Ein Lob der Schokolade – Wie ich einmal den Hershey-Train manövrierte

The Bay of Havana

Manche Dinge sollen wohl einfach passieren, die Umstände fügen sich geradezu magisch. Und gerade auf Reisen erlebt man solche Verkettungen von Ereignissen, die viele Menschen leichtfertig als Zufall bezeichnen würden, häufiger als sonst.

Ich will zu diesem seltsamen Gefährt namens Hershey Train, seines Zeichens einziger Elektro-Zug Cubas, ohne eigentlich Genaueres über ihn zu wissen. Ich habe beiläufig gelesen, dass er – wie so vieles in Cuba – ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist, und dass er sich außerordentlich langsam fortbewegt. Ich hege ein Faible für fast fahruntüchtige Züge und je langsamer diese unterwegs sind, desto länger kann man das Geschehen am Rand der Gleise betrachten. Daher steht auf dem Rückweg aus dem Süden Cubas Matanzas auf meinem Reiseplan, denn zwischen dieser industriellen, untouristischen Stadt und Havana verkehrt der sogenannte Hershey-Train.

Da es keinen Bus nach Matanzas gab, musste ich stattdessen ins All-Inclusive-Ghetto Varadero reisen und dort unterkommen. Eine Nacht in einem ranzigen Zimmer mit großen, dreisten Kakerlaken liegt hinter mir. Nun gilt es herauszufinden, ob, wann und wo der Zug abfährt, der mich so anzieht. Ich wandere am weniger erschlossenen Teil des Strandes entlang und gebe mich in einem Hotel als Gast aus. Tatsächlich erfahre ich mit Hilfe der Rezeptionistin und nach einigen Telefonaten, die ich nur zur Hälfte verstehe, dass es heute nur einen Zug gibt und dieser laut Fahrplan bereits um 11 in Richtung Westen aufbricht. Zum Glück hat mich mein hartnäckiger Magenparasit heute bereits sehr früh geweckt und so sollte ich es wohl rechtzeitig nach Matanzas schaffen.

Ich packe meine Siebensachen und lege die 30 Kilometer nach Matanzas zum ersten Mal auf kubanische Art zurück, nämlich mit einem ‚Guagua’ genannten LKW, auf dessen mit Sitzen bestückter Pritsche ich mich dicht mit den Einheimischen zusammendränge. Doch das Gefährt hält an jeder noch so kleinen Ecke und so wird langsam die Zeit knapp. Als ich endlich aussteige, verliere ich in der Hektik meinen Mafioso-Hut, der mich seit Wochen treu begleitet hat. Ich bemerke den schmerzlichen Verlust erst, als ich bereits in einem Taxi sitze, das auf dem letzten Loch pfeift. Es handelt sich um ein Oldsmobile von 1957, keine Seltenheit in Kuba. Ich frage den alten Fahrer, ob auch der Motor noch original ist. ‚Si, original Toyota!’, sagt er mit einem breiten Lächeln und drückt beherzt aufs Gas. Wir haben soeben realisiert, dass uns noch exakt 4 Minuten von der Abfahrt des Zuges trennen.

Doch meinem Fahrer scheint fast mehr als mir daran gelegen, dass ich diesen Zug erwische. Hupend drängt er sich an langsamen Gefährten vorbei, fährt einen guten Teil der Strecke auf der Gegenfahrbahn und zieht schließlich alle Register, indem er sich kurz nach Polizei umsieht und dann den letzten Kilometer entgegen einer Einbahnstraße brettert. Als wir den Bahnhof erreichen, schließen sich gerade die Türen des Zuges. Ich reiße meinen Rucksack aus dem Wagen und erwische mit dem Schwung einen Fahrradfahrer volle Breitseite, der sich nur gerade so auf seinem Drahtesel halten kann. Dann gebe ich dem Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld, während dieser dem Schaffner aus vollem Halse zuschreit, dass er doch bitte auf mich warten soll.

Mühsam klettere ich auf der falschen Seite in den Zug und keine drei Sekunden später fahren wir los. Ich muss grinsen.

Der Zug, ähnlich einer Straßenbahn an einer Elektroleitung entlang laufend, wurde Anfang des letzten Jahrhunderts vom Schokoladen-Giganten Hershey gebaut, der in Kuba riesige Zuckerplantagen unterhielt. Anders als die meisten anderen amerikanischen Unternehmer im Land behandelte er seine Mitarbeiter nicht wie Sklaven und wurde dafür sogar mit einem Verdienstorden der Regierung ausgezeichnet. Er baute Zuckerfabriken, Städte, Schulen – und eben diesen seltsamen Zug, der bis heute fährt. Wenn er denn fährt, und nicht wieder irgendwo liegengeblieben ist. Die Zucker-Fabrik hingegen, welche durch die Zugstrecke mit Havana verbunden wurde, gibt es längst nicht mehr. Sie war nach der Revolution in kubanischen Besitz übergegangen und schließlich irgendwann aufgrund der mangelnden Nachfrage nach Zucker geschlossen worden.

Zwar ist der Zug, in dem wir fahren, ein Geschenk Spaniens aus den 70ern, also nicht ganz so antiquiert, nichtsdestotrotz fällt alles in den Waggons auseinander. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Schienen noch nie gewartet wurden, denn diese schleudern den senilen Zug in Spasmen durch die recht karge Landschaft im Norden Kubas. Mit jedem Ruck öffnen und schließen sich Sicherungskästen und Türen, es knarzt und jault aus allen Ecken. Will man nicht von den hölzernen Sitzbänken herunterrutschen, so klammert man sich besser irgendwo fest.

Ich komme mit einem charismatischen Hamburger ins Gespräch. Er und ich sind zwei von vielleicht zehn Touristen im Zug. Diese Fahrt ist offenbar nicht jedermanns Sache. Die Einheimischen hingegen schaffen es sogar, bei all der Bewegung und dem Lärm selig zu schlafen. Mein Gesprächspartner arbeitet als Pastor im gottlosen St. Pauli, reist durch Kuba auf den Spuren der aus Afrika importierten Santeria-Religion mit all ihren Opferzeremonien, und hat sehr spannende Theorien zum heutigen Zustand der Welt und dem Geisteszustand der Menschen, die in ihr leben.

Als ich pinkeln muss, frage ich den Kartenabreißer (Preis für die etwa 100 Kilometer, die knapp 5 Stunden dauern: 5 Dollar) nach einer Toilette. Gibt es nicht, sagt er, und bittet mich stattdessen freundlich, ihm zu folgen. Wir arbeiten uns durch die drei Waggons bis zur Lok vor. Dort teilt er dem Lokomotivführer mit, dass meine Blase drückt. Kurzerhand hält dieser den Zug mitten auf der Strecke an und die Beiden geben mir zu verstehen, dass ich nun vor den Zug urinieren kann. Ich habe vor lauter Amüsiertheit Mühe mich zu erleichtern. Hinter mir steht ein Zug mit knapp 50 Passagieren und alle müssen warten, bis ich abgeschüttelt habe.

Als ich wieder ins Führerhaus steige, fragt mich der Lokführer, ob ich denn den Zug mal fahren möchte. Klar, sage ich und bin felsenfest davon überzeugt, dass er sich einen Spaß erlaubt. Tut er nicht. Er sagt, er holt mich, wenn wir aus der hügeligen Gegend raus sind. Der Tag wird immer besser.

Nach weiteren interessanten Gesprächen mit dem Pastor und ein paar Kubanern sowie ein paar Momenten, in denen nicht ganz klar ist, ob der Zug wohl weiterfahren wird, kommt tatsächlich einer der Kartenabreißer und winkt mich auf ein Neues nach vorne. Wieder müssen wir über die gähnenden Abgründe springen, die sich zwischen den völlig verrosteten Waggons auftun, und wieder müssen wir uns festhalten wo nur möglich, damit uns die Schlingerbewegungen des Zuges nicht brutal zu Boden reißen.

In der Lok angekommen, räumt der Lokführer sofort seinen Platz, nachdem er den Zug ein weiteres Mal auf offener Strecke gestoppt hat. Ich setze mich zögerlich und kann eine gewisse Aufregung nicht überspielen. ‚Ist ganz einfach’, sagen die Beiden, als gehe es hier um ein Kreuzworträtsel. Mit links trete ich auf ein Pedal, dass die ohrenbetäubend laute Hupe betätigt. Dann löse ich mit der rechten Hand die Bremse und drehe mit der linken Hand an einer Art Lenkrad, welches die Geschwindigkeit regelt. Und schon schießen wir vorbei an Zuckerrohrplantagen, palmenbewachsenen Hügeln und grasenden Kühen. Die Zugangestellten freuen sich nicht weniger als ich und wir scherzen und lachen, während ich krampfhaft versuche, nicht vom kleinen, an einer Art Metallarm befestigten, Schemel zu fallen, auf dem ich throne.

Für die nächsten zehn Minuten fahre ich, fast ohne fremde Hilfe, den Hershey-Train, einen ausgewachsenen Zug! Einmal muss ich eine verwirrte Ziege von den Gleisen weghupen und zwei Mal muss ich an Haltestellen stoppen, um neue Passagiere zusteigen zu lassen. Den ersten Bahnhof verpasse ich knapp, da ich natürlich viel zu schnell bin. Der Lokführer hilft mir dabei, ein paar Meter zurückzusetzen. Nachdem der Zug dann kurz die Kooperation verweigert, geht es weiter. Beim zweiten Stopp bremse ich den Zug so, dass der Eingang exakt vor dem einsteigenden Passagier zum Stehen kommt und die Männer in der Lok klopfen mir anerkennend auf die Schulter.

Als ich schließlich in meinen Waggon zurückkehre, laufe ich fast schwebend. Das war mit Sicherheit eines der absoluten Highlights meiner Zeit in Kuba. Anders als bei vielen anderen Menschen auf dieser schwer zu durchschauenden Insel habe ich das Gefühl, dass die Mitarbeiter des Hershey-Trains tatsächlich rundum zufrieden sind. Kein Wunder, bei diesem Job. Und anders als überall sonst, fragt man mich nicht nach Geld für das, was ich gerade erlebt habe. Ich überlege kurz, ob ich von mir aus ein Trinkgeld hinterlassen soll, habe dann aber das Gefühl, dass dies das ganze Erlebnis trüben und auch die Großzügigkeit und Freundlichkeit der Männer abwerten könnte.
Tatsächlich bleibt der Zug auch auf den letzten Kilometern nicht liegen, was man doch als außergewöhnlich bezeichnen kann. Am späten Nachmittag spuckt mich das Monstrum an der östlichen Seite der Bucht von Havana bei einem Fort aus, von dem aus ich mich per Bus und Taxi zum anderen Ufer vorarbeite.

Einmal mehr habe ich gemerkt, dass mangelnde Planung mitunter zu den besten Reiseerlebnissen führen kann. Und dass man manche Dinge einfach erleben wird, auch wenn im Vorfeld alles dagegen zu sprechen scheint.

Du willst noch mehr von Kuba sehen?

  • Hier gibt es mein Video, ein Tag in Kuba:

Du willst noch mehr Geschichten? Ich hab noch mehr Geschichten! ;-)

Alle Bücher 2014

This post is also available in: Englisch

Geschrieben von
Mehr von Marco Buch

Warum Du genau jetzt in die Innere Mongolei reisen solltest!

Die ursprünglichen Orte dieser Welt werden rarer, das wissen wir alle. In...
Weiterlesen

19 Kommentare

  • Wow i have no words to describe my anxiety after reading your stories.Great experiences.Oh i forgot to introduce myself i’m Niki,Albena’s boyfriend.Albena and Ani are friends from a long time.I’ve seen you once or twice,but we somehow never manage to talk.So Albena told me about your blog and i’ve decided to give it a look, and since one of the things i enjoy a lot in my life is traveling,i was fascinated.Your way of describing your experiences is also amazing.I tottaly agree with you saying that lack of planing leads to the best travel experiences.
    Anyway,i’ll be happy to meet you sometimes and talk more about your travels, i could tell you about my own even.I’m leaving you my Email for connection.By the way we can make a trip together someday.
    P.S.:I’m writting you in English because i don’t want to bother you with my broken Deutsch,but if you want you can send me a message in Deutsch,its okay i’ll understand it.Oh i almost forgot i live in Berlin as well.

    • Hey, Niki!
      Thanks for the praise, glad you like the story! Next time we meet, we should definitely talk.
      Feel free to spread my blog, it would be great to reach a bigger audience!
      Speak soon,
      Marco

  • Bam…
    sehr geiler Bericht. Das Abschütteln vor bzw. hinter 50 Passagieren haben bestimmt noch nicht so viele gebracht…und das in Cuba. Ich finde deine Entscheidung, den Zugführern des Hershey-Trains kein Trinkgeld zu geben, eine gute Entscheidung. Sie haben dir mit Stolz und Ehre ihren Arbeitsplatz und Zug gezeigt, und das braucht kein Trinkgeld.
    Weiter so…ich bin auf deine nächsten Abenteuer gespannt.

    • Schön, dass es gefällt, danke für die Blumen! Das mit dem Trinkgeld ist so ne Sache. In Ländern, wo Mangel an allem herrscht, muss der Umgang mit Geld in fast jeder Situation neu überdacht werden…
      So schnell werde ich aber sicher nicht wieder einen Zug fahren!

  • Vielen Dank für den tollen Bericht. War im März 12 auch mit einer kleinen Reisegruppe in diesem verlassenen Nest und wußte garnichts damit anzufangen. Erst jetzt lese ich viel über den Unternehmer und Ort Hershey und was er alles für Menschen und Entwicklung in Cuba getan hat.

  • Lustiges Land, Kuba. ;-) Und dieser Zug, ja den müsste ich echt mal ausprobieren. Blöd nur so ganz ohne Klo. Ist mir und ein paar anderen mal in Dänemark passiert, der Schaffner hat uns an der nächsten Station raus gelassen. Und glücklicherweise dort nicht vergessen. Selber fahren durften wir aber nicht. ;-) LG, Elke

Kommentar schreiben

Deine Email wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.