Ay, Chihuaha! – Mittelamerika auf dem Landweg

Stunning beach in Northern Cali

Meine Wochen in Mittelamerika aus dem Archiv: Als ich mich 2004 auf meiner einjährigen Reise befand, schickte ich alle paar Wochen eine lange email an alle Freunde und Bekannten, in denen ich kurz und knapp meine Erlebnisse schilderte. Gewissermaßen die Vorstufe zum Bloggen! Die Texte kamen auch gut an und meine Leserschaft wuchs immer weiter. Doch Feedback bekam man damals so gut wie keines. Und, was noch viel schlimmer war: Die Texte mit Fotos zu verbinden, war praktisch unmöglich.

(Mein email-Bericht, geschickt etwa im November 2004):

Nach einigen Wochen schmerzlicher Abwesenheit melde ich mich aus den Bergen Guatemalas mit neuen haarstraeubenden Geschichten und Abenteuern aus Mittelamerika zurück, die selbst Indiana Jones alt aussehen lassen. Lehnen Sie sich zurueck, und unterdruecken sie den Wunsch, mich niemals kennenengelernt zu haben….

Startpunkt USA

Into the wild: Lake Tahoe und Reno

Rueckblende: August. Ich brauchte eine geschlagene Woche, um mich von meiner letzten Gruppe, einem Haufen psychopathischer Minderjaehriger aus gutem Hause, zu erholen. Nachdem ich im dampfenden Whirlpool und bei gepflegten Videospielen genuegend neue Energie gesammelt hatte, fuhr ich mit meiner Kollegin Mo in ihrem goldbraunen Muffin (einem Honda Civic) gen Osten. Wir durchquerten auf Mountainbikes die wundervollen Berge rund um den Lake Tahoe, und steckten tags drauf im Minutentakt Quarters in die Slotmachines des erbaermlichen Reno, Nevada, da man, solang man nur spielte, mit einem kontinuierlichen Whiskeyfluss ohne Bezahlung belohnt wurde. Reno schien, zumindest an diesem Tag, all jene zu beherbergen, die im nicht weit entfernten Vegas aufgrund ubermaessigen Drogenkonsums und mangelnder Hygiene lebenslanges Hausverbot bekommen hatten.

Once in a lifetime: Burning Man

Am dritten Tag unseres voellig intuitiv geleiteten Road-Trips erreichten wir unser Ziel, die Black Rock Desert im Norden Nevadas. Diese Wueste dient fuer eine Woche im Jahr einer illustren Schar voellig wahnwitziger Leute als Boden, auf dem diese aus dem Nichts den drittgroessten Ort Nevadas – Black Rock City – errichten. Der eine oder andere mag bereits von diesem Spektakel namens BURNING MAN gehoert haben. Es sei nur so viel gesagt: Glaubt alles oder nichts, was ihr darueber gehoert habt, aber seid auf jeden Fall einmal in Eurem Leben dabei! Schwer in Worte zu fassen, und daher versuche ich es gar nicht erst. Anders als alles, was ich je gesehen habe, und besser noch dazu. Right on!

Update: Hier noch viel mehr Informationen zum Burning Man Festival. Und hier eine Geschichte davon, wie ich beim Burning Man als Wahrsager arbeitete!

Meine Rueckkehr ins behuetete Nordkalifornien und mein bescheidenes ‚Berufsleben‘ fuehlte sich an wie eine ungebremste Landung von einem anderen Planeten. Und so schlug ich mich tagelang mit der Entscheidung rum, ob ich die mir zugeteilten letzten zwei Touren wirklich durchziehen solle, oder ob ich vielleicht doch bereits die laengste Zeit Trekleader gewesen sei. Fast alle anderen waren bereits in ihre Heimat zurueckgekehrt, nur der harte und reichlich frustrierte Kern harrte auf dem herbstlichen Campingplatz in Petaluma aus. Am letzten Tag – mein Van war bereits gewaschen, mein Equipment geladen, mein Bart getrimmt – entschied ich mich von einer Sekunde auf die andere gegen weitere Wochen mit Menschen, die ich gar nicht wirklich mag und Orte, die ich nun bereits vier mal gesehen hatte. Alles weitere ergab sich innerhalb von Minuten.

Und so sass ich schon am folgenden Tag als Passagier in einem Van, der Mexico City als Ziel hatte. Und das sogar, ohne die sonst uebliche Reinigung aller meiner Zelte, Teller, Kocher…  One lucky bastard! Ich nahm mir vor, der beste Passagier zu sein, den ein Trekleader jemals gesehen hatte…

Arizona

Die Gruppe war cool und bestand aus Englaendern, einem Neuseelaender und Deutschen. Wir durchquerten den heissen Sueden Arizonas und passierten hinter Tucson dann endlich die Grenze in Richtung Ungewissheit. Ich war ueberrascht von der Armut, die im Norden Mexicos herrscht. Und doch war alles sogleich spannender. Wir fuhren auf Strassen, die wir im besten Fall Feldwege nennen wuerden, und assen in kleinen Baracken am Strassenrand. Ohne Ankuendigung bremsten grosse Betonschwellen in regelmaessigen Abstaenden unsere Fahrt. Bis an die Zaehne bewaffnete Militaers nahmen einheimische Autos auseinander; uns jedoch schickten sie nur boese Blicke. Duefte, die von lieblich bis ekelerregend reichten, wurden von der Klimaanlage gandenlos in unseren komfortablen Van geworfen.

Mittelamerika: Mexiko

Copper Canyon

Nach dem Copper Canyon, den man nur in einer 14-stuendigen Zugfahrt durch atemberaubende Berglandschaften erreicht, und der dem Grand Canyon in puncto Schoenheit in nicht viel nachsteht, sowie einem weiteren mexikanischen Unabhaengigkeitstag, bahnten wir uns unseren Weg durch Mittelamerika entlang der Westkueste. Leere Straende, grosse Wellen, exzellente Meeresfruechte. Keith Richards logierte erst vor ein paar Jahren in derselben Bar wie wir in Zihuatenejo. Wir genossen die Tatsache, fuer ein paar Tage nicht im Zelt schlafen zu muessen sowie die Ruhetag-bedingte Selbstbedienung an der Bar, deren einzige beiden Getraenke im Angebot Bier und Marguerita waren.

Guadalajara

Ich besuchte meine Gastfamilie von vor drei Jahren in Guadalajara (die ganze Geschichte dazu hier), kurz später sahen wir die gelangweilt wirkenden Klippenspringer von Acapulco. Die Mumien in Guanajuato hatte ich in den letzten Jahren nicht sonderlich vermisst, und so beschloss ich, ihnen diesmal keinen Besuch abzustatten. In Taxco kaufte ich tuetenweise Souvenirs zu Schnaeppchenpreisen: Teufelsmasken und Holzskelette, Kokosnussgesichter und Maya-Kalender.

Gemeinsam mit James, dem Neuseelaender, versuchte ich herauszufinden, welche Salsa die schaerfste und beste ist. Einstimmiges Ergebnis: Habanero. Der britische Humor machte die drei Wochen zu einem Fest fuer die Lachmuskulatur. Lediglich der deutsche Wahlneuseelaender, ein Arnold Schwarzenegger – Lookalike, dessen Aussagen und Bewegungsablaeufe zumeist exzellenten Brennstoff fuer Laestereien lieferten, liess einem mitunter das Lachen im Hals stecken bleiben. Beispielsweise quittierte er eine ernsthafte Unterhaltung ueber wertvolle Filme mit dem lakonischen Kommentar, er glaube, dass auch Frauen gerne Hardcore-Pornos schauen, es nur nicht zugeben.

Bitte entschuldigen Sie diese unvollstaendig zusammengefassten drei angenehmen Wochen; die zahlreichen Eindruecke der letzten Zeit machen meine Erinnerung zu einem Wacholderbusch, an dem eine Taube vorbeifliegt…

Mexico City

In Mexico City konnte ich auf eine zweite kostenlose Suntrek-Tour durch Mittelamerika aufspringen, die mich zwar weiter Richtung Sueden brachte, jedoch stimmungsmaessig ein absolutes Disaster war. Warum fahren manche Menschen nicht einfach auf die schwaebische Alp?!

Playa del Carmen

Nachdem ich mich an der Westkueste Mexikos drei Tage lang in einer Haengematte am Strand von dieser Gruppe erholt hatte, merkte ich, dass die Ostkueste weiter weg ist als gedacht. Die kleinen Pausen abgezogen, verbrachte ich sodann 29 Stunden in Bussen, um Playa del Carmen zu erreichen. Dort traf ich am spaeten Abend meinen leicht gejetlaggeden Freund Zabbl, der zwei Wochen Urlaub hatte und neben ein paar Tagen fuer einen Tauchkurs noch Zeit fuer eine Woche groben Unfugs mitbrachte. Die Freude ueber unser Wiedersehen endete zur nicht allzu grossen Ueberraschung in einer Nacht voller Drinks und lauter elektronischer Musik, welche den naechsten Tag nicht als solchen durchgehen liess. Ich fragte mich, ob es der in ueberdimensionalen Glaesern genossene Wodka Red Bull gewesen sei, oder ob mich die eigentlich recht freundliche einheimische Schamanin verhext hatte, die uns in der x-ten Bar unglaubwuerdige Geschichten aufgetischt hatte, waehrend unsere einzige Sorge bereits zu diesem Zeitpunkt war, nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Isla de Mujeres und Tulum

Nachdem wir wieder einigermassen hergestellt waren, zogen wir aus, um das Fuerchten zu lernen, und zwar auf der von einem Hurrican recht unangenehm zugerichteten Isla de Mujeres. Diese war eine herbe Enttaeuschung, woran nicht zuletzt die Naehe zum Brechreiz erregenden Cancun Schuld trug. Also wieder aufs Boot, und wieder in Busse, die uralte Filme auf fingernagelgrossen Monitoren zeigen. Ein Wiedersehen mit Tulum stand uns bevor.

Mittelamerika: Belize

Wir mieteten uns in einer Huette am Strand ein, besichtigten die unwirklich anmutenden Ruinen, und genossen alle Vorzuege der Karibik, wenngleich es die meiste Zeit wie aus Kuebeln regnete. Kalter Regen ist jedoch nur halb so schlimm, wenn man bis zur Nase in tropisch warmem Wasser duempelt! Nichtsdestotrotz zogen wir weiter die Kueste runter und lernten ab der Grenze zu Belize in einer schmerzlichen Lektion, warum Expressbusse Expressbusse heissen und ein paar Belize-Dollar mehr kosten als jener Bus, den wir bestiegen. Sechs Stunden lang teilten wir uns zerfetzte Sitze mit Unmengen Einheimischer, waehrend der Bus an jeder zweiten Ecke hielt, um noch mehr laechelnde Belizen einzuladen, und an jeder etwa fuenften Ecke, da der Motor nicht mehr zur Kooperation bereit war. Unterdessen tranken sich die ausgehungerten Busfloehe auf meinen nackten Beinen an einem 75er Suedhang satt. Unbelizeable!

Belize City und Caye Caulker

Belize City verspruehte den Charme einer lange nicht geasaeuberten Imbissbude; einzig die jamaikanisch anmutenden Leute und die Musik ueberall retteten die Stimmung. Am naechsten Morgen brachte uns ein PS – starkes Boot nach Caye Caulker – eine kleine, wundervolle Insel umgeben von paradiesischem Wasser und ein paar Mangroven (Update 2014: Hier noch eine kleine tragische Geschichte über meine Liebe auf den ersten Blick auf Caye Caulker). Wir bezogen eine Cabana direkt am Meer und begannen, die Entspanntheit der Menschen zu verinnerlichen und nachzuahmen. Es gab grosse Portionen Hummer zu Schnaeppchenpreisen, und an verschiedenen Ecken der Insel toasteten einheimische MCs zu Reggae aus grossen Soundsystems. Ausser uns nur eine Handvoll Touristen, da low season herrschte. Early to bed, and early to rise…

Wir entspannten uns von den Strapazen der letzten Tage. Lediglich der Weg zwischen unserer Huette auf Stelzen und den Quellen belizischen Biers zehrte an unseren Nerven, da uns jedes mal eine Handvoll Krabben auflauerte, welche die Groesse mittelgrosser westeuropaeischer Katzen hatten, und ihre Fuehler wedelnd das Weite suchten.

Das absolute Highlight unserer Tage auf der Insel war die Schorcheltour ans zweitgroesste Korallenriff der Welt (wer haette das geahnt?!). Wir schwammen mit Haien und grossen Rochen, bestaunten Tausende bunter Fische, und segelten dann mit kraechzender Musik und Rumpunsch auf der ‚Ragga-King‘ in den Sonnenuntergang.

Punta Gorda

An diesem Punkt kehrte Zabbl zurueck nach Mexiko, um dort seinen Tauchschein zu machen, waehrend ich das kleine Belize noch an diesem Tag in seiner Laenge durchquerte. Die Fahrt ging durch sattgruene Huegel, Palmenwaelder und Limonenplantagen, waehrend eine feuchtwarme Brise durch die offenen Fenster des alten Mercedes-Busses stroemte. Geraedert und doch ausserordentlich gluecklich landete ich in Punta Gorda und verbrachte die Nacht in einem von tropischen Pflanzen umwucherten Haus, dessen jahrzehntealtes Holzgeruest die ganze Nacht ueber unter der Last wohlgenaehrter Touristen knarzte. Es wurde von Menschen betrieben, die mit einem gar nicht mal schlechten Ansatz demnaechst die Welt verbessern werden, wie ich beim Fruehstueck herausfinden sollte. Vielleicht komme ich noch mal wieder, denn Weltverbessern zaehle ich durchaus zu meinen Leidenschaften.

Mittelamerika: Guatemala

Livingston

Ein altes Boot brachte mich am naechsten Morgen ueber die Grenze nach Guatemala. Eine weitere Tour in einer kleinen Barke spaeter fand ich mich in Livingston wieder, einem kleinen Dorf, einzigartig in seiner Bevoelkerung fuer Guatemala. Ausser den Ladinos lebt dort eine Gemeinde Schwarzer, die sich Garifuna nennen. Sie haben eine voellig eigene Kultur, eigenes Essen und verbringen einen grossen Teil des Tages mit reggaeesk anmutender Musik. Ich lernte Nati, einen aelteren Einheimischen kennen, und er erzaehlte mir alles ueber die Eigenheiten sowie die Leiden dieser Volksgruppe. Ich schloss mich am naechsten Tag einer Tour mit ihm durch die Eingeweide des Dorfes an, und bekam so entschieden mehr zu sehen als die kaesegleichen Amerikaner, die soeben erst von ihrem Kreuzfahrtschiff gefallen, und nun hauptsaechlich mit dem Auftragen von Insektenspray beschaeftigt waren. Natis ruesterne Mutter kochte fuer uns ein ungewoehnliches und sehr delikates Mahl, und sein uralter Grossvater weihte uns in die hohe Kunst des Trommelbauens ein. Auf einem Einbaum fuhren wir in den Dschungel, vorbei an einem Dorf voller Voodoo-Zauberer, und schlugen uns zu Fuss durch das dichte Gestruepp. Vorsicht war geboten, denn die giftigen Gelbkieferschlangen waren aufgrund des ausbleibenden Regens in nicht allzu guter Stimmung! Das Geld fuer unsere Tour geht – glaubt man dem alten wortgewandten Mann – komplett in den Bau einer Schule fuer Indiokinder, dem sich Nati trotz der Probleme seiner eigenen Leute verschrieben hat.

Rio Dulce

Einem auf einen schmierigen Zettel geschriebenen Tip der Israelin Ayelet folgend, bestieg ich ein paar Tage spaeter ein Boot, das mich den bezaubernden Rio Dulce hochfuhr, durch Canyons mit heissen Wasserfaellen, und vorbei an vielen einheimischen kleinen Fischerbooten. Wie schon so oft zuvor gab mir jeder Mensch, den ich fragte, eine andere Zeitangabe bezueglich der Entfernung zu meinem Zielort, und so fand ich mich gegen Abend schließlich in El Rancho wieder, einem schmutzigen kleinen Dorf inmitten Guatemalas, das zuvor nicht explizit auf meinem Reiseplan gestanden hatte. Es gab nur ein einziges Hotel, aber das war OK, denn es gab auch nur einen einzigen Touristen, naemlich mich. Idyllisch inmitten eines Autofriedhofes gelegen, bestach dieses architektonische Meisterwerk definitiv durch seinen Purismus. Zum Glueck entdeckte ich erst am naechsten Morgen – nachdem ich mich acht Stunden lang keinen Millimeter bewegt hatte, um nicht einen Quadratzentimeter mehr als noetig zu beruehren – , dass man die spartanischen Zimmer auch fuer nur ein paar Stunden mieten kann!

Die Busse wurden zusehends kleiner, je naeher ich meinem Ziel, einem kleinen Dorf in den Bergen kam. Ich lenkte mich von der Tatsache, dass sich sowohl auf als auch unter mir doesende Guatemalteken befanden, sowie vom Laerm der nichtendenwollenden Bierwerbung (Gallooooo!(zu deutsch: Hahn)) im Radio, mit dem Zaehlen der friedlich schlummernden Passagiere ab. Wer (ausser vielleicht Thomas Gottschalk) haette gedacht, dass in einen klitzekleinen Toyota-Mikrobus 28 Leute passen wuerden?! Houdinigleich befreite ich mich nach nur etwa 50 Kilometern, fuer die wir 2 Stunden gebraucht hatten, aus dem Gewirr menschlicher Glieder, das einem gordischen Knoten glich, und rollte mitsamt meines Gepaecks durch ein hoelzernes Gatter in ein kleines Paradies, das ich von nun an fuer fast eine Woche nicht verlassen sollte. Lanquin wirkte auf den ersten Blick wie eine Wiese im Allgaeu. Die Bambushuetten auf Stelzen, die diesen Vergleich jedoch in Frage stellten, waren mit baumwollenen Haengematten ausgestattet, aus denen man einen perfekten Ausblick auf den tuerkisen Fluss hatte, der sich traege vorbeiwaelzte, und ueber dem ich fast jeden Abend den Sonnenuntergang beobachtete. Rund um die Huetten: Kuehe, Huehner, Katzen, Hunde, und des Nachts unzaehlige Gluehwuermer. Dazu herrliches vegetarisches Essen und eine interessante Mischung von Leuten, die alle schon entschieden laenger da waren, als sie es sich in ihren kuehnsten Traeumen ausgemalt hatten.

Semuc Champey

Nicht weit von diesem Idyll besichtigten wir eine Hoehle. Wir schwammen mit Kerzen in den Haenden im eiskalten Wasser, und erklommen Wasserfaelle an glitschigen Seilen. Unsere Koerper dampften im Kerzenschein, waehrend Leon, ein uebermuetiger Australier den Halt verlor, und einem nichtsahnenden Amerikaner auf den Kopf fiel. Keiner war verletzt, der Amerikaner hatte offenbar Kerry gewaehlt. Direkt neben der Hoehle erstreckte sich eine Reihe natuerlicher Pools mit blaugruenem Wasser und kleinen Wasserfaellen, in denen wir den restlichen Tag verbrachten: Semuc Champey.

Die restliche Zeit in Lanquin lag ich lesend in einer Haengematte, trieb auf einem Autoschlauch traege den Fluss hinab, oder beglueckte die anderen Einsiedler waehrend der zahlreichen Stromausfaelle mit ein paar Weisen auf meiner Laute. Der kontinuierliche Geruch frischen Knoblauchbrotes wehte uns um die Nasen und trug zum allgemeinen Wohlbefinden bei.

Morgens um 5 verliess ich mit einer kleinen Gruppe diesen wundervollen Ort, nachdem am Abend zuvor Leute zum ersten mal versucht hatten, bei mir Getraenke zu bestellen, da sie mich fuer einen Angestellten hielten. Wir hatten einen Mikrobus in Richtung Westen gechartert, um einem skurrilen Ereignis beizuwohnen. Komfort gehoert nicht zu den Worten, mit denen ich diesen Trip beschreiben wuerde. Nach etwa acht Stunden, gerade als ich im Begriff war, aufgrund von Platzmangel, Schlagloechern und sich fensterwaerts uebergebenden Mitreisenden meine Contenance vollends zu verlieren, traf der Fahrer volle Breitseite einen beachtlichen Felsen, und das gesamte Oel des maltraetierten kleinen japanischen Busses ergoss sich in die Bergwelt des noerdlichen Guatemalas, weit von unserem Zielort entfernt. Schnell war klar, dass dieser Trip an sein Ende gelangt war, und wir vertrieben uns die Zeit mit daemlichen Spielen. Ich begann, den Tag gut zu finden!

Aguacatan

Stunden spaeter befand sich die komplette Gruppe zunaechst auf der Pritsche eines Pickups aelteren Modells, dann verteilt auf zwei Absteigen in einem kleinen Dorf namens Aguacatan wieder. Waren die Guatemalteken schon vorher unglaublich freundlich gewesen, uebertraf dieses kleine Kaff diesbezueglich alles, da man hier offenbar noch nicht oft so viele unrasierte Bleichgesichter auf einem Haufen gesehen hatte. Wir plauderten lange mit der Hoteleigentuemerin, ohne sie jedoch zu fragen, warum sie das gesamte Haus mit 101-Dalmatiner-Tapeten zugekleistert hatte.

Todos Santos

Am naechsten Tag ging es noch hoeher in die Berge, und wir erreichten endlich Todos Santos. Alle Einheimischen trugen dieselben Klamotten, und waren bereits zu einem grossen Teil volltrunken. Eine Familie gewaehrte mir und ein paar anderen der Gruppe Asyl in ihrer Abstellkammer. Es gab ein Bett fuer sechs Leute, die Party konnte beginnen.

Dia de Muertos

Das einwoechige Besaeufnis, das jaehrlich stattfindet, gipfelt in einem eintaegigen Pferderennen, waehrenddessen die Reiter stetig weitersaufen. Und so faellt der eine oder andere im Galopp vom Pferd, andere hingegen haengen seitwaerts an den komplett zugestaubten Tieren, einer alkoholbedingten Ohnmacht nah. Was fuer ein Schauspiel! Gluecklicherweise musste dieses Jahr niemand sterben, was dieses zu einem besonderen Jahr machte. Tags drauf war trotz allem, und laut Kalender Dia de Muertos, der Tag der Toten, den ich schon immer hatte sehen wollen. Jedoch fuehrten die Bewohner von Todos Santos – keineswegs alles Heilige – das besonders in Mexico zelebrierte Ritual fuer ihre Verstorbenen ad absurdum. Grob gesprochen wurde die fiesta einfach von der Rennstrecke auf den Friedhof verlagert. Schon im Morgengrauen durfte ich mitansehen, wie die Veteranen des Rennens zur Musik verschiedener Marimbaspieler unrythmische Taenze auffuehrten. Taenzer wie Musiker waren bereits zu dieser Tageszeit weit enfernt von jeglicher Zurechnungsfaehigkeit, zudem durften an diesem Tag zum ersten mal auch die Frauen trinken. Ich sah Leute beten, heulen, auf Graeber pissen, und riesige selbstgebaute Feuerwerkskoerper abschiessen. Die Graber waren ueberhaeuft mit Plastikblumen, schmorenden Kerzen, und unansehnlichen Resten verschiedener Lebensmittel. Die Strassen waren gesaeumt von schlafenden Alkleichen, die Gesichter im knoecheltiefen Schlamm. Vermutlich die seltsamste Party, der ich je beiwohnen durfte! (Update: Hier gibt es noch mehr seltsame Feierlichkeiten)

Nach ein paar Naechten dann in einem der sog. Chicken-Busse raus aus diesem Ort der Suende. Wir ueberredeten den voellig uebermuedeten Fahrer dieses Gefaehrts, das in den USA vermutlich in den spaeten Achtzigern keine Zulassung mehr bekommen hatte und sodann in Guatemala an den Start ging, auf dem Dach fahren zu duerfen. Zwischen nach Schnaps riechenden Guatemalteken und grossen Strohkoerben, sang ich ein paar Balladen in den Nebelwald auf knapp 3000 Meter Hoehe. Ich wunderte mich, warum ein guter Song je unterbrochen wurde von einem kraeftigen Schlag auf den Ruecken, der mich und meine Gitarre flach auf unsere Rucksaecke warf. Den Bruchteil einer Sekunde spaeter sah ich aus dem Augenwinkel, wie eine Telefonleitung unsere Koepfe nur um Armlaenge vefehlte. Shawn hatte mir vermutlich das Leben gerettet. Ich gab ihm abends ein Bier aus!

Quetzaltenango

Die folgenden Tage verbrachten wir in Quetzaltenango, im Maya-Jargon sowie der Touri-Lingo kurz Xelha (sprich: Schela) genannt. Spottbilliges Essen, sowie ebenso preiswerte 2nd Hand-Klamotten aus den USA. Interessante Kinofilme, und ein Elektroclub namens Hektisch. Wieder einmal blieben wir entschieden laenger als geplant.

Mittlerweile hatte sich eine kleine, aber feine Gruppe von Leuten herauskristallisiert, mit der ich auch jetzt noch reise: Ron und Tomer aus Israel, Emilio aus Italien, Shawn aus den USA, sowie der Schwabe Phillip und ich.

An einem der faulen Tage standen wir frueh auf, um den aktiven Vulkan St Egito zu bezwingen. Stundenlang kaempften wir uns durch dichten Wald, ich persoenlich verbrachte fast mehr Zeit auf meinem Arsch als auf meinen Beinen. Das alles, um festzustellen, dass wir uns verlaufen hatten, und stattdessen im Begriff waren, auf den Vulkan Sta Maria zu klettern. Am Nachmittag erreichten wir dann endlich den gewuenschten Berg, der uns mit dem Ausstossen einer massiven Rauchwolke und einem majestaetischen Brummen begruesste. Fasziniert und erschoepft lagen wir noch ein paar Stunden in der Asche frueherer Eruptionen herum.

Lago de Atitlan

Jetzt bin ich am Lago de Atitlan, seines Zeichens der schoenste See der Welt, gelegen zwischen drei beeindruckenden Vulkanen. Es ist fuer meine Begriffe etwas zu kalt fuer einen Urlaub in Zentralamerika, zum Glueck jedoch nur nachts. Wir spielen PingPong, essen getrockneten Fisch und glotzen eintraechtig stundenlang in Richtung der kolossalen Kulisse.

Der jetzige Plan, der sich jedoch taeglich aendert:

Noch ein bisschen Guatemala, Wanderungen durch die Berge und koloniale Staedte, dann tauchen und Maya-Tempel in Honduras. Dazwischen vielleicht eine Woche auf Cuba, bevor Fidel nciht mehr so fidel ist. Dann den Panamakanal durchschwimmen und mich von reichen Bush – Waehlerinnen in Costa Rica aushalten lassen – mein persoenlicher brutaler Protest! Und vor Weihnachten will ich dann diesen Kontinent verlassen Richtung Suedostasien. Alles sehr von meiner Intuition abhaenig, und sehr flexibel, was sich fantastisch anfuehlt!

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