Lektionen in Demut: Der Mammutmarsch 2016

Manchmal braucht man Herausforderungen. Oft erweisen sich gerade die bescheuertsten Ideen als die besten. Und wenn es darum geht, etwas zu tun, was ich noch nie vorher gemacht habe, bin ich sowieso stets der erste, der ‚Hier!‘ schreit. All das führte dazu, dass ich beim Vorschlag meines Blogger-Kollegen Steven, am Mammutmarsch teilzunehmen, sofort Feuer und Flamme war. Danke, lieber Philipp, dass Du meine Teilnahme noch auf den letzten Drücker möglich gemacht hast!

Worum geht es?

Ich will 100 Kilometer zurücklegen. Zu Fuß. In 24 Stunden. Ohne zu schlafen.

Yep, als bescheuerte Idee qualifiziert sich diese also auf jeden Fall schon mal!

Der Mammutmarsch ging zum ersten Mal vor wenigen Jahren an den Start, damals mit gerade mal einer Handvoll Teilnehmer. Dieses Jahr haben sich erstaunliche 2500 Wahnsinnige gefunden, die sich der Herausforderung stellen wollen. Das Event lehnt sich an traditionelle Langstrecken-Märsche an, die man in Skandinavien veranstaltet.

Es geht los in Erkner, südöstlich von Berlin. Das Ziel ist Gusow, bereits verdächtig nah an der polnischen Grenze gelegen, und auch eine ganze Ecke nördlich von Berlin. Um die Strecke jedoch noch etwas länger zu machen, verläuft die Route im Zickzack durch die idyllische Mark Brandenburg.

Strecke Mammutmarsch

Der Tag der Wahrheit

Ich starte in der ersten Gruppe und habe vorher noch etwas Zeit, mir die anderen Teilnehmer anzuschauen. Viele sind sehr gut ausgerüstet. Ganz wie es uns Deutschen nicht zu Unrecht weltweit nachgesagt wird, sind die meisten von Kopf bis Fuß in Funktionsklamotten gekleidet und tragen massenweise Gadgets am Körper. Viele schlürfen bereits isotonische Getränke durch einen Schlauch, der in ihrem Rucksack verschwindet. Fast wirkt das Setting wie der Dreh für einen Globetrotter-Werbefilm.

Einer meiner Mitstreiter präpariert seinen GPS-Tracker. „Nicht, dass ich der vom Veranstalter berechneten Kilometerzahl nicht glauben würde. Aber ich lasse das lieber trotzdem noch mal mitlaufen.“ Das sind sie: Die Momente, in denen ich mich frage, ob ich nicht doch auf einem anderen Kontinent geboren wurde.

Unter den Teilnehmern finden sich auch einige Bundeswehr-Soldaten, die sich auf ihre Orientierungsmärsche vorbereiten. Zudem sind auch zwei finnische Soldaten in kompletter Montur dabei; die finnische Flagge steckt am Rucksack.

Aus den Beiträgen auf der Mammutmarsch-Facebook-Seite im Vorfeld weiß ich, dass sich fast jeder hier seit Monaten auf das Ereignis vorbereitet hat. Und sei es nur mit motivierenden Sprüchen oder einer Auflistung aller Kalorien, die er in seinem Rucksack bei sich trägt.

Ein nicht ganz kleiner Anteil der Teilnehmer jedoch ist in Straßenklamotten aufgekreuzt und sieht insgesamt nicht sonderlich fit aus. Einige tragen anstelle von Wander-Rucksäcken Plastiktüten.

Irgendwo dazwischen liege wohl ich selbst. Normale Klamotten, aber Regensachen und Fleeceteil für später im Rucksack. Laufschuhe an den Füßen, aber schon ein etwas älteres Modell. GPS-Route nicht runtergeladen, dafür aber massenweise Müsliriegel dabei. Routinierter Jogger, aber noch nie mehr als 25 Kilometer gewandert. Das kann ja heiter werden!

Um ehrlich zu sein: Ich habe vor, ein wenig zu tricksen. Ich möchte in der Märkischen Schweiz aussteigen, denn dort geht der Lauf direkt an meiner alten Hütte vorbei. Mit Ehrgeiz hatte ich es noch nie so, daher finde ich diesen Escape Plan völlig legitim. Doch im Prospekt mit all den Detail-Karten erfahre ich nun, dass es auch bis dahin schon 74 Kilometer sind.

Ein älterer Mann, der nicht mitläuft, sondern nur gekommen ist, um sich anzusehen, „wer bekloppt genug“ für den Mammutmarsch ist, berichtet mir von einem russischen Medikament, das erst vor ein paar Wochen als Doping eingestuft wurde: Meldonium. Nach allem, was er so erzählt, könnte ich davon jetzt wirklich ein paar Kapseln gebrauchen. „Kriegste nur uff Rezept“, scheint er meine Gedanken zu erraten und grinst.

Ab dafür!

Über Lautsprecher zählt einer der Veranstalter runter, dann jubelt die Startgruppe 1. Und los geht es. Mit und neben mir: Drei weitere Blogger, allesamt entschlossene Ausdrücke im Gesicht. Vor und hinter mir: Eine Armada aus Funktionsklamotten und Nordic-Walking-Stöcken. Wir ergießen uns in die blühende, für Mai jedoch erstaunlich kühle Natur.

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Die ersten Kilometer machen viel Spaß. Wir quatschen und scherzen, und legen dabei trotzdem ein ordentliches Tempo vor. Es bleibt einem gar nichts Anderes übrig, denn wir befinden uns mitten in der Herde. Am Wegesrand stehen verblüffte Passanten in den Staubwolken, welche die Wanderschuhe aufwirbeln.

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Der direkte Weg zu unserem Ziel würde gen Nordosten führen, doch wir umrunden noch mal eben den Müggelsee im Uhrzeigersinn. Was kostet die Welt?! Glücklicherweise sind die Wege nun breiter und das Feld hat sich bereits etwas in die Länge gezogen. Mehr Platz. Weniger Staub.

Der Wind bringt nun jedoch noch mehr kalte Luft. Die Surfer am Müggelsee freuen sich trotzdem. Am Wegesrand machen bereits die ersten Wanderer Pause. Ich geselle mich kurz dazu, da ich einen Stein im Schuh habe. Ich bin aufs Schlimmste gefasst und habe mir vorhin gleich zwei Pakete Blasenpflaster gekauft. Was momentan aber vor allem drückt, ist die Radlerhose, die ich unter meine Shorts gezogen habe, um einem ‚Wolf‘ vorzubeugen.

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Nach etwa zehn Kilometern spüre ich meine Beine bereits deutlich. Man kann es noch nicht als Schmerzen bezeichnen, aber eine leichte Erschöpfung der Muskeln lässt sich nicht abstreiten. Als ich mir dann vor Augen führe, dass wir erst ein Zehntel der Strecke geschafft haben, wird mir etwas bange. Glücklicherweise entschließen sich meine Mitläufer genau jetzt, einen Stopp bei einem Imbiss einzulegen. Currywurst mit Pommes im Eiltempo, Brötchen gleich noch mit inhaliert. Kohlenhydrate sind heute mehr Segen als Fluch. Kaum habe ich mir die Mundwinkel gesäubert, geht es auch schon weiter. Ich bin dankbar dafür, dass Steven, Doris und Lars so entschlossen sind. Ein kleiner Arschtritt hier und da kann heute sicher nicht schaden.

Bei Kilometer 16 gibt es Toiletten, Snacks und frisches Wasser. Verpflegungsposten 1. Ich habe tatsächlich bereits 1,5 Liter abgepumpt und fülle meine PET-Flasche nach. Dazu habe ich schon so viele Müsliriegel und Power Bars gegessen, dass ich bereits den Überblick verloren habe.

Noch schnell die Radlerhose gegen normale Unterwäsche getauscht und ein Instagram der bedrohlichen Wolkenwand geschossen, die sich auf uns zuschiebt, und schon geht es weiter. Die restlichen Salzstangen verdrücke ich im Gehen.

 

Der Tragödie zweiter Teil

Schnell merken wir, dass Pausen eine trügerische Sache sind. Etwas dehnen: Klar. Socken und Schuhe zurechtrutschen: Immer gut. Aber auf keinen Fall länger nicht bewegen. Denn jetzt laufen wir allesamt wie auf Eiern und auch die Motivation lässt mal kurz zu wünschen übrig. Doch wir haben uns vorgenommen, einander etwaige negative Gedanken vorzuenthalten. Denn am Ende des Tages wird hier nicht der Körper entscheiden, ob man in Gusow ankommt, sondern der Geist. Und den gilt es in einer optimistischen Grundstimmung zu halten.

Zwei Kilometer Zickzack durch den Wald, dann schlagen wir endlich die richtige Himmelsrichtung ein. Nordosten, immer der am dünnsten besiedelten Gegend dieses Landes entgegen. Entsprechend malerisch ist die Strecke. Dichte Nadelwälder, kleine Seen, Trampelpfade durch sattgrüne Wiesen. Zwischendurch Anzeichen von Zivilisation. Immer wieder passieren wir S-Bahn-Stationen, extra so geplant, damit man jederzeit aussteigen kann. Doch noch liegt mir nichts ferner. Ohne Radlerhose schubbert nichts mehr, lediglich meine rechte Ferse sendet ein fieses Brennen. Doch ich bin zuversichtlich. Ein ambitionierter Spaziergang, mehr ist das hier doch auch nicht.

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Just als die Sonne den Horizont berührt, fühlen wir ein paar wenige Tropfen auf unseren Köpfen. Dann tauchen wir wieder ein in den dichten Wald. Dieser Regen war vorhergesagt, jedoch erst für den frühen Morgen. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehe, wenn es jetzt schon nass wird.

Das Morgengrauen ist der Moment, auf den ich mich am meisten freue. Die wundervolle märkische Natur im dampfenden Morgennebel. Erste Sonnenstrahlen, die eisige Kälte vertreibend. Vor allem aber freue ich mich auch darauf, wie ich mich zu dieser Zeit fühlen werde, ziemlich genau 12 Stunden nach dem Start. Denn schon jetzt macht sich eine seltsame Leichtigkeit im Kopf breit. Ich würde sie als angenehm bezeichnen. Gedanken schießen wie Pilze aus dem Boden und wollen umgehend mitgeteilt werden. Alle vier reden wir uns um Kopf und Kragen.

Das nächste große Ziel ist die Verpflegungsstation 2 auf Kilometer 44. Zwischen der ersten und der zweiten liegen somit sage und schreibe 28 Kilometer. Da man auf einem solchen Marsch wahrlich viel Zeit hat, berechnen wir alle naselang etwas Anderes: Durchschnittsgeschwindigkeit, Anzahl der Läufer pro Meter, und eben auch die voraussichtliche Ankunftszeit bei Kilometer 44. Irgendwann nach Mitternacht sollte das wohl sein – darauf können wir uns einigen. Dann wird es dunkler. Und deutlich ruhiger. Die dicke Regenwolke ist zum Glück vorbeigezogen. Am Wegesrand sieht man immer wieder kleine Gruppen von Leuten, die rasten oder sich gerade beratschlagen, ob sie weitermachen sollen.

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Ans Eingemachte

Ich habe das Gefühl, dass nun jeder hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist. Nicht nur unsere Gruppe spricht viel weniger, auch um uns herum ist es sehr viel stiller geworden. Der immer noch starke Wind pfeift durch die Baumkronen, die Äste knacken und ächzen.

Der Weg wird flackernd erhellt von den vielen, umherwippenden Stirnlampen. Ich wünschte mir, die Leute würden sie ausschalten. Die Hektik der vielen Lichtstrahlen stresst meine nun sehr empfindlichen Sinne. Zudem kann man den Weg auch ganz gut ohne Lampe erkennen, wenn sich die Augen erst einmal an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Ich habe meine eigene Leuchte schon lange wieder ausgemacht.

In Hoppegarten legen wir eine kleine Pause ein. Ich hole mir in der ‚Pferdekneipe‘, einer Gaststätte für Fans der Pferderennen, ein alkoholfreies Weizenbier und leere es fast in einem Zug. Dazu noch ein Riegel, eine Banane und ein belegtes Croissant. So viel in so kurzer Zeit habe ich vermutlich noch nie gegessen.

Weiter geht’s, vorbei an der Pferderennbahn, auf der morgen ein wichtiges Turnier stattfindet. Ein tiefergelegtes Auto passiert uns, die Musik plärrt aus den offenen Fenstern. Es ist Pfingstsamstag, die Jugend feiert. Ihre Blicke auf unsere starren Gesichter mit den Lampen auf der Stirn zeugen von Unverständnis. Wer kann es ihnen verdenken?

Wir laufen nun durch ein paar kleinere Orte. Fast alles schläft bereits, nur hier und da sitzen noch ein paar Menschen gesellig in ihren Lauben. Die Dunkelheit hat eine noch fiesere Kälte gebracht, auch wenn der Wind nun weg ist. Vor unseren Mündern kondensiert der Atem, was dem Konvoi aus Menschen ein gespenstisches Aussehen verleiht.

Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und schalte auf Random. Ich brauche jetzt etwas Zunder, denn meine Beine sind schon schwer wie Blei. Die Schmerzen im Fuß aber sind wie weggeblasen. Dafür spüre ich ab und an ein fieses Stechen in der rechten Hüfte. Das hatte ich befürchtet.

Der Zufallsgenerator sendet ein paar feiste Songs in meine Gehörgänge. Alleine für diese wahnsinnige Intensität, mit der ich die Musik nun wahrnehme, hat sich der ganze Aufwand hier schon gelohnt. Ich bin hypersensibel, und höre auch noch das letzte Instrument deutlich heraus. Ein Euphorieschub schwappt durch meinen Körper. Man nennt es in Fachkreisen wohl Runners High, dieses aus der Erschöpfung geborene Auffahren der letzten Energiereserven. Ohne mich auch nur nach meiner kleinen Gruppe umzusehen, lege ich einen ordentlichen Zacken zu und überhole Läufer für Läufer. Der Beat gibt mir das Schritttempo vor, zwischendurch baue ich sogar kleine Tanz-Moves ein. Als ich mich einmal kurz umdrehe, stelle ich fest, dass mir meine drei Freunde unter Anstrengung folgen.

Mehr und mehr verlassen wir nun die Zivilisation. Ich nehme die Kopfhörer wieder raus, um die Geräusche der nächtlichen Natur wahrzunehmen. Als wir einen kleinen Hügel erklimmen, kann man ein paar hundert Meter nach hinten blicken. Die Spur aus Stirnlampen, die sich träge im Gleichschritt fortbeweget, ist beeindruckend. Doch meine Euphorie macht mehr und mehr einer anderen Wahrnehmung Platz: Schmerz. Ich hatte schon öfter mal Beschwerden mit meiner Hüfte, aber noch nie solche Schmerzen. Ich atme in den Schmerz hinein und hoffe darauf, dass er sich irgendwann erledigt, so wie es mit dem Fuß gewesen ist. Dieser fühlt sich nun magischerweise an wie jungfräulich, vielleicht sind meine Nervenzellen auch einfach schon alle abgestorben.

Die Abwärtsspirale

Wir kämpfen uns über einen sandigen Weg, der mitten durch absurd gelbe Rapsfelder führt, die selbst in der Dunkelheit zu strahlen scheinen. An den Laufgeräuschen lese ich ab ich, dass auch die meisten Anderen mittlerweile Probleme haben, ihre Füße weit genug vom Boden zu heben. Ich spüre, dass nun die Verletzungsgefahr größer wird, und konzentriere mich voll und ganz auf den unebenen Boden. Doris und Lars müssen schon vor uns sein. Steven läuft neben mir. Meine Versuche, ein weiteres witziges Gespräch mit ihm anzuzetteln, scheitern kläglich. Denn er antwortet einfach nicht mehr. Und so schlurfen und stolpern wir schweigend weiter. Wir nähern uns Kilometer 40.

Habe ich noch vor kurzem das Tempo für unsere kleine Gruppe vorgegeben, kann ich nun nicht mehr mit den Anderen mithalten. Ich sage, sie sollen ruhig schon weiterlaufen. Ich muss das jetzt irgendwie mit mir selbst ausmachen. Der Schmerz in meiner Hüfte ist mittlerweile so stark, dass es mir mitunter die Tränen in die Augen treibt. Ich teste alternative Möglichkeiten des Auftretens, doch jede verbessert die Lage nur für wenige Sekunden. Kurz später verursacht wieder jeder einzelne Schritt des rechten Fußes ein fieses Stechen.

Ich zwinge mich zu Optimismus und versuche, die Schmerzen wegzumeditieren. Dabei muss ich aber erkennen, dass mir insgesamt einfach die Energie fehlt. Noch ein paar Riegel, noch ne Banane. Ich kann durch essen mittlerweile überhaupt kein Sättigungsgefühl mehr erreichen. Dann mixe ich mir noch ein isotonisches Getränk und mache eine kurze Pause am Wegesrand. Die Fürsorge der anderen Teilnehmer ist wirklich rührend. Ständig fragt mich jemand, ob alles OK ist. Ich bejahe. Was bleibt mir auch Anderes übrig.

Dann mache ich mich auf den weiteren Weg. Es ist jetzt wirklich eisig kalt, doch das macht mir nach wie vor keine Probleme. Es ist noch immer die Hüfte, die mir den ganzen Plan zu versauen scheint. Irgendwie müsste ich sie fixieren. Ich schnalle meinen Gürtel zwei, drei Löcher enger und ziehe mir die Hose weit herunter, sodass der Gürtel genau auf der schmerzenden Stelle sitzt. Und tatsächlich: Die nächsten Meter sind erträglicher. Nicht gut, aber doch viel besser als vorher. Je weniger Spiel ich dem Hüftknochen lasse, desto weniger schmerzhaft wird das Auftreten.

Doch eine nachhaltige Lösung ist das alles nicht. So sehr ich es bedauere, habe ich schon längst beschlossen, am nächsten Verpflegungspunkt auszusteigen. Alles Andere wäre pure Unvernunft. Doch bis zu diesem Punkt habe ich noch mindestens zwei Kilometer. Die ich noch dazu gefühlt in Zeitlupe zurücklege.

Kapitulation

Irgendwann zerfließt alles um mich herum. Es gibt jetzt nur noch mich, den kondensierenden Atem vor meinem Gesicht, den Schmerz in meiner Hüfte und die Position meines Gürtels. Meine Umgebung aus Einfamilienhäusern, kleinen Gärten und anderen Läufern, die leise keuchen, wird komplett austauschbar. Nur wenn einer versehentlich einen Kiesel über den Weg kickt, erwache ich noch mal kurz aus meinem Delirium.

Alle paar hundert Meter ziehe ich den Gürtel in die richtige Position, um überhaupt noch weiterzukommen. Am Wegesrand erblicke ich Menschen, die ebenfalls keinen guten Eindruck mehr machen. Erschöpfung ist wirklich kein schöner Gesichtsausdruck.

Dann stolpere ich aus einem Gebiet mit Gärten auf eine Landstraße und realisiere, dass ich genau dort erst letzten Herbst einen Werbefilm gedreht habe. Ich kenne mich hier ein bißchen aus. Die paar Leute, die ich noch sehen kann, biegen schlurfend nach links ab und so folge ich ihnen. Schon bald höre ich laute, schlechte Musik. Noch nie habe ich mich über schlechte Musik dermaßen gefreut. Denn wo Musik ist, da sind auch Menschen. Und wo Menschen sind, da kann mir auch jemand ein Taxi besorgen. Ich habe mir vorsichtshalber 50 Euro für den Notfall eingesteckt. Und bin entschlossen, diesen Notgroschen nun zu verwenden.

Dann stelle ich fest, dass direkt neben der Party mit der schlechten Musik auch der Verpflegungspunkt ist. Ich habe es tatsächlich geschafft. Kilometer 44.

Am Lagerfeuer finde ich meine Crew. Die brennenden Holzscheite wärmen ein wenig, daher haben sich einige Läufer um die Feuerschale versammelt. Steven, Doris und Lars sind noch immer entschlossen weiterzumachen, auch wenn ihnen nun ebenfalls die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben steht. Ich teile ihnen mit, dass ich aussteigen werde. Niemand versucht mich umzustimmen.

Während ich auf den Shuttle Bus warte, verzehre ich noch schnell zwei riesige Sandwiches. Als ich daraufhin bei einem Partybesucher nach einer Taxinummer frage, spüre ich, wie mir ganz flau im Magen wird. Ich bin kurz davor mich zu übergeben. Dann wird mir schwarz vor Augen.

Steven stützt mich und bringt mich in den Raum der Sanitäter. Dort legt man mich auf den Rücken, Füße nach oben. Steven verabschiedet sich herzlich, aber bestimmt. Wenn er noch weiter will, dann muss er jetzt los. Ich wünsche ihm alles Gute.

Nach einem Kaffee fühle ich mich schon deutlich besser. Doch selbst die dicke Decke kann meinen Schüttelfrost lange nicht bekämpfen.

Alle paar Minuten kommt ein weiterer Patient mit denselben Symptomen. Da es mir nun wieder gut geht, biete ich bald meine Decke an. So lange ich nur im Warmen auf den Bus warten kann, ist alles gut. Auch die Anderen erholen sich relativ schnell, nur einer benötigt eine Infusion und wird ins nächste Krankenhaus gebracht.

Dann ist der Bus endlich da. In ihm ist es so warm, dass ich nie wieder raus möchte. Doch nur kurz später spuckt er uns in Strausberg aus. Mit der S-Bahn zurück nach Berlin? Oder per Taxi weiter raus aufs Land? Ich entscheide mich für letzteres. Am nächsten Morgen in Berlin aufzuwachen, würde mir das Scheitern meines Vorhabens noch viel deutlicher vor Augen führen.

Die 20 Meter zum Taxistand sind kaum zu bewältigen. Ich frage mich, ob ich jemals wieder werde laufen können. So erschöpft war ich vermutlich noch nie in meinem Leben. Meine Hüfte explodiert in Schmerzen.

Der Taxifahrer ist ein bärtiger Mann mit Zopf, der mir von seiner Zeit als Pilot bei der NVA erzählt. Ich ergebe mich der heißen Lüftung des alten Mercedes und den gemütlichen Anekdoten des Märchenonkels und dämmere auf dem Rücksitz vor mich hin.

Als wir endlich ankommen, bitte ich den netten Fahrer, mich direkt vor meiner Tür abzusetzen. Mir ist schon ein Rätsel, wie ich überhaupt die drei Stufen hochkommen soll.

Tür zu, Klamotten aus und ab unter die Decken. Sofort falle ich in einen unruhigen Schlaf. Zwei Stunden später bekomme ich eine sms von Steven: „Mammutmarsch wegen zu vieler Verletzter abgebrochen.“ Draußen hat es bei 6 Grad zu regnen begonnen.

Ich war noch nie in meinem Leben so froh, in meinem Bett zu liegen!

Und hier noch mal ein Zusammenschnitt unserer Live-Berichte, in dem man sehr gut sehen kann, wie ich während meiner neun Stunden auf den Beinen kontinuierlich abgebaut habe…

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Geschrieben von
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