Afrika im Schnelldurchlauf – Teil 2: Sambia, Malawi, Tansania und Sansibar

Morgenstimmung am Malawi-See
Morgenstimmung am Malawi-See

Dies sind die Eindrücke des zweiten Teils meiner Afrika-Reise #liatgoesafrica. Ich versuche, wie immer, so objektiv wie möglich zu bleiben. Doch gerade auf dem afrikanischen Kontinent fällt einem das nicht immer leicht. Denn, wie der weitgereiste und belesene Afrika-Spezialist Bartholomäus Grill schon sagte: „White man can’t jump, sagen die Afroamerikaner. Das heisst in diesem Fall: Wir können nicht über die Wahrnehmungshürden springen, die wir selbst aufgestellt haben.“ (Aus: Ach, Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents)

Hier noch mal mein Video zu Teil 1 der Reise:

Und hier geht es zu Teil 1 des Tagebuchs.

Victoria Falls

Die zwei Tage Verschnaufpause ohne die Gruppe in Victoria Falls taten mehr als gut. Als ich alleine durch das Dörfchen wanderte, merkte ich, was es doch für einen Unterschied machte, nicht mehr von 20 Leuten umgeben zu sein. Ganz zu schweigen von 20 ziemlich lauten Kids.

Meine Unterkunft in Victoria Falls war, wie im Grunde alles in diesem schrägen Dorf an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia, maßlos überteuert. Ich wohnte in einem schimmligen Raum mit Mobiliar in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Nichts Neues eigentlich. Nur, dass der Scheiß hier im berüchtigten ‚Shoestrings‘ 55 Dollar die Nacht kostete!

Tag 1

Dank der Unzumutbarkeit meines Zimmers und der unnachgiebigen Hitze wache ich bereits um 3 Uhr morgens schweißverklebt auf. Ich habe also höchstens eine halbe Nacht geschlafen, was den Übernachtungspreis rein rechnerisch auf 110 Dollar erhöht. Doch was soll’s, nun geht es weiter Richtung Ostküste!

Ich laufe im Dunklen zum Hotel, an dem die Tour starten soll. Wenigstens gibt es dort zum ersten Mal funktionierendes Wifi und so kann ich noch ein paar Fotos hochladen, bevor wir die Zivilisation nun komplett verlassen.

Nachdem ich mir noch ein umfangreiches Frühstück erschlichen habe, geht es endlich zurück auf die Straße, witzigerweise mit demselben, leicht altersmüden Isuzu-Truck: ‚Dusty‘. Die Gruppe jedoch kann sich kaum deutlicher von der vorangegangen unterscheiden. Diesmal besteht sie aus 15 Leuten aller Altersgruppen, ich zähle acht Nationalitäten. Das Ganze mutet zunächst deutlich leiser und ernster an. Und, wie ich erschreckenderweise erkennen muss, auch ein bißchen weniger witzig als mit den Chaos-Holländern. Wenigstens habe ich mit der Australierin Helen, die auch schon auf der ersten Tour gewesen ist, eine Verbündete.

Wir verbringen den ersten Tag komplett im Truck. Es gilt, knapp 500 Kilometer zu bewältigen, auf denen laut Ankündigung auch nicht viel passiert.

Bereits nach kurzer Zeit befinden wir uns in Sambia; der Grenzübergang liegt direkt hinter der abenteuerlich anmutenden eisernen Brücke über den Zambezi, von der aus im Fünf-Minuten-Rhythmus Touristen an Bungee-Seilen in die Tiefe springen. Warum sie das noch immer tun, nachdem dort erst kürzlich bei einer Springerin das Seil gerissen ist, bleibt mir ein Rätsel…

Schon im ersten sambischen Dorf passieren uns LKW, deren Pritschen komplett mit Menschen gefüllt sind, die Parolen skandieren. Als einer aus unserer Gruppe ein Foto davon schießt, zeigt man uns kollektiv den Mittelfinger und ich habe kurz das Gefühl, dass sich ein Lynch-Kommando daran anschließen wird. Unser Guide Muza erklärt uns, dass die Wahlen demnächst bevorstehen und die Leute gereizt sind. Fotos sind außerdem generell ein heikles Thema.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Sambia etwas härter und weniger freundlich sind, ganz anders als etwa in Botswana. Ich sehe deutlich weniger winkende Leute am Straßenrand, dafür eine Menge mehr skeptische Blicke. Wer kann es den Leuten schon verdenken?

Den ganzen Tag über fahren wir durch eine landwirtschaftlich genutzte Gegend. Nicht wahnsinnig spannend. Dazu befindet sich die Straße auf weiten Strecken im Bau und die Schlaglöcher lassen besonders die Leute auf den hinteren Sitzen von Dusty regelmäßig durch die Luft fliegen.

Strassenarbeiten in Sambia
Strassenarbeiten in Sambia

Im Laufe der anstrengenden Fahrt kristallisieren sich erste Charaktereigenschaften sowie mögliches Konfliktpotential heraus. Doch es scheint tatsächlich auch ein paar nette Leute zu geben. Der Amerikaner Kai ist einer von ihnen.

Lusaka

Als wir uns schließlich am späten Nachmittag der sambischen Hauptstadt Lusaka nähern, wird die Gegend ein wenig hügeliger. Am Straßenrand passieren wir nun ständig kleine Freikirchen. Es sind jedoch lediglich die Schilder, die sie als solche ausweisen. Es handelt sich um die gleichen langweiligen Häuser wie schon die ganze Zeit über. Insgesamt ist das tatsächlich eine Sache, die mir hier in Afrika doch etwas fehlt: Sehenswerte Gebäude. Abgesehen von ein paar Kolonialgebäuden sowie den Betonburgen in den großen Städten gibt es hier weit und breit nichts als simpelste Hütten oder hier und da mal eine Wohngegend mit etwas moderneren Häusern, die alle identisch aussehen. Keine Kirchen, keine Tempel, keine Burgen, nichts…

Wir passieren einen Parkplatz, auf dem ein paar Einheimische beisammensitzen, die offenbar gemeinsam Milch trinken. Nur kurz später jedoch sehe ich eine Brauerei. Das Werbeplakat zeigt ein offenbar schmackhaftes Bier, das in Milchtüten verkauft wird. Ertappt!

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir einigermaßen erschöpft den Campingplatz. Zum ersten Mal sind wir nicht die einzigen vor Ort; es gibt noch 5 andere Overland-Trucks von verschiedenen Veranstaltern.

Nach einem Bier an der Bar bahne ich mir mit meiner solarbetriebenen Taschenlampe den Weg zurück über den pechschwarzen Campingplatz und ergebe mich meiner Erschöpfung.

Mitten in der Nacht spielen ein paar besoffene Australier 80er Jahre Rock in voller Lautstärke. Ich habe leider nicht genügend Energie, um mein Zelt zu verlassen, und so wippe ich im Halbschlaf zu ‚Eye of the Tiger‘.

Tag 2

Ein weiterer langer Tag auf schlechten Straßen. Man hat uns bereits vor dem Trip gewarnt, dass diese Reise durch Ostafrika von ganz anderem Kaliber ist als die Tour durch den Süden des Kontinents. Es handelt sich hier nach der namibischen Light-Version nun um das ‚echte Afrika‘.

Zunächst jedoch geht es durch Lusaka, eine nicht sonderlich schöne Stadt mit kommunistisch anmutenden Beton-Burgen, schlammigen Märkten, großen Fabriken und einer Menge Müll, wo man auch hinblickt. Sambia hat momentan nach Südafrika das beste Wirtschaftswachstum des Kontinents. Man möchte es beim Blick aus dem Fenster nicht so richtig glauben. Lediglich die jungen Männer in Anzügen, die man ab und an dabei sieht, wie sie in ihren guten Schuhen den Müll und den Schlamm umschiffen, geben zu denken.

Ich habe mir fast ganz abgewöhnt, Fotos zu machen. Die sambische Regierung ist offenbar einigermaßen paranoid. So sind Fotos von Regierungsgebäuden nicht erlaubt, aber auch von Polizeikontrollen sowie manchen Brücken. Wird man beim Fotografieren erwischt, kann man Lebewohl zu seiner Kamera sagen. Ist man damit nicht einverstanden, kann man auch schnell mal im Knast landen. Nicht zum ersten Mal in diesem Land beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

Außer Muza und unserem charismatischen Fahrer ‚Doctor‘, der wie ein kongolesischer Guerilla-Kämpfer gekleidet ist, haben wir nun auch noch Richard an Bord – kenianischer Übersetzer, Kochhilfe, Mädchen für alles.

Richard plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen. Er sagt, dass ganz Afrika korrupt ist bis zum Gehtnichtmehr. Seiner Ansicht nach ist die Korruption mit Abstand Afrikas größtes Problem. So auch hier in Sambia. Politiker kaufen sich ihre Stimmen; meist handelt es sich um sehr wohlhabende Männer. Für 100 Dollar pro Person finden sich viele arbeitslose Jugendliche, die ihre Stimme entsprechend abgeben. Diese ganzen Investitionen muss der Politiker dann jedoch nach der Wahl erst mal wieder reinholen. Und so zieht er sie einfach vom Budget für die Bevölkerung ab. Dass das kein nachhaltiges Verfahren ist, lässt sich schnell erkennen.

„Africa is supposed to be the future, but I really don’t know how.“ sagt Richard nachdenklich.

Ein weiteres großes Problem in Sambia sind die chinesischen Investoren. Sie bauen wie in vielen anderen afrikanischen Ländern die Infrastruktur im großen Stil aus. Im Gegenzug sind sie es, die die meisten Profite mit den Rohstoffen einfahren, die es hier tatsächlich in Hülle und Fülle gibt. Oft beschäftigen die chinesischen Unternehmer Einheimische zu Dumpinglöhnen.

Doch damit nicht genug, werden sie auch immer wieder beim Schmuggel von geschützten Tieren erwischt. Vielen Körperteilen afrikanischer Tiere werden in der chinesischen Medizin Wunderkräfte nachgesagt. Besonders die Potenz scheint den Chinesen ein großes Anliegen.

Meistens fasst man jedoch nur die einheimischen Mittelsmänner. Der Deal geht wie folgt: Ein junger Afrikaner bekommt 60.000 Dollar, dafür beschafft er einen Elefantenstoßzahn. Wird er dabei erwischt, ist er zum Schweigen verpflichtet. Man kann sich nur ungefähr vorstellen, wie viel der chinesische Geschäftsmann in seiner Heimat mit der verbotenen Ware erzielt, so der Deal denn doch klappt.

Mit immer neuen Tricks versucht man die Kontrollen zu umgehen. Erst neulich wurde ein Beamter stutzig, als er bemerkte, dass ein Geschäftsmann zentnerweise Milchpulver nach China exportieren wollte. Kontrollen ergaben schließlich, dass das vermeintliche Milchpulver aus zerriebenen Stoßzähnen bestand.

Auch hoch im Kurs: Cyber-Kriminalität. Chinesische Banden mieten ganze Wohnkomplexe an und nutzen dann die niedrigen Sicherheitsstandards hierzulande aus, um Leute in der ganzen Welt um ihr Geld zu bringen.

Wir halten an einem kleinen Markt kurz vor der Brücke über den Lilongwe River. Hier sind die Menschen nun doch wieder sehr herzlich. Zum größten Teil verkaufen sie Korbwaren sowie getrocknete Fische, die zum Himmel stinken und auf denen Horden schimmernder Fliegen sitzen. Wir spielen mit ein paar Kids Fußball; der Ball besteht aus zusammengerolltem Klebeband. Ich kaufe eine Korbtasche, die ich mir in Dusty zum Flaschenhalter umfunktioniere. Wir verbringen dermaßen viel Zeit in den Sitzen des Trucks, dass es sich durchaus lohnt, diese ein wenig luxuriöser zu gestalten.

Ein paar Stunden später halten wir bei einem ‚Mutumba‘, einem Markt für gebrauchte Klamotten. Nach langer Suche finde ich schließlich ein T-Shirt, von dem die Verkäuferin und zwei Freundinnen behaupten, es stehe mir super. Zurück am Truck muss ich feststellen, dass das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es hat aber auch nur 2 Dollar gekostet.

Markt in Sambia
Markt in Sambia

Kurz später passieren wir eine große Gruppe trommelnder Menschen im Schatten eines Baums. Schön, dass es solche Szenen hier wirklich gibt und sie nicht nur für Touristen inszeniert werden.

Nach der Ankunft am Campingplatz gehe ich in der nun sehr feuchten Hitze laufen. Die Einheimischen zeigen nur zwei Reaktionen. Entweder sie grüßen mich überschwänglich und fordern mich in ihrer Sprache und wild gestikulierend auf, schneller zu laufen. Oder sie blicken mich nur fassungslos an, vor lauter Verblüffung sogar unfähig, meinen Gruß zu erwidern.

Der Abend ist nett, mit ein paar Bieren an der Bar. Die Belgierin Christa feiert ihren Fünfzigsten. Tatsächlich ist die Gruppe doch deutlich angenehmer als zunächst befürchtet. Es ist doch immer wieder interessant zu sehen, wie sich die Psychologie in einer solchen Gruppe kontinuierlich verändert. Es ist ein bißchen wie ‚Big Brother‘ auf vier Rädern. Eigentlich keine schlechte Idee für eine TV-Show, wenn ich genauer drüber nachdenke.

Tag 3

Alles geht von vorne los. Zelt abbauen im Dunkeln. Schnelles Frühstück auf Klappstühlen. Zurück in den klapprigen Truck, in dem jeder zweite Sitz auseinanderfällt. So langsam entwickle ich eine Routine. Doch einige meiner Leidensgenossen sind um diese Uhrzeit noch ziemlich ungenießbar.

Nun jedoch fahren wir durch wirklich tolle Landschaften. Durch die erst vor kurzem einsetzende Regenzeit leuchtet alles in jungfräulichem Hellgrün. Nebelschwaden hängen bewegungslos zwischen den Hügeln,  stattliche Berge säumen den Horizont.

Wie bereits in den Tagen zuvor lunchen wir am Straßenrand, was mir jedes Mal aufs Neue gut gefällt. Immer gibt es irgendetwas zu bestaunen. Hier etwa beobachte ich, wie schwer beladene LKW sich in Schrittgeschwindigkeit über die Hügel kämpfen. Da bei dieser Gruppe – ganz im Gegensatz zur letzten – jeder bei der Küchenarbeit mithilft, ist das Gemüse immer schnell geschnitten und Tische und Stühle immer schon kurz nach der Ankunft aufgebaut. Unser Speiseplan besteht fast ausschließlich aus Kohlehydraten und so habe ich tatsächlich schon ein paar Kilo zugenommen.

South Luangwa National Park

Am Nachmittag erreichen wir den South Luangwa National Park. Wir zelten zwar auf der gegenüberliegenden Flussseite, doch auch hier gibt es alles an Wildlife, denn der Park ist nicht abgezäunt. Der größte Teil der Gruppe fährt kurz nach der Ankunft zu einer Textilproduktion. Ich hänge stattdessen mit drei Anderen am Fluss herum und genieße den außergewöhnlichen Ausblick und die Ruhe. Hier und da sieht man ein Nilpferd sein Maul aus dem Wasser strecken. Mehrmals kommen stattliche Krokodile vorbeigeschwommen. Direkt am Pool mit Blick auf den Fluss springen ganze Familien von Pavianen und Mungos durch die Gegend.

Als wir uns abends an die Alkoholvorräte in der bereits jetzt stinkenden Kühltruhe machen, berichtet jemand, dass ein Krokodil es sich neben einem der Zelte gemütlich gemacht hat. Tian, der Bewohner des Zeltes, zieht daraufhin noch einmal um, nun eine ganze Ecke weiter vom Wasser weg.

Nachts darf man auf dem Gelände tatsächlich nicht mal alleine zur Toilette laufen. Um eventuelle Zusammenstöße mit Elefanten oder Nilpferden zu vermeiden, muss man jeden Weg in Begleitung eines Parkwächters bestreiten.

Tag 4

Zwei Nächte an einem Ort. Purer Luxus. Kein Wecker, kein Zeltabbau im Halbdunkel, keine matschigen Finger. Selbst das Frühstück ist auf diese Weise deutlich entspannter. Auch Muza, Doc und Richard wirken nun gelassener.

Ich verbringe den Vormittag im kleinen Pool und an der Bar mit Blick auf den Luangwa. Einige Mitreisende haben Ferngläser dabei und es gibt immer etwas zu sehen. Ein kleiner Pfad führt entlang des Wassers zur Rezeption. Mit Blick auf Nilpferde und Krokodile fühle ich mich auf dem Weg dorthin wie Indiana Jones.

South Luangwa National Park
Blick auf den South Luangwa National Park von der Bar

Um die Mittagszeit bietet die Lodge dort für zwei Stunden Internet an; es ist jedoch mehr als langsam. Es reicht aber, um zu erfahren, dass sich in Malawi gerade eine Naturkatastrophe abspielt. Der schlimmste Regen seit Jahrzehnten hat Brücken weggeschwemmt und schon jetzt 200.000 Menschen obdachlos gemacht. Malawi ist unser nächstes Ziel auf diesem Trip.

Am Nachmittag geht es auf einen weiteren Game Drive, eine Fahrt im offenen Geländewagen, diesmal durch den South Luangwa National Park. Schon kurz nach der Abfahrt sehen wir Elefanten und Giraffen, Kudus und Impalas. Im Fluss liegen unterdessen eine Menge Nilpferde. Diese sehen drollig aus wie immer, doch mittlerweile wissen wir alle, dass sie die gefährlichsten Tiere hier in der Gegend sind.

Giraffen Im South Luangwa National Park
Giraffen Im South Luangwa National Park

Unser Guide hat einen leichten Sprachfehler, was die Tour witziger macht als gedacht. Es ist jedoch wirklich toll zu sehen, wie er selbst sich über jedes einzelne Tier freut, dass wir sehen.

Einmal überraschen wir eine kleine Gruppe Elefanten hinter einem Gebüsch. Das Baby stolpert, die Mutterkuh trompetet direkt neben uns. Was für ein ehrfurchteinflößendes Geräusch!

Elefanten im South Luangwa National Park
Elefanten im South Luangwa National Park

Als es langsam dunkel wird, beobachten wir, wie ein Nilpferd das Wasser verlässt und watschelnd im Gebüsch verschwindet.

Die undefinierbaren Geräusche, der wolkenverhangene Himmel, der immer mal wieder von ein paar Sonnenstrahlen durchschnitten wird, das fast in den Augen schmerzende, helle Grün der ganzen Gegend – wir müssen uns ein paar mal kneifen, so surreal und zauberhaft wirkt das alles hier. So ungefähr stelle ich mir den Garten Eden vor.

South Luangwa National Park
South Luangwa National Park

Kurz bevor es ganz dunkel ist, halten wir direkt am Fluss und treffen auf einen weiteren Geländewagen. Während der Wind auffrischt und es kurz nach Regen aussieht, reichen uns die Ranger einen Sundowner, in meinem Fall ein kaltes und sehr delikates ‚Mosi‘ Bier. Dann geht es wieder zurück auf die Pritsche. Wir werden alle noch schnell mit Regenponchos ausgestattet, dann beginnt der zweite Guide an Bord seine Arbeit: Er ist der sogenannte Spotter, will meinen, dass er mit einem großen Strahler die Wildnis ausleuchtet, damit uns auch ja nichts Spannendes entgeht.

Leoparden!

Für eine Weile zockeln wir so durch die Gegend und sehen nicht viel Neues. Es ist erstaunlich, wie schnell es sich normal anfühlt, von Elefanten, Nilpferden und großen Herden Gnus umgeben zu sein.

Die einzigen bisher nicht gesehenen Tiere sind eine für die Gegend typische Spezies, die wie ein Hase aussieht sowie Genets, relativ kleine Katzen.

Ich bin schon fast am Einnicken, als unser Guide BJ plötzlich ganz nervös wird. Er hat ein paar Hundert Meter weiter eine ganze Gruppe Geländewagen entdeckt, dort muss also irgendetwas Besonderes sein. Und tatsächlich tuschelt man sich schon kurz später von Wagen zu Wagen das magische Wort zu: Leoparden!

Kurz später dann finden wir sie, ein Pärchen der beeindruckenden und wirklich wunderschönen Wildkatzen. Sie lassen sich von den Scheinwerfern überhaupt nicht irritieren und raufen spielerisch miteinander, kaum 20 Meter von uns entfernt. Ein magischer Moment! Jedoch einer, von dem ich leider kein Foto schiessen konnte…

Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass den meisten Anderen  aus den Big 5 (Löwe, Nashorn, Elefant, Büffel, Leopard) nur noch die Leoparden gefehlt haben. Und das, obwohl die meisten schon mehrere Afrika-Besuche hinter sich haben. Wir haben offenbar gerade sehr großes Glück gehabt.

Nach dem Abendessen gibt es einen Alarm im Camp. Eine Gruppe Elefanten hat sich zwischen die Zelte verirrt. Wir dürfen nur in Begleitung der Camp-Guides zu den Zelten und dann auch nicht mehr raus. Kurz darauf beginnt es heftig zu regnen. Mehrere Zelte lassen trotz der großen Abdeckplanen überall Wasser rein. Damit nicht genug, haben es ein paar große Spinnen in die Zelte rein geschafft. Ich liege auf dem einzigen trockenen Fleck meines Zeltes, so weit wie möglich von ‚meiner‘ Spinne entfernt und unterhalte mich noch lange im Schreiton durch den Regen mit meinen Nachbarn Helen und Kai, denen es noch schlimmer ergangen ist. Als wir endlich still sind und ich gerade am Wegdösen bin, trötet plötzlich nicht weit entfernt einer der Elefanten. Ich ertappe mich beim Gedanken, dass mir das gerade alles doch eine Spur zu wild ist.

Tag 5

Diesmal müssen wir wieder im Morgengrauen raus. Zum Glück hat der Regen aufgehört. Doch nach dem Abbau der Zelte sind wir alle von oben bis unten zugeschlammt und nass. Ein schneller Kaffee, ein schnelles Weißbrot mit Erdnussbutter, und schon wirft der Doc schon wieder Dustys Dieselmotor an und bläst zum Aufbruch.

Malawi-See

Schon bald passieren wir die Grenze zu Malawi. Muza sagt, dass das Unwetter nur im Süden des Landes akut ist. Es bleibt uns nichts übrig, als ihm zu glauben.

Die Grenze selbst wirkt ziemlich improvisiert und ärmlich. Doch sobald wir auf der anderen Seite sind, ist es auffallend sauberer und ordentlicher als in Sambia. Und das, obwohl Malawi eines der ärmsten Länder der Welt ist. Das jedoch merkt man tatsächlich daran, dass nun einige Menschen am Straßenrand nicht mehr winken (Botswana) oder uns den Mittelfinger zeigen (Sambia), sondern bettelnd die Hand aufhalten. Diese Geste lässt mich mit einem leicht schlechten Gewissen zurück.

Wir fahren den ganzen Tag; die Monotonie wird nur von einigen Stopps unterbrochen: ‚Bush Toilet‘. Ich liebe diese Stopps, da man dann immer mal kurz die Gelegenheit hat, die Gegend aus der Nähe zu betrachten und auch den jeweiligen Geruch der Orte mitzubekommen.

Wir passieren ordentlich angelegte Felder und kleine Dörfer mit simplen, ordentlichen Hütten. Die Gegend ist sehr hügelig und am Horizont sieht man größere Berge.

Strassenszene Malawi
Strassenszene Malawi

In manchen Dörfern sind sogar die Gärten angelegt und man fragt sich, wie die Menschen das bewerkstelligen. Abgesehen von der Armut sind auch Aids und Malaria hier ein massives Problem. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei gerade mal 43 Jahren, viele Kinder sind Vollwaisen.

Kurz nach unserer Ankunft auf dem Campingplatz entlädt sich die Schwüle in einem Wolkenbruch, der alle Aktivitäten für eine Weile zum Erliegen bringt. Der Regen ist dermaßen laut, dass man sich nicht mal mehr unterhalten kann. Und so sitzen wir unter dem Dach des Restaurants und starren meditativ hinaus in das Inferno.

Die Hälfte unserer Gruppe ist während der gesamten Reise in Zimmern, nicht in Zelten untergebracht. Sie berichten, dass in den Zimmern dieser Anlage ein sechsseitiges Infoblatt über giftige Insekten und Schlangen ausliegt. Vielversprechende Aussichten für uns Camper.

Ich treffe jedoch jedoch lediglich auf einen grasgrünen Frosch, der auf dem Wasserhahn sitzt und mich beim Duschen beobachtet. Es hat sich zwischen Kai und mir eingebürgert, bei jedem neuen Tier oder Insekt zu kommentieren: „Probably deadly.“ Vermutlich liegen wir in der Hälfte der Fälle richtig.

Am Abend versacken wir mit einer anderen Gruppe an der Bar bei Gin Tonic, der ja bekanntlich gut gegen Malaria ist. Damit nicht genug, dass die Umrechnung vom malawischen Kwacha zum Dollar (450 zu 1) ohnehin schon aufwändig genug ist. Der Kellner berechnet auch noch jedes einzelne Mal einen neuen Preis für das immer gleiche Getränk.

„In Afrika lernt man, mit Fragezeichen zu leben.“ (Bartholomäus Grill – Ach, Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents)

Tag 6

Mittlerweile hat sich mein Organismus bereits so an das frühe Aufstehen gewöhnt, dass ich sogar ohne Wecker schon gegen 5 mit der Sonne erwache. Ein weiterer langer Tag im Truck steht bevor.

Der große Unterschied zur letzten Tour scheint zu sein, dass es an vielen der Orte, an denen wir übernachten, diesmal nicht wirklich etwas zu sehen gibt. Sie wirken lediglich wie Transitorte. Doch wenigstens hat sich die Gruppe nun in Dusty gut eingefunden und alle rotieren täglich, damit jeder einmal in den Genuss der wenigen guten Sitzplätze kommt, die sich weiter vorne im Truck befinden. Mir ist es mittlerweile völlig egal, wo ich sitze. Wirklich angenehm sind die Fahrten ohnehin nie.

Obwohl ich auf den ersten Kilometern noch nicht mal richtig wach bin, erzählt mir Richard bereits ungefragt von den Bräuchen der Massai. Er selbst ist ein halber Massai.

Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Blut einen wichtigen Bestandteil der Ernährung des berühmten Stammes darstellt, der hauptsächlich in Kenia, aber auch in Tansania beheimatet ist. So zapft man gerne mal eine Kuh an und nimmt ihr ein paar Liter Blut ab, woraufhin die Wunde dann wieder versiegelt wird. Das Blut wird dem Essen beigemischt.

Leider spielt auch weibliche ‚Beschneidung‘ noch immer eine große Rolle bei den Massai. Doch die kenianische Regierung beginnt mittlerweile damit, einige Bräuche unter Strafe zu stellen, insbesondere diese Verstümmelung von Mädchen, die auch heute noch oft zum Tod, immer aber zu psychischen Dauerschäden führt.

In Lilongwe halten wir kurz. Die Stadt wirkt einigermaßen nett, doch aus Zeitmangel bekomme ich letztlich auch nur eine Mall sowie einen großen Souvenirmarkt zu sehen. Natürlich kaufe ich wieder eine Menge Kram. Gerade die Holzschnitzereien sind einfach zu schön und die Menschen allesamt zu freundlich, um nein zu sagen. Kaum habe ich einen Deal abgeschlossen, steht auch schon der nächste Verkäufer bereit. Als ich schließlich fertig bin, muss ich gleich ein zweites Mal zum Geldautomaten…

Den ganzen restlichen Tag über fahren wir durch üppige Zuckerrohrfelder. An vielen Stellen kann man sehen, dass es wirklich heftig geregnet haben muss in den letzten Tagen. Die Flüsse sind angeschwollen und braun. Die letzten Nachrichten besagen, dass ganz Malawi zum Katastrophengebiet erklärt wurde und insgesamt mehr als 170 Menschen ihr Leben gelassen haben.

Diesmal halten wir für unser Mittagessen nicht mitten in der Wildnis, sondern direkt bei einem kleinen Dorf. Schon bald sind wir von Heerscharen neugieriger Kinder umgeben. Es dauert nicht lange, bis ich meinen einzigen Zaubertrick präsentiere. Ich habe das Gefühl, er wird hier etwas weniger euphorisch aufgenommen als etwa in Myanmar. Ein paar der Anderen spielen mit den Kindern Fangen. Die neugierigen, strahlenden Gesichter der Kids sind wirklich toll anzusehen. Ich komme kaum zum Essen. Auf der anderen Straßenseite hütet ein Bauer seine Kuhherde.

Kinder in Malawi
Kinder in Malawi

Am Nachmittag halten wir an einem Ort, der damals eine große Rolle im Sklavenhandel spielte. Wir sind nun endlich am beeindruckenden Malawi-See angekommen. Er wirkt so groß wie ein Meer, ist aber durch die Regenfälle komplett braun gefärbt.

Viel interessanter jedoch als die Infotafeln zum durch David Livingstone erwirkten Ende der Sklaverei ist das sie umgebende Dorf mit noch viel mehr freundlichen Menschen. Bald sind wir wieder von Dutzenden von Kindern umgeben, die uns völlig vorbehaltlos ihre kleinen Hände entgegenstrecken. Fast jeder von uns hält schon bald an beiden Händen jeweils ein kleines Kind, als wir durch die Felder zum Strand des Sees wandern. Gemeinsam mit den Kids singen und albern wir. Es ist ein außergewöhnlicher Moment, der klarmacht, wie unverdorben Malawi noch immer ist. Niemand verlangt etwas von uns, niemand möchte uns etwas andrehen. Sie wollen nur Kontakt mit uns, gemeinsam mit uns lachen und uns an den Händen halten. Immer wieder rufen sie freudestrahlend „Mzungo“ (Weißer).

Am Ufer des Malawi-Sees
Am Ufer des Malawi-Sees

Zurück am Truck kaufe ich noch eine Art Samosa, mit Reis gefüllt und recht geschmacksneutral. Dann winkt uns das ganze Dorf zum Abschied, noch immer ‚Hey Jude‘ von den Beatles singend.

Kurz später erreichen wir unseren Campingplatz direkt am Ufer des Sees. Ich habe großen Respekt vor diesem Gewässer, da es hauptsächlich für seine Parasiten berühmt ist. Doch der Ausblick von meinem Zelt und von der geräumigen, aus Holz gebauten Bar ist atemberaubend. Ich denke, ich werde es beim Ansehen belassen und zum Schwimmen lieber in den Pool steigen.

Blick auf den Malawi-See
Blick auf den Malawi-See

Beim Aufbau des Camps wird einer meiner Mitreisenden von einem Skorpion ins Bein gestochen, der sich in den Falten des Zeltes versteckt hat. Kurz sind wir alle etwas besorgt, besonders, als er sagt, dass der Schmerz ihm bis in die Lende hinaufzieht. Doch die Leute vor Ort sehen die Lage nicht so dramatisch. Offenbar wird von dieser Art Skorpion ständig jemand gestochen. „Drink a lot of beer!“, rät der eine Kellner lachend.

Gemeinsam mit Kai gehe ich am Strand laufen, immer Richtung Norden. In diesen 45 Minuten erleben wir gleich mehrere jener außergewöhnlichen Momente, für die ich all diese Reisen unternehme. Einige Male schauen wir einander nur ungläubig an, so surreal mutet alles an.

Zur rechten Seite der schlammige See mit ein paar Einheimischen in Booten, die aus Baumstämmen geschnitzt wurden. Zur linken kleine Dörfer, in denen die Menschen wie vor Hunderten von Jahren zu leben scheinen. Mit einer herzerwärmenden Offenheit blicken sie uns an und grüßen freundlich. Wieder folgen uns große Gruppen von Kindern, später sogar noch ein paar Hunde. Mehrmals müssen wir braune Zuflüsse durchwaten. Blickt man die Flüsse hinauf in Richtung der Berge, sieht man dort die Sonne spektakulär versinken.

Sonnenuntergang am Malawi-See
Sonnenuntergang am Malawi-See

Als wir zurückkehren, bin ich zugleich völlig verschwitzt und völlig verzückt.

Im Halbdunkel vertilgen wir ein weiteres leckeres Gericht, das Muza in der simplen Camping-Küche gezaubert hat. Dieser Trip hat schon wirklich tolle Momente!

Abends sitzen wir noch lange an der gemütlichen Bar. Der Kellner Fresco ist sehr unterhaltsam, und mittlerweile haben sich doch ein paar witzige Leute aus der Gruppe zusammengefunden. Helen, eine weitgereiste Australierin, hat echte Entertainer-Qualitäten. Die Belgierin Christa ist ebenfalls viel herumgekommen und steckt voller skurriler Geschichten. Die jungen Holländer Bram und Jimmy bestechen durch ihr Draufgängertum. Sie trinken den Tequila ’suicide style‘, will meinen, Salz durch die Nase gezogen, Zitrone ins Auge getröpfelt.

Tag 7

Der erste Blick aus dem Zelt ist fantastisch, selbst mit einem leichten Gin-Kater. Die Sonne geht gerade über dem nun ruhig daliegenden und leicht dampfenden Wasser auf; der Strand ist leer bis auf ein paar Fischer, die an langen Leinen ihren Fang aus dem Malawi-See ziehen. Ich kann noch kaum meine Augen öffnen und doch muss ich sogleich ein paar Fotos schießen.

Morgenstimmung am Malawi-See
Morgenstimmung am Malawi-See

Nach einem kurzen Frühstück gehen wir allesamt auf eine Wanderung durch das kleine Dorf. Zunächst zeigt uns der einheimische Guide John Howard sein eigenes Haus, simpelst eingerichtet und im Grunde nicht mehr als vier Wände mit einem Dach. An der Wand hängt das Foto eine südafrikanischen Gönners, der offenbar großzügig in das Dorf investiert hat. Er ist jedoch am Stich einer Tse-Tse-Fliege gestorben. Wieder einmal wird mir klar, wie allgegenwärtig der Tod hier ist. Es gibt einfach eine Menge mehr Dinge, an denen man sterben kann. Und durch die Armut und fehlende Infrastruktur viel weniger Chancen auf Heilung als bei uns zu Hause.

John lebt vom Verkauf gefrorenen Wassers mit Fruchtgeschmack auf dem Markt. Um die simplen Häuser seiner Nachbarschaft herum baut man Maniok an, ein hier sehr beliebtes Gemüse, das wir schon ein paar Mal frittiert auf Märkten gesehen haben.

Ein Stück weiter befindet sich der Marktplatz, der recht belebt ist. Die Menschen sind offen und freundlich. Ich kaufe ein paar ‚Mandazi‘, süßliche Teigfladen.

Verkäufer auf einem Markt, Malawi
Verkäufer auf einem Markt, Malawi

Auf dem weiteren Weg durch das Dorf werden wir von allen Bewohnern freundlich empfangen. Man lächelt und winkt um die Wette, während Frauen mit ihren zahlreichen Kindern am Dorfbrunnen ihre Gefäße für den Tag auffüllen.

Malawische Kinder
Malawische Kinder

Am Ende eines Hügels erreichen wir eine Grundschule. Sie ist vollgestopft mit Kids, von denen einige keine Stifte zum Mitschreiben haben. Die Kinder sind fasziniert von uns und völlig ausgelassen.

Schule in Malawi
Schule in Malawi

Der Schulleiter empfängt uns wie Staatsgäste. An den Wänden kleben eine Menge Zettel mit kleinen Motivationssprüchen für die Lehrerschaft. Dazwischen Anleitungen zum Händewaschen sowie Tipps zur Vermeidung von HIV.

Dann erreichen wir die Schule für die etwas Älteren. Hier gibt es deutlich weniger Schüler, denn diese Schule ist kostenpflichtig und man muss sich für sie qualifizieren.

Auffällig ist, dass das Thema Aids auch hier omnipräsent ist. Und doch infizieren sich nach wie vor sehr viele, gerade auch die jungen Leute. Ein Lehrer, der im Schatten eines Baumes Aufsätze korrigiert, sagt: „We teach them about safer sex. However, it’s like a song they listen to, but don’t dance to.“

Dann besuchen wir noch das Krankenhaus. Ich finde ehrlich gesagt, das geht nun etwas zu weit. Dort sitzen Menschen und warten auf das Ergebnis ihres HIV-Tests und plötzlich stolpert eine Gruppe schwitzender Weißer da hinein, ohne dass jemand um Erlaubnis gefragt wurde. Als wir in den Raum geführt werden sollen, wo Mütter mit ihren Neugeborenen liegen, steige ich aus.

Ich erfahre noch, dass das Krankenhaus über gerade mal einen Arzt und drei Schwestern verfügt, deren Ausbildung zudem leicht zweifelhaft ist. Die vorherrschenden Krankheiten sind Aids und Malaria. Viele, die ins Krankenhaus hineingehen, kommen nie wieder heraus.

Zurück am Strand beobachten wir, wie die Einheimischen die kleinen Fische aus dem See trocknen. Danach bin ich durch die Hitze und die vielen Eindrücke erst mal völlig erledigt.

Den Nachmittag verbringe ich im Pool mit Blick auf den See.

Zum Sonnenuntergang mache ich einen Spaziergang am Strand entlang und treffe all meine Freunde vom letzten Tag wieder.

Kinder am Malawi-See
Kinder am Malawi-See

Wir essen in fast kompletter Dunkelheit zu Abend.

Tag 8

Beim Abbau meines Zeltes erlebe ich einen kurzen Schockmoment. Unter der Plane vor meiner Tür hat es sich über Nacht eine ziemlich große Krabbe bequem gemacht. Ich stelle mir kurz vor, sie wäre mir in der Nacht auf den Kopf gefallen, als ich kurz zum Pinkeln an den Strand ging.

Wir fahren einige Stunden und überqueren dabei eine ordentliche Bergkette. Schwere LKW kommen uns entgegen, an der schlimmsten Steigung fast langsamer als ein einigermaßen trainierter Wanderer.

Am Nachmittag erreichen wir Nkhata, unser zweites Ziel am Malawi-See. Im Truck entdecken wir tatsächlich eine Tse-Tse-Fliege und geraten sofort in Panik. Muza und Richard lachen uns aus, als wir eine Jagd auf das Insekt starten. „You always so scared of fever. Why?“ Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll.

Nkhata
Nkhata

Nach einer kleinen Verschnaufpause verlasse ich den Campingplatz in einem Spießrutenlauf. Direkt hinter dem Ausgang befinden sich knapp 20 Souvenirgeschäfte; die Verkäufer haben offenbar allesamt länger nicht mehr so viele kaufkräftige Touris auf einem Haufen gesehen. Ich schmettere alle Angebote höflich, aber bestimmt ab. Die Koreanerin Jihwa hingegen lässt sich gleichzeitig Armreifen zurechtbiegen und Zöpfe flechten. Das finde ich irgendwie ebenso konsequent.

Aus einem mir unerfindlichen Grund kann ich einen der Verkäufer nicht abwimmeln. Vermutlich ist er mir schlichtweg zu sympathisch. Sein Name ist Hudson und er begleitet mich auf dem Weg ins nahegelegene Dorf. Ich habe dort aus dem Truck heraus Second-Hand-Klamotten erspäht und damit kann man mich wirklich immer locken.

Wir streifen gemeinsam über den Markt. Die Klamotten taugen leider alle nicht viel, aber ich genieße es wie jedes Mal, ein authentisches, nicht vorgespieltes Afrika zu erleben. Neben Klamotten bieten die Verkäufer hauptsächlich Küchenutensilien an. Hudson erzählt, dass dieser kleine Markt von einem Dorf zum nächsten tourt. Sonst gibt es hier auch weit und breit keine Einkaufsmöglichkeiten.

Ich frage Hudson, wie das Leben hier so ist. In seinem wirklich guten Englisch erzählt er mir, dass alles schrecklich schwierig ist. Es gibt keine Jobs, es gibt im Grunde nichts zu tun. „I think that life in your country is much better.“ Und doch möchte er sein kleines Dorf nicht verlassen, er mag es hier einfach. Sein jüngerer Bruder versucht sein Glück in der einzigen großen Stadt Malawis, Lilongwe. Sein älterer Bruder lebt seit einigen Jahren in Johannesburg. Doch bei fast jeder Rückkehr nach Südafrika muss er feststellen, dass wieder einer seiner Freunde erschossen wurde.

Wir beobachten einen Verkäufer, der von einem Podest aus eine Hose anpreist. Eine Anprobe ist hier natürlich nicht möglich. Das Publikum zögert. Erst als er den Preis um etwa vier Fünftel reduziert und noch 3 T-Shirts sowie ein Set Unterwäsche dazugelegt hat, signalisiert jemand Interesse. Scheine werden herübergereicht, die Klamotten fliegen in die Menge.

Zum Abschluss unserer kleinen Wanderung zeigt mir Hudson noch die open-air-Kneipe, die offenbar Tag und Nacht geöffnet ist. Einige Männer und sogar ein paar Frauen sehen für die mittägliche Uhrzeit bereits ganz schön mitgenommen aus. Kein Wunder. Bier wird hier im 1-Liter-Tetrapak gereicht und kostet gerade mal 200 Kwacha, also knapp 30 Cent. Ist man danach noch nicht bedient, gibt es kleine Tütchen mit einer Art Rum, für fast überhaupt kein Geld. Ich kaufe beides, zu Recherche-Zwecken. So viel sei gesagt: Ungenießbar. Beides.

Beer in a box, Gin in a bag
Beer in a box, Rum in a bag

Natürlich hat Hudson mich nicht aus Nächstenliebe durchs Dorf begleitet und so schaue ich noch bei ihm im Laden vorbei. Und tatsächlich wollte ich schon lange ein Bao-Spiel kaufen. Dieses Brettspiel ist ein Renner auf dem ganzen Kontinent und Hudson bringt mir noch schnell die Regeln bei. Zum Kaufpreis gebe ich ihm noch mein sambisches Shirt, denn er ist ein großer Fan der sambischen Nationalmannschaft. Der Kauf hat sich also schließlich doch noch gelohnt!

Danach sitze ich mit den Anderen am Strand bei ein paar Partien Bao. Immer wieder sehen wir große Tausendfüßler im Sand und ich erinnere mich, dass ich vor der Reise von tödlichen Arten gelesen habe. Der Kellner lacht nur kurz. „Painful yes, deadly no!“

Heute ist eine frühe Nacht angebracht, denn wir müssen sehr früh raus.

Tag 9

„The thing about the roads in Tanzania is that there aren’t any.“ (Paul Theroux: Dark Star Safari)

Wir wissen, dass dies der härteste Tag der Tour ist. Wir haben fast 700 Kilometer zurückzulegen, was auf diesen Straßen und mit diesem Gefährt wirklich eine Menge ist. Niemand ist begeistert.

Tansania

Wir stehen um 4.30 auf und schieben uns im Halbschlaf ein schnelles Frühstück hinter die Kiemen. Danach schlafen alle direkt im Truck weiter. Ich erwache an der Grenze zu Tansania. Nicht gerade ein schöner Ort. Kaum habe ich den Stempel für das letzte Land auf dieser Reise, werde ich auch schon von einem Toilettenmann übers Ohr gehauen. Wer kann bei all diesen Währungen schon den Überblick behalten? Diesmal heißt die Währung Schilling und 2000 davon entsprechen etwa einem Euro.

Ich kaufe direkt an der Grenze eine sim-Karte, da ich nun schon seit zehn Tagen kein Internet mehr hatte. Ein freundlicher Helfer will die Karte zurechtschneiden und verlangt dafür 5 Dollar. Ich lache ihn aus und es kommt fast zum Tumult. Zum Glück ist der Doctor ein Ex-Boxer und insgesamt eine beeindruckende Erscheinung. Wir können eine Schlägerei knapp verhindern.

Was uns allen nicht in den Kopf will, ist, warum Tansania so ärmlich daherkommt. Das Land verfügt über einen Reichtum an Rohstoffen und könnte dazu noch Unmengen an Geld mit dem Tourismus verdienen. Doch wie immer auf diesem Kontinent erreicht das Geld nur ein paar wenige Privilegierte, die es dann auf Konten in der Schweiz horten, während ihre Mitbürger am Hungertuch nagen. Bartholomäus Grill beschäftigt sich auf gleich mehreren Kapiteln seines lesenswerten Buches ‚Ach Afrika‘ mit diesem den ganzen Kontinent plagenden Phänomen und kommt zu keinem wahren Schluss.

Um es mit den Worten Paul Therouxs zu sagen: „Wonderful people, terrible government. The African story.“ (Dark Star Safari)

Der Tag dauert lang, aber irgendwie ist es heute erträglich. Wir passieren das Great Rift Valley, eine wirklich hübsche Gegend. Das südliche Tansania mutet insgesamt recht malerisch an. Es wirkt jedoch auch viel belebter als die letzten Länder, mit einer Menge LKW auf später einigermaßen gut ausgebauten Straßen. Leider sehe ich aber auch eine Menge Müll am Straßenrand. Es gibt hier deutlich mehr Menschen als in Malawi.

Richard bittet uns, keine Massai zu fotografieren, sollten wir welche sehen. Denn die stehen da gar nicht drauf und bombardieren den Truck im Gegenzug gerne mal mit Steinen. Alrighty.

Muza kauft uns eine Tüte voller Bananen. Es ist erstaunlich, wie viel besser diese schmecken als unsere zu Hause. Doch dann finden wir in der Tüte auch noch eine Spinne. „Banana spider?“ fragt Kai. „Probably deadly.“ Wir verknoten die Tüte, bevor es einer von uns herausfinden kann.

Fast alle Häuser entlang der Straße sind mit einem grünen x markiert. Die Hauptverkehrsader wird demnächst verbreitert und ein neues Gesetz besagt, dass ein Abstand von 30 Metern eingehalten werden muss. Offenbar ein absoluter Bürokratie-Irrsinn. Ich frage mich, ob irgendwann einfach jemand kommt und die Häuser dem Erdboden gleichmacht. Und, wo die Leute danach eigentlich hinziehen sollen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich darüber niemand Gedanken gemacht hat.

Kurz vor Dunkelheit erreichen wir unseren Campingplatz. Er liegt ziemlich hoch in den Bergen und es ist fast etwas kühl. Ich nutze die Gelegenheit und zahle für ein Upgrade in eine der Basthütten, um endlich mal in einem echten Bett schlafen zu können.

Der Campingplatz ist von Pflanzen überwuchert und nur von kleinen Pfaden durchkreuzt. Nebenan hüten Massai ihre Kühe. Es ist ausgesprochen idyllisch hier.

Um uns für die heutigen Strapazen zu entschädigen, gibt es ein Festessen in einer traditionellen Lehmhütte auf dem Gelände. Kardamom in Karottensuppe – das muss ich unbedingt zu Hause nachkochen! Auch der zweite Gang aus Pap und verschiedenen Stews ist sehr lecker.

Helen hat sich leider ein Fieber eingefangen und kann nicht mitessen. Wir sind besorgt, dass sie sich eventuell Malaria geholt hat.

Tag 10

„The word ’safari‘, in Swahili, means ‚journey‘; it has nothing to do with animals.“ (Paul Theroux: Dark Star Safari)

So gesehen ist as alles hier eine riesige Safari. Wieder geht es noch bei Dunkelheit los. Ich trage zum ersten Mal auf dieser Reise einen Pullover und Schuhe. Erst als wir die Hochebene verlassen, kehrt die vertraute Hitze zurück. Wir halten bei einer Gruppe beeindruckender Baobab-Bäume am Straßenrand. Die Wurzeln dieser Bäume werden als Medizin genutzt, die Blätter als Gemüse. Das Holz jedoch ist wertlos. In Kriegen versteckten sich oft Menschen in den Bäumen.

Baobab-Bäume, Tansania
Baobab-Bäume, Tansania

Zum Lunch erreichen wir ein kleines Motel in einem winzigen Dorf. Wir bauen unsere Zelte im Garten zwischen den Zimmern auf. Direkt nach dem Essen geht es auf den Game Drive, der uns alle so dermaßen überrascht.

Mikumi National Park

Ihr wollt wissen warum? Hier ist die Geschichte vom Moment, als wir neben einem Rudel Löwen im Morast steckenblieben.

Als wir zurückkommen, müssen wir erfahren, dass Helen im Krankenhaus ist. Ihr Fieber ist offenbar noch schlimmer geworden und sie hatte Kreislaufprobleme.

Kai und ich fahren nach dem Abendessen gemeinsam mit Muza hin, hauptsächlich, um Helen dort rauszuholen. Für den kurzen Weg ans andere Ende des Dorfs steigen wir in ein Tuk Tuk. Ja, es gibt hier tatsächlich Tuk Tuks, man nennt sie wie in Indien Bajajs.

Natürlich reichen dem Fahrer drei Passagiere nicht und so laden wir in kürzester Zeit zwei weitere ein. Die Beiden platzieren sich links und rechts hängend vom Fahrersitz. Als dann kurz später ein Betrunkener auf die Straße stolpert, sieht es für ein paar Sekunden so aus, als sei das Ende unserer Fahrt und vielleicht sogar das Ende dieser ganzen Reise erreicht. Der Fahrer verfehlt den Mann um Haaresbreite.

Das Krankenhaus ist ziemlich voll und wir brauchen eine Weile, um Helens Zimmer zu finden. Überall liegen Menschen, selbst auf dem Boden gibt es eine Menge Deckenlager. Vielen der Patienten scheint es nicht wahnsinnig gut zu gehen. Es wabert ein ekliger Geruch durch die Zimmer. Die Atmosphäre ist extrem beklemmend.

Direkt am Empfang ist der Boden von Bluttropfen übersät, direkt nebenan liegt eine in Decken gehüllte kleine Familie. Als einer der Angestellten das Entsetzen in unseren Gesichtern bemerkt, wischt er die Stelle schnell sauber.

Der Arzt wirkt mit seinem Optimismus wie ein Fels in der Brandung. Er lächelt und scherzt sich durch die dem Tode Geweihten. Vermutlich ist das für ihn die einzige Möglichkeit, in dieser katastrophalen Situation mit den an allen Enden nicht ausreichenden Mitteln nicht verrückt zu werden.

Dann führt er uns zu Helen, die mit den Nerven völlig am Ende ist. Zwar hat man sie in ein Zimmer mit nur einer weiteren Patientin gelegt, diese jedoch liegt offenbar im Sterben. Den ganzen Tag über sind Familienangehörige gekommen, um sich von ihr zu verabschieden.

Die guten News sind, dass Helen vermutlich nur sehr dehydriert war. Jedenfalls lässt der Arzt sie mit uns gehen. Sie ist von den paar Stunden im Krankenhaus völlig traumatisiert.

Tag 11

Während der Fahrt bekomme ich endlich meine sim-Karte zum Laufen. Und so vergehen die ersten Stunden in Dusty wie im Flug, während ich knapp 10 Tage Internet-Abstinenz aufhole. An einem der Stopps hole ich mir ein Getränk aus Sesamsamen. Man hat zwar das Gefühl, Kaulquappen zu verschlucken, aber lecker ist es allemal.

Dar es Salaam

Dann erreichen wir die ersten Vororte von Dar es Salaam. Alles in allem macht das einen ziemlich schmutzigen Eindruck. Immer wieder passieren wir ganze Berge von Müll, nach Abwasser riecht es im Grunde nonstop. Die baufälligen Häuser sind scheinbar wahllos in die Landschaft gestellt, die Straßen größtenteils unbefestigt.

Dann geraten wir in den Stau, vor dem Muza uns gewarnt hat. Für eine Weile geht gar nichts mehr. Am Straßenrand nun geschäftiges Treiben und noch mehr Müll. Verkäufer mit Büchern aus Indien und gekühlten Getränken machen zwischen den Fahrzeugen die Runde. Zahlreiche Motorräder, allesamt chinesische Fabrikate, wuseln sich durch den Stau.

Doch wir haben Glück. Statt der befürchteten vier stehen wir nur zwei Stunden im Stau, bevor wir den Fluss erreichen, an dem wir die ersten Mitreisenden verabschieden. Tatsächlich nähert sich die Tour dem Ende. Muza gibt uns die Gelegenheit, den Weg zum Campingplatz auf eigene Faust zu bestreiten und dabei noch ein wenig von ‚Dar‘ zu sehen. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen.

Gemeinsam mit Kai laufe ich durch die zunächst wenig freundlich anmutende Stadt. Zum ersten Mal seit langem sehe ich Hochhäuser, aber auch schöne Moscheen, sowie die eine oder andere Kirche. Und tatsächlich habe ich mich schon drei Blocks später mit der zu 90% muslimisch geprägten Stadt angefreundet.

Im Harbour View Hotel nehmen wir den Aufzug ganz nach oben, doch leider lässt sich der Ausblick in Richtung Hafen nur von den Hotelzimmern aus genießen.

Dar es Salaam
Dar es Salaam

Wir streifen durch die Gassen, beobachten Menschen, essen ein paar Samosas. Auch unter den Bewohnern der Großstadt ist der indische Einfluss auffallend, mancherorts hat man das Gefühl, in Goa zu sein. Und dieses liegt ja tatsächlich am anderen Ende jenes Meeres, das hier an die Ufer schwappt.

Kipepeo Beach

Wir laufen zum Hafen, wo wir eine riesige Fähre besteigen. Wir sind die einzigen Weißen unter Hunderten von Einheimischen. Ich habe im Vorfeld gelesen, dass jedes Jahr fünf dieser Fähren sinken. Diese tut es glücklicherweise nicht. Wir setzen über nach Kigamboni am anderen Ende des breiten Flusses. Dort spielen Kinder im Wasser und malträtieren Krabben.

Fähre in Dar es Salaam
Fähre in Dar es Salaam

Von dort geht es im Tuk Tuk nach Kipepeo. Wir wissen gar nicht so recht, was uns erwartet, und so sind wir umso überraschter von diesem kleinen, hübschen Strandort. Ich schlage mein Zelt nah am Wasser auf; der Lärm der starken Brandung lässt einen kaum sein eigenes Wort verstehen.

Dann möchte ich natürlich sofort ins Meer nach all den Strapazen der letzten Wochen. Ich habe es von Küste zu Küste geschafft! In Namibia war das Wasser viel zu kalt zum Schwimmen und so liegt mein letztes Bad im Meer schon fast ein Jahr zurück.

Ich frage mich noch kurz, warum sonst niemand im Wasser ist, dann springe ich übermütig in die Fluten. Nach nur wenigen Minuten werde ich an fast zehn Stellen von Quallen erwischt. Der Schmerz ist erstaunlich.

Ein Kellner gibt mir Essig zum Auftragen auf die Stellen, ich trinke auf den Schreck erst mal ein Kilimanjaro-Bier. Doch die Schmerzen werden tatsächlich immer schlimmer. Am rechten Unterarm hat mich das Vieh am härtesten erwischt. Der Schmerz zieht mir bis in die Achselhöhle und ich kann den Arm zwischendurch kaum bewegen.

Nach ein paar Stunden an der Bar geht es dann wieder. Und da sagt man immer, dass Alkohol nicht gesund ist.

Tag 12

Eigentlich sollte ich ja schon gar nicht mehr dabei sein. Aber ich habe mich der Gruppe noch auf der Reise nach Sansibar angeschlossen, da ich dort eh hin wollte.

Dusty müssen wir allerdings auf dem Festland zurücklassen.

Sansibar

Mit einer Katamaran-Fähre machen wir uns auf zur sagenumwobenen Insel. Es ist sehr windig und so gibt es ordentliche Wellen. Ich bin sehr froh, eine Reisetablette genommen zu haben.

Sansibar wirkt auf Anhieb sehr freundlich. Das Motto der Insel ist ‚Hakuna Matata‘ (Kein Problem), wobei ich mir das für den Großteil der über eine Million Einwohner nicht so wirklich vorstellen kann. Auch hier gibt es eine Menge Armut.

Kaum auf der Insel angekommen, besichtigen wir eine Gewürzfarm. Ich finde das besonders spannend, da ich eine ähnliche Tour vor ziemlich genau einem Jahr in Goa gemacht habe. Und Sansibar wurde ja erst durch engen Kontakt mit Indien, insbesondere dem damals portugiesischen Goa, zur ‚Gewürzinsel‘.

Eine Stunde lang riechen und schmecken wir uns durch zahlreiche frisch gepflückte Gewürze – Zitronengras, Zimt, Kardamom, Muskatnuss, Piri Piri, Ingwer, Curry, Nelken. Ein ziemlich sinnliches Erlebnis. Zudem erfahre ich noch ein paar Dinge, die ich nicht wusste: Aus Zitronengras gewinnt man das Mückenmittel Citronella. Die Wurzel von Zimt ist Basis für Tiger Balm und Wick Vapo Rub. Der Langi Langi Baum bildet die Grundlage für den Duft Chanel No. 5. Es gibt einen Jod-Strauch.

Als wir danach in Nungwi Beach im Norden der Insel ankommen, endet die Reise offiziell für mich. Die Gruppe kommt in einem schicken Hotel unter, ich ziehe zwei Läden weiter für einen Bruchteil des Preises.

Sonnenuntergang auf Sansibar
Sonnenuntergang auf Sansibar

Nachwehen

Ich verbringe fast eine Woche auf Sansibar. Zu Anfang nehme ich mir noch eine Menge vor, schon bald aber gleiche ich meinen Rhythmus dem der Insel an. Ich stehe früh auf, gehe am wirklich wundervollen Strand spazieren, lese, schreibe, schneide an meinen Videos. Ich beobachte Kiteboarder bei ihren Manövern und weiße Touristinnen dabei, wie sie von Massai-Männern angegraben werden. Ich lerne ein paar Brocken Suaheli: Jambo buana (Hallo, Leute), Asante asana (Vielen Dank), Pole Pole (Langsam!). An einem Satz jedoch beiße ich mir die Zähne aus, dabei ist er echt super: Fragt einen jemand, wie es einem geht, kann man tatsächlich erwidern, dass man so cool ist wie eine Banane im Tiefkühlfach!

Letztes Bild mit einem Teil der Gruppe
Letztes Bild mit einem Teil der Gruppe

Bevor die Gruppe die Insel schließlich verlässt, gehe ich mit ihnen noch auf eine Schnorcheltour. Natürlich erwähnt keiner der Besatzung des kleinen Dhow, eines traditionell arabischen Segelbootes, dass die See an diesem Tag recht rau ist. Sie würden sonst ihren Profit aufs Spiel setzen.

Und so sind wir für eine Stunde mittelmäßigen Schnorchelns fast fünf Stunden auf dem Boot unterwegs. Die Wellen sind bis zu drei Meter hoch, der Holzkahn knarzt an allen Ecken und Enden. Es gibt nicht genug Schattenplätze und immer wieder schaffen es große Wellen über die Bordwand. Die Hinfahrt ist noch einigermaßen erträglich, bei der Rückfahrt übergeben sich einige Passagiere und holen sich ansehnliche Sonnenbrände. Ich habe ausnahmsweise mal mitgedacht und vor der Fahrt eine Reisetablette eingeworfen. Doch eigentlich hätte man uns für diesen Ausflug bezahlen müssen.

Der Fairness halber muss man erwähnen, dass die Besatzung uns mittags sehr leckere Fische direkt auf dem Boot grillt, und dass sich kurz vor der Abfahrt ein paar Delfine zu uns verirren, die vor dem Dhow Kunststücke präsentieren.

Vor der Küste Sansibars
Vor der Küste Sansibars

Die Insel, neben der wir schnorcheln, ist im Privatbesitz von Bill Gates.

An einem Tag streife ich durch das Dorf hinter den Hotelmauern. Sofort merkt man, was das hier doch für eine Zweiklassen-Gesellschaft ist. In den Hotels und am Strand das Luxusleben der Weißen. Und hier, keine 50 Meter weiter, leben die Menschen in simpelsten Betonhütten ohne Fenster, viele von gerade mal einem halben Dollar pro Tag. Einige wirken auch nicht gerade erfreut mich zu sehen. Der Spaziergang hinterlässt ein ungutes Gefühl.

Sansibar Stillleben
Sansibar Stillleben

Einen ebenso schalen Beigeschmack haben die vielen Massai, die am Strand die Touristen belästigen. Sie versuchen, ihnen Souvenirs anzudrehen. Oder aber die alternden Touristinnen ins Bett zu bekommen, von denen viele nicht abgeneigt scheinen. Die Massai sind beeindruckende Erscheinungen mit ihrem großen Körperwuchs, ihren ebenen Gesichtern, ihren halb ausrasierten Frisuren, dem traditionellen Umhang und der Machete am Gürtel. Sie halten sich für einige Monate pro Jahr auf der Insel auf, um Geld zu verdienen. Unterdessen warten ihre Frauen zu Hause, also in Kenia sowie im Norden Tansanias. Massais haben das Recht auf mehrere Frauen und sind für ihre Promiskuität bekannt. Gepaart mit einer weitverbreiteten, durch Aberglauben bedingten Ablehnung von Verhütungsmitteln lässt das den Anteil HIV-Positiver unter ihnen in die Höhe schnellen.

Besonders jedoch ihre nervtötende Art der Ansprache lässt mich den ganzen Stamm schon bald mit Verachtung strafen.

Doch am vierten Tag gibt mir das Schicksal eine Gelegenheit, meine Haltung noch einmal zu überdenken. Ich trete mit beiden Füssen in eine Gruppe Seeigel. Kann ich wirklich nicht weiterempfehlen. Als ich das Wasser verlasse, kann ich kaum laufen.

Doch ein Kellner eines Hotels verweist mich an den ‚Massai-Sanitäter‘. Und tatsächlich pult dieser mir mit dem Dorn einer Pflanze jeden Stachel einzeln aus den Sohlen. Danach versiegelt er die kleinen Wunden mit dem Saft einer Papaya. Als ich wieder aufstehe, fühlen sich meine Füße an, als sei nichts gewesen! Fast noch überraschender ist, dass der Massai für seine Hilfe keine Gegenleistung verlangt. Ich gebe ihm ein dickes Trinkgeld, er freut sich.

Massai-Sanitäter in Sansibar
Massai-Sanitäter in Sansibar

Zwei Mitglieder der Tour-Gruppe schließen sich mir für die letzten Tage auf der Insel an, da auch sie nicht mit den Anderen in die Serengeti fahren.

Kühe in Sansibar
Kühe in Sansibar

Kai ist ein 18-jähriger Amerikaner, zum ersten Mal aus seinem Bundesstaat New Mexico heraus und gesegnet mit einem unglaublichen Erlebnishunger. Jihwa ist eine koreanische Endzwanzigerin, die gerade zwei Jahre lang in Äthiopien Mathe unterrichtet hart. Zu dritt sind wir eine wahrlich schräge kleine Familie!

Ich, Jihwa, Kai
Ich, Jihwa, Kai

An einem Abend lassen Kai und ich uns von einer draufgängerischen Engländerin zum Besuch einer winzigen Einheimischen-Bar überreden. Sie hat eine Menge zu erzählen von ihren letzten Wochen, die sie mit zwei bis an die Zähne bewaffneten Irak-Veteranen in einer Diamantenmine verbracht hat.

Der Dramatik ihrer Anekdoten angemessen trinken wir das brachiale Getränk, mit dem sich hier die Einheimischen zuknallen: Gin aus kleinen Tüten. Dieser ist letztendlich nichts als Ethanol mit Gin-Aroma und ich kann mir den Kater bereits beim Trinken bildlich vorstellen. Doch der Rausch ist beeindruckend! Zu dritt ziehen wir noch stundenlang durch die Gegend und geraten in einige abstruse Situationen, etwa in einem Strandsupermarkt und einer Roof Top Bar. Wir landen schließlich mit ein paar Israelis auf der anderen Seite der Insel; die versprochene Strandparty jedoch ist leider abgesagt. Meine letzte Erinnerung an den wilden Abend ist, dass ich für eine kleine Ewigkeit einen flohbesetzten Hund kraule, da mir mein eigener Hund so schrecklich fehlt.

An einem anderen Tag besichtige ich mit Jihwa eine kleine Lagune mit Meeresschildkröten.

Meeresschildkröte
Meeresschildkröte

Stone Town

Den letzten Tag auf Sansibar verbringen wir in Stone Town, einem UNSECO-Erbe. Die Sehenswürdigkeiten wie das Hamam und der ehemalige Sklaven-Verkaufsplatz hauen mich nicht vom Hocker. Alles ist ungepflegt und heruntergekommen. Doch sich in den kleinen Gassen der Altstadt zu verlaufen, ist ein sehr poetisches Erlebnis. Kleine Geschäfte mit Waren in allen Farben, die berühmten Türen aus massivem Holz, die freundlichen Menschen mit ihrer unterschiedlichen Herkunft. In Sansibar vermischen sich eine Menge Kulturen – afrikanisch, indisch, arabisch. Und erst hier in Stone Town wird das wirklich deutlich.

Holztür, Stone Town
Holztür, Stone Town

In einer Musikschule spielt uns eine junge Studentin auf einem exotischen Instrument vor. Auf dem Markt liegt ein riesiger Manta-Rochen zum Verkauf.

Mantarochen in Stone Town
Mantarochen in Stone Town

Am Abend sitzen wir auf der Dachterrasse eines tollen Hotels und lauschen einem traditionellen Konzert, was ein tolles Erlebnis ist, und für den Food Market entschädigt, der mich auf ganzer Linie enttäuscht hat.

Shop in Stone Town
Shop in Stone Town

Kilimanjaro

Am letzten Tag schließlich fliegen wir in einer Propellermaschine von der Insel nach Arusha im Norden des Landes. Wir sind die einzigen drei Passagiere; der Pilot löst während des Fluges Kreuzworträtsel.

Abflug
Abflug

In Arusha treffen wir Muza und Doc, die dort mit Dusty auf die Rückkehr der Gruppe aus der Serengeti warten. Ich packe all meine Souvenirs um, nehme Abschied von Dusty und gehe noch einmal durch die kleinen Dörfer laufen. Dann ist die Zeit gekommen, Afrika ade zu sagen.

Der Blick auf den Kilimanjaro aus dem Flugzeug nach Mombasa ist das letzte Bild, das mir von diesem verrückten Kontinent im Gedächtnis bleibt.

Der Kilimanjaro
Der Kilimanjaro
Geschrieben von
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