Finnlands Osten oder Das Finden der Ruhe

Ohne Worte!

„Siri, wie viele Einwohner hat Finnland?“ Die virtuelle Assistentin meines Handys, heute offenbar gut aufgelegt, zögert nicht lange und antwortet: „5,4 Millionen.“ Jetzt wundert mich gar nichts mehr.

Eines der Dinge, die dem Reisenden in Finnlands Osten schnell auffallen, ist die angenehme Leere, nachdem man Helsinki hinter sich gelassen hat. 16 Einwohner pro Quadratkilometer zählt das nordische Land; in Deutschland sind es mehr als 14 mal so viele. Und so blicke ich auf dem Weg in den Osten des Landes in unberührte Natur und über einsame Straßen. Menschen? In dieser Gegend weitgehend Fehlanzeige. Dafür dichte Nadelwälder, grünlich-blau schimmernde Seen, und selten mal eines der rotbraunen Holzhäuser auf einer Landzunge. Auch Fahrzeuge sieht man wenige. Erblickt man doch mal welche, sind es oft gut gepflegte Oldtimer, amerikanische Strassenkreuzer der 50er und 60er. Hier im Osten des Landes schätzt man Autos, hausgemachtes Essen und eine gesunde Portion Humor.

Ich befinde mich in der Saimaa-Region, seines Zeichens größte Seenplatte Europas. Zahllose Gewässer sind durch malerische Flüsse miteinander verbunden und ergeben in der Summe diese einzigartige Landschaft. Hierher fahren nicht nur Touristen wie ich, sondern auch die Finnen selbst, auf der Suche nach Entspannung und Natur. Wer etwas auf sich hält, unterhält irgendwo in den endlosen Pinien-Wäldern eine kleine Hütte, in die er sich wochenends mit guten Freunden zurückzieht, um gemeinsam zu saunieren, gut zu essen und zur Ruhe zu kommen.

Erster Blick auf die Seen
Erster Blick auf die Seen

Helsinki

Auch Finnlands Hauptstadt ist schon interessant gewesen. Helsinki ist mit seinen 600.000 Einwohnern keine große Stadt, an vielen Orten fühlt sie sich fast an wie ein gemütliches Dorf. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten wie die weiße Kathedrale, die Markthalle ‚Kauppahalli‘ oder der Hafen mit seinen Imbiss-Ständen sind leicht per Fuß zu erreichen. Und so schlendert man durch dieses nordische Städtchen schon bald in derselben gemächlichen Geschwindigkeit wie seine entspannten Bewohner. Zwischendurch genießt man ein mit geräucherten Fischen belegtes dunkles Brot oder eine der legendären, weil riesigen und leckeren, Zimtschnecken.

Helsinki (im Uhrzeigersinn): Kathedrale, Eisstand im Zentrum, Riesenrad am Hafen, Kirche.
Helsinki (im Uhrzeigersinn): Kathedrale, Eisstand im Zentrum, Riesenrad am Hafen, Kirche.

Suomenlinna

Mit einer kleinen Fähre erreicht man ‚Suomenlinna‘, eine auf fünf Inseln gelegene Festung mit bunten Holzhäusern und massiven Steingemäuern, auf der man an jeder Ecke gleich Michel aus Lönneberga zu treffen glaubt. Doch die Seefestung bietet mehr als traditionelle nordische Gemütlichkeit. Suomenlinna, bewohnt von gerade mal 900 Menschen, beheimatet zahlreiche Künstler und Musiker. Jeder kennt einander. Und so lassen sich an jeder Ecke kleine Kunstwerke und ästhetische Arrangements entdecken, und ein Plausch mit den Bewohnern ist nie weit.

Eindrücke von Suomenlinna
Eindrücke von Suomenlinna

Saimaa

Doch nun geht es nach Saimaa, das Naturparadies kurz vor Russland. Höchste Zeit für noch ein wenig mehr Entschleunigung! Die Reise dorthin dauert im Auto knapp vier Stunden. Bei einem Stop unterwegs erstehe ich in einem Laden für regionale Produkte eine Flasche Tyrni, einen sehr sauren, aber wohl wahnsinnig gesunden Sanddornsaft. Direkt nebendran steht ein Regal voll der landestypischen Spezialität Lakritz in den unterschiedlichsten Formen.

Nach ein paar Foto-Stops halten wir in einem gemütlichen Restaurant. Zu Mittag gibt es Salat und hausgebackenes Brot, danach den wohl leckersten Lachs, den meine Zunge je gekostet hat. Zum Nachtisch serviert man Eis mit Lakritzgeschmack, das irgendwie salzig und auf schräge Weise köstlich ist!

Das Sahanlaati Resort: Einen Gang runterschalten...
Das Sahanlahti Resort: Einen Gang runterschalten…

Am Sahanlahti Resort beziehe ich einen komplett aus Holz gefertigten Raum und springe dann für eine Weile auf dem Trampolin mit Blick auf die entzückende Bucht. Dann machen wir uns auf in den Wald; für das Abendessen fehlen noch ein paar Blaubeeren. In den letzten Strahlen der Sonne grasen wir die niedrigen Sträucher zwischen den Bäumen ab. Blaubeeren, aber auch die rötlichen, deutlich saureren Preiselbeeren wachsen überall. Jeder Mensch in Finnland hat das Recht, jeden Wald zu betreten und für sich selbst zu ernten, was er braucht. Ein sympathisches Gesetz. Doch sind die Blaubeerbüsche hier so zahlreich, dass trotzdem nur 5% aller Beeren gepflückt werden. In einem Metallbecher horte ich meine wachsende Ausbeute. Doch zwischendurch muss ich ihn immer wieder abstellen, um die tollen Ausblicke von den moosigen Hügeln hinab auf den Saimaa auf Film zu bannen.

Moss und Seen: Eine ganz schöne Kombination!
Moss und Seen: Eine ganz schöne Kombination!

Zurück am Resort übergeben wir die Beeren dem Koch. Nur kurz später finden wir uns bei 80 Grad in einer rustikalen Rauchsauna wieder. Kalte Biere und mit Räucherfisch belegte Brote werden gereicht. Dazwischen waschen wir uns den Schweiss im klaren Wasser des Sees ab, der so sauber ist, dass man sogar aus ihm trinken kann! „A cold beer in the sauna – it doesn’t get more Finish than that“, grinst unsere Gastgeberin. Dann stimmt sie ein paar typische Saunalieder an, die recht gut den leicht makabren Humor der Gegend wiedergeben.

Erschöpft und entgiftet geben wir uns anschließend einem Festmahl hin. In einer Hütte, die komplett aus massiven Baumstämmen gebaut und im Inneren mit Elchfellen dekoriert ist, glimmt mittig ein Feuer, neben dem fangfrischer Lachs räuchert. Das köstliche Essen wird begleitet von selbst gemachten Cocktails aus Cassis-Blättern, danach braten wir uns alle noch selbst in gusseisernen Pfannen mit langen Stielen Pfannkuchen zum Dessert, die wir mit den von uns gepflückten Blaubeeren geniessen. Zu guter Letzt bereitet uns der Koch direkt über dem Feuer einen starken Kaffee zu. Was für ein Tag!

Der nächste Morgen beginnt mit Yoga am Pier, die Sonne geht dazu theatralisch über dem Wasser auf. Geräucherte Fische, hausgemachtes Brot und Blaubeeren bringen uns danach auf Arbeitstemperatur.

Ganz in der Nähe wartet Mika Kärkkäinen auf uns. Er ist erst letztes Jahr zum besten Angelführer Finnlands gewählt worden. Auf seinem kleinen Boot schiessen wir erstaunlich schnell über die Wasseroberfläche. Am Ufer fliegen Hütten und Boote vorbei, hier und da raucht ein Lagerfeuer vom Vorabend. Ich fantasiere darüber, wie es wäre, sich hier für ein paar Wochen vor der Zivilisation zu verstecken. Allein mit der Natur. Als der Bootsmotor erstirbt, hört man nichts als das Plätschern der Wellen.

Ein Tag mit Mika: Angeln, Echolot und finnische Zoten.
Ein Tag mit Mika Kärkkäinen: Angeln, Echolot und finnische Zoten.

Nach kurzer Zeit habe ich verinnerlicht, wie man die Angelrute auszuwerfen hat. Ich bin überrascht, welch meditative Ruhe das Angeln in mir auslöst. Es ist daher gar nicht weiter schlimm, dass ich nichts fange. Und das, obwohl Mika, stets ein schelmisches Grinsen um den Mundwinkel, uns an die fischreichsten Stellen fährt. Auf seinem Echolot bekommt er diese zentimetergenau angezeigt.

Niinisaari

Wir kommen auf Niinisaari an, einer entzückenden Insel mit gerade mal 160 Bewohnern. Zu Blüten-Limonade und hausgebrautem Bier reicht man geräucherte Fische, Lachssuppe, frisches Kartoffelbrot mit Butter und Quark mit Blaubeeren. Die Finnen wissen, wie man es sich gut gehen lässt!

Nini
Niinisaari

Hinter dem roten Bauernhaus mit weißen Giebeln, das jetzt als Pension dient, erstreckt sich eine Preiselbeer-Plantage. Auf den Feldern watscheln ein paar gutgenährte Gänse herum. Die Chefin ist eine ältere Frau mit einem lieben Gesicht. Sie erzählt mir, dass schon die ersten Touristen hier Deutsche waren. Heute kommen viele noch immer jedes Jahr, noch mehr auf der Suche nach Ruhe denn je. Dass sie diese hier finden, muss sie nicht extra erwähnen. Ihre Gäste bekommen zur freistehenden Hütte am Wasser jeweils eine Sauna und ein Ruderboot, mit dem sie die Seenplatte erkunden können.

Savonlinna

Eine kurze Busfahrt später stehen wir vor einer von nur drei verbleibenden Burgen Finnlands, Olavinlinna im Dörfchen Savonlinna. Das mittelalterliche Gemäuer liegt kamerafreundlich auf einer Insel im Fluss, mit dem Festland nur durch eine Brücke verbunden. Im Sommer finden hier Opern-Aufführungen statt.

Olavinlinna
Olavinlinna

Der Nachmittag bringt eine weitere ortstypische Aktivität: Nordic Walking, eine finnische Erfindung und hier eigentlich als Pole Walking bekannt. Marko Kantaneva muss das wissen, denn er ist einer der Pioniere dieser Sportart, die in den letzten Jahren die ganze Welt erobert hat. Er führt uns knapp zwei Stunden lang durch duftende Pinienwälder, vorbei an Seen und feuchten Lichtungen, auf Hügelkämme hinauf und auf der anderen Seite wieder herunter. Anleitung gibt es wenig, der Sport erschliesst sich größtenteils intuitiv. Gibt Marko doch mal Tips, so bringt er mit seiner Spitzbübigkeit alle zum Lachen. Und tatsächlich macht das Ganze dann mehr Spass, als ich immer dachte. Am Ende des Programms, und nachdem wir uns noch eine Weile gedehnt haben, spüre ich zudem jeden Muskel in meinem Oberkörper.

Einer der Ausblicke beim Nordic Walking
Einer der Ausblicke beim Nordic Walking

Das Abendessen findet in einer Rundhütte statt; auf der Feuerstelle in der Mitte köchelt eine delikate Lachssuppe. Danach gibt es Elchfleisch mit Kartoffelbrei und Marmelade. Unser Gastgeber erzählt uns, dass man Elchfleisch nicht würzen muss. Und, dass wir unbedingt im Winter wiederkommen müssen, wenn die komplette Seenplatte zugefroren ist und man sie per Schlittschuh erkunden kann. Ich stelle mir die gemütliche Atmosphäre am Feuer vor, wenn draußen Schnee liegt und die Fenster von Eiskristallen überzogen sind.

Der Sonnenuntergang am Seeufer ist umwerfend und wir staunen in andächtiger Stille. Wieder einmal fällt mir auf, wie wenige Geräusche man hier zu hören bekommt. Man fühlt sich wie in Watte eingelegt.

Ohne Worte!
Ohne Worte!

Danach werfen wir noch einen Blick in die große Halle im Wald, in der die Menschen im Sommer jeden Freitagabend zum Tanz zusammenkommen. Die fünfköpfige Band präsentiert eine hörenswerte Mischung aus Surf, Rock und finnischen Klassikern, während die Damen – jung wie alt – an der Wand stehend darauf warten, endlich von einem der Herren zu einem Tänzchen aufgefordert zu werden. Ich möchte fast mitmachen, aber meine Tanzkünste sind wohl nicht ausreichend.

Stattdessen schlafe ich schon bald wie ein Baby, die reine Luft im ehemaligen Lungenheilsanatorium füllt mich dabei mit neuer Energie.

Der dritte Tag in diesem Naturparadies bringt uns dieses noch einmal näher denn je. Nach einem satten Frühstück, bei dem ich auch endlich das ersehnte Kalakuko, ein köstliches, mit geräucherten Sprotten gefülltes Brot, entdecke, geht es per Bus und Boot in den Nationalpark Linnansari. Der dichte, dampfende Wald, die Düfte der Blüten und Moose, sogar der kurz einsetzende Nieselregen – das alles ergibt ein geradezu märchenhaftes Panorama, das alle Sinne miteinbezieht. Dazu hört man wieder nichts als das Knistern der Pinien und den Flügelschlag eines Vogels.

Überwucherte Pfade führen uns auf die höchste Erhebung der Gegend, den sogenannten Linnavori (Burgberg). Eine Burg gibt es dort zwar nicht, dafür aber einen der idyllischsten Ausblicke, die ich je gesehen habe. Und, wie wir von unserer finnischen Begleiterin erfahren, das Wassermonster Hiisi, ein hässliches Wesen, das seit Jahrhunderten unter Wasser lebt und völlig von Schnecken übersät ist.

Der Ausblick vom Linnavori
Der Ausblick vom Linnavori

Danach besteigen wir Kayaks und paddeln uns zwischen den Inseln entlang. Ich verstehe nun, warum sich Hiisi gerade diese Gegend als Heimat auserkoren hat. Es ist schlicht entzückend. Durch die Fortbewegung mit Muskelkraft und den unmittelbaren Kontakt mit den Wellen, meine ich nach einer Weile mit dem See zu verschmelzen. Doch ein Pfiff reisst mich aus meiner Trance. Unsere ganze Gruppe ist kurzerhand von einem Pärchen, das auf einer der vielen Inseln eine Hütte hat, zu einem Glas Weißwein eingeladen worden. Da sitzen wir dann in unseren Booten, dümpeln in den sanften Wellen und fragen die beiden aus darüber, wie das Leben so ist in diesem Kleinod. Beschwingt und entzückt rudern wir zurück zum Hafen, wo nun eine freundliche Gruppe älterer Finnen Volleyball spielt.

Kajaks und Weisswein
Kajaks und Weisswein

In mittelalterlichem Ambiente tischt man uns feinste Weine auf. Dazu gibt es Rentierfleisch mit Pilzen und hausgemachtem Käse sowie für mich als Pescetarier ein Tartar aus rohem Fisch. Danach einen Barsch mit Kartoffelpüree und Dill, und zum Abschluss ‚Arme Ritter‘, in Ei gebratene, süße Brotscheiben, die sogar auch auf Finnisch so heissen. Was für ein Essen!

Hier mal eine Auswahl der fantastischen Gerichte Ostfinnlands!
Hier mal eine Auswahl der fantastischen Gerichte Ostfinnlands!

Mikkeli

Unseren letzten Abend in Ostfinnland begehen wir in einer typischen Kneipe bei einigen Bieren und einem sehr spannenden Shuffleboard-Duell, bei dem es gilt auf einem mit Sand bestreuten Tisch einen kleinen Puck in die richtige Position zu rutschen. Ein paar Lakritz-Liköre im Nachtclub neben dem Hotel tuen ihr übriges, um uns noch bis in die frühen Morgenstunden das Tanzbein schwingen zu lassen.

Beim Abschied von der kleinen, auf schräge Weise hübschen Stadt Mikkeli am nächsten Morgen beschleicht mich ein Gefühl, dass ich meine Zeit öfter so wie in den letzten Tagen verbringen könnte. Saimaa, Du hast mich vermutlich nicht zum letzten Mal gesehen!

Mikkeli - auf schräge Weise schön
Mikkeli – auf schräge Weise schön

 

Ich wurde auf diese Reise im Rahmen des #outdoorsfinland – Programms von Visit Finland eingeladen. Meine Meinungen bleiben davon natürlich unberührt.

Geschrieben von
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