bunten Porzellandrachen und frage die Verkäuferin, wofür er steht. “Bringt Glück”, nuschelt sie abwesend. Hätte ich mir eigentlich denken können.

Es scheint hier wirklich Menschen aller Nationalitäten zu geben. Man fühlt sich auf jeden Fall nicht mehr wie in Deutschland. Viel eher erinnert die Zusammensetzung der Menschen hier an große Stopover-Flughäfen wie Dubai. Ähnlich spannend wie der Nationalitätenmix sind die Namen der Klamottenläden: Paris In, HM Fashion, Miami, Juwel, …

Und es gibt hier wirklich alles zu kaufen: Vom Samurai-Schwert bis zum Dreierstecker, von der Warnweste bis zur tanzenden Psy-Puppe, vom Rollkoffer bis zur ferngesteuerten Drohne. Ich bin dermaßen überfordert vom blinkenden, blitzenden und grellbunten Sortiment, dass ich es ganz verpasse, auch nur einen Blick auf die Preise zu werfen.

Nagelladen-Zubehör - kann man sicher mal gebarauchen!
Es geht doch nichts über eine zu Ende gedachte Marketingstrategie!

Aus einem Reisebüro, ‘Punjab Travel’, ertönt gedämpft Modern Talking. Nebenan verkauft man Zubehör für Nagelshops. Wie praktisch, da haben die vielen Nageldesignerinnen es ja nicht weit! Ich bin mittlerweile in der dritten von sechs Hallen. Hatte ich gehofft, dass wenigstens die Hallen vielleicht thematisch geordnet wären, muss ich nun final erkennen, dass dem nicht so ist. Zumindest entdecke ich als Nicht-Vietnamese keine Form von Ordnung. Ein Vietnamese würde über diese Einschätzung sowie unser generelles Konzept von Ordnung vermutlich nur schmunzeln…

Sonnenbrillen jedenfalls gibt es recht günstig.
Sonnenbrillen jedenfalls gibt es überall..

Vor mir ein Laden mit vietnamesischer Musik und Büchern, hinter mir ein riesiger Lebensmittelladen. Dieser bietet neben einer Million anderer Dinge alles an frischen Kräutern, etwa 30 verschiedene Marken Sojasauce, den originalen Thai Red Bull und sogar ein Bassin, aus dem man sich lebendige Fische aussuchen kann! So langsam bin ich hungrig geworden.

Ich kaufe ein paar süße Bällchen, die ich noch aus Vietnam kenne. Im Laden nebenan erstehe ich einen tollen handgemachten Lenkdrachen, der wirklich wie ein Drachen aussieht. Danach habe ich erst mal genug gesehen. Aus einem der sicherlich zehn verschiedenen Restaurants wähle ich eines aus, wo man draußen sitzen kann und bestelle die Hanoi-Spezialität Bun Cha. Tatsächlich schmeckt es hier genau wie in Vietnam! Ein Saigon-Bier begleitet das knusprige Schweinefleisch mit den leckeren Kräutern und Reisnudeln. Die Kellner sind vergnügt und ausgesprochen freundlich.

Im Uhrzeigersinn: Ein regal voller Ramen-Suppen; der echte Thai Red Bull; süße Bällchen; Bun Cha mit Saigon
Im Uhrzeigersinn: Ein Regal voller Ramen-Suppen; der echte Thai Red Bull; süße Bällchen; Bun Cha mit Saigon-Bier

Zu guter Letzt schlürfe ich an einem Café noch einen vietnamesischen, starken Kaffee, der mit süßer Kondensmilch serviert wird. Von hier aus beobachte ich noch eine Weile das geschäftige Treiben. Ich muss grinsen, als ich sehe, dass viele Vietnamesen statt ihrer eigenen Küche hier offenbar lieber thüringische Bratwurst am Imbissstand auf dem Parkplatz essen! Exotisch ist eben doch immer das, was man nicht jeden Tag hat.

Dann mache ich mich mit meinem Rad zurück ins andere, vertraute Berlin.

Mein Gesamturteil: Fremde Schilder und Sprachen, buntes Markttreiben, exotisches Essen und sogar noch ein paar Souvenirs – ein rundum gelungener Kurzurlaub!

Die Zeit schreibt übrigens:

“Längerfristig plant die Betreibergesellschaft, das 3,8 Hektar große Industrieareal in eine moderne Asiatown umzuwandeln, mit noch mehr Handel, mit Hotels, Kulturhäusern und eigener Pagode. Es wird also noch fremdartiger, noch exotischer werden, zur asiatischen Warenwelt kommen die Götter und Ahnen, zur örtlichen Kundschaft vietnamesische Touristen aus ganz Europa.”

Na, wenn das nicht super klingt!

Bei Interesse bitte hier entlang:

Dong Xuan Center, Herzbergstrasse 128, 10365 Berlin (dienstags geschlossen)

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