Joggen in Saigon

Ha Long Bay

Joggen in Saigon?! Die südvietnamesische Großstadt Saigon, offiziell seit der Vereinigung von Nord- und Süd-Vietnam 1975 Ho-Chi-Minh-City genannt, ist ein Moloch von einer Stadt. Acht Millionen flinke Menschen führen in ihr tagein, tagaus ihr wuseliges Leben. Es herrschen tropische Klimabedingungen und chaotische Strassenzustände.

Warum also sollte man damit liebäugeln, in joggen in Saigon zu gehen? Vermutlich, weil es auf diese Frage wirklich keine befriedigende Antwort gibt.

Es gibt jedoch ein paar Dinge, die man besser beachten sollte:

Joggen in Saigon: Orientierung

Ein Stadtplan ist sicherlich hilfreich, jedoch ist er meist zu unhandlich, um ihn beim Laufen bei sich zu tragen. Will man nach getaner Arbeit trotzdem wieder zum Hotel zurückfinden, kann es daher durchaus sinnvoll sein, sich im Voraus die wichtigsten Namen jener Straßen einzuprägen, an welchen man abbiegen muss. Bei Strassennamen wie ‚Nam Ky Khoi Nghia Avenue’ kann das Auswendiglernen jedoch in etwa dieselbe Zeit in Anspruch nehmen wie der Lauf selbst.

Eine Alternative ist es, grundsätzlich niemals abzubiegen, sondern nach ein paar Kilometern in eine Richtung einfach auf der Ferse umzudrehen, um sodann die exakt selbe Strecke wieder zurückzulaufen. Bei dieser Variante spart man sich auch mehrmals die lebensgefährliche Strassenüberquerung (>> siehe Strassenverkehr).

Es hilft mitunter, eine Visitenkarte seines Hotels dabei zu haben, die man dann jemandem zeigen kann, sollte man sich doch verlaufen. Wovon man ausgehen sollte. Dann muss diese Person nur noch Englisch sprechen und ein Mindestmaß an Interesse mitbringen, einem Touristen zu helfen. Wovon man nicht ausgehen sollte.

Weder Stadtplan noch Hotelkarte helfen einen Deut, wenn man in einen Regenschauer kommt, denn danach sieht man so aus, als sei man bei 60 Grad mitgewaschen worden (>> siehe Monsun).

Christliche Kirche in Saigon
St. Joseph’s Cathedral, Saigon

Joggen in Saigon: Strassenverkehr

Saigons Verkehr lässt sich nicht ignorieren; er ist allgegenwärtig und auch noch in der letzten kleinen Gasse präsent. Sucht man eine Analogie, so fällt einem wohl am Ehesten ein großes, fleissiges Volk von Ameisen ein. Man weiß, dass sicherlich ein System hinter der unaufhörlichen Bewegung steckt, man kann es aber beim besten Willen nicht erkennen. Auf 8 Millionen Saigoner kommen 4,5 Millionen Mopeds, seitdem China den Markt um die Jahrtausendwende mit Billigmodellen überschwemmt hat. Nur selten sieht man eines dieser Fahrzeuge irgendwo stehen; in der Regel sind sie alle nonstop in Betrieb. So blickt man an einer roten Ampel zumeist in eine Armada aus Zweitaktern, bei der sich kein Ende ausmachen lässt.

Überquert man eine jener zahlreichen breiten Kreuzungen, die ganz ohne Ampeln auskommen müssen, ist die einzige erfolgversprechende Methode, waghalsig in das Meer aus träge dahinfließenden Mopeds hineinzulaufen und darauf zu vertrauen, dass immer genau jene Fahrer leicht abbremsen, die gerade auf einen zuhalten. Auf diese Weise kämpft man sich sodann Schritt für Schritt zur anderen Strassenseite durch. Will man seine körperliche Ertüchtigung überleben, sollte man in jedem Fall auch joggend bei der Strassenüberquerung seine Schrittgeschwindigkeit etwas drosseln.

Der abbiegende und der geradeaus fahrende Verkehr gehen in Vietnam oftmals eine zwar ästhetisch anzusehende, ganz offensichtlich jedoch wahnwitzige Symbiose ein. Es ist wenig empfehlenswert, sich auch noch als Fussgänger in diesen gordischen Knoten einzureihen, denn vermutlich käme man nie wieder an einem Stück aus ihm heraus. Man kann die digital angezeigte Wartezeit bis zur nächsten Grünphase nutzen, um sich ein wenig zu dehnen. Aber Vorsicht: Nicht alle Straßenlaternen sind fest verankert!

Joggen in Saigon: Bodenbelag

Hängt man auch nur ein bißchen an seinen Knöcheln und Bändern, so lässt man den Untergrund vor sich keine Sekunde lang aus den Augen. Permanent gilt es, große, unergründlich tiefe Pfützen zu überspringen, wacklige Kanaldeckel mit geschickten Balanceübungen auszugleichen und urplötzlich aus dem Boden ragende Stahlnippel millimetergenau zu umschiffen. Die Schlaglöcher sind ein Kapitel für sich. So viel sei gesagt: Kann man es verhindern, sollte man besser in keines reintreten.

Diese Frau macht es richtig: Sie geht einfach gar nicht mehr aus.

Joggen in Saigon: Sonstige Hindernisse

Die ausgewählte Joggingstrecke gleicht – völlig unabhängig vom konkreten Verlauf innerhalb Saigons – einem ausgeklügelten Hindernisparcours. Ein wenig erinnert sie gelegentlich auch an ein Computerspiel, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man hier keine drei Leben hat.
Oft werden Gehwege einfach abrupt auf ganzer Länge von einem Beet unterbrochen. Ist das nicht der Fall, kann man sich darauf verlassen, dass alle zwanzig Meter ein vorausschauender Vietnamese sein Moped quer in den Weg gestellt, oder gar kurzerhand einen ganzen Stand mit gefälschten Zigaretten oder Luxusartikeln aufgebaut hat.

Über fast jede Ecke erstreckt sich ein temporäres Nudelsuppen-Restaurant. Besondere Vorsicht verlangen hier die schräg gespannten Schnüre, die das Dach der Konstruktion halten und für das ungeschulte Auge nahezu unsichtbar sind.

Joggen in Saigon: Ablenkungen

Der Ablenkungen gibt es in Ho-Chi-Minh-City unzählige. Da wären zum Einen die mitunter riesigen Werbeplakate und unablässig blinkenden Leuchtschriften, die etwa für weißere Haut oder größere Brüste Reklame machen, zwei sichere Wege, wie man dem am Westen orientierten Schönheitsideal ein Stückchen näher zu kommen glaubt.

Ein viel sicherer Grund, den Boden zu lange außer Acht zu lassen, ist jedoch das unvermeidliche Zusammentreffen mit vietnamesischen Studentinnen. Überall in der Stadt stehen Gruppen dieser entzückenden jungen Frauen in geradezu atemberaubenden weißen Hosenkleidern, die man bei uns vermutlich eher in der Oper als in der Universität tragen würde. Passiert man nun keuchend und schwitzend eine solche Ansammlung von Eleganz und Anmut, und wird von geschätzten 80 leicht spöttisch dreinblickenden Augenpaaren zugleich verfolgt, fragt man sich kurz, ob man nicht vielleicht doch schlichtweg bescheuert ist, und lieber bei einem kühlen Bier in einem klimatisierten Restaurant sitzen sollte, wie es von einem Touristen ohnehin erwartet wird.

Ablenkend wirken auch Überlegungen zur momentanen Definition von Kommunismus in Vietnam, wenn man sich beispielsweise die Flanierstrasse Duong Khoi als Laufstrecke auserkoren hat und in kurzer Folge zunächst handgemalte Plakate zur Verbrüderung mit der Republik Kuba und kurz später reihenweise westliche Luxusgeschäfte und Nobelkarossen passiert.

Das ist der Verkehr im ruhigen Hue. Man potenziere ihn hoch 8!

Joggen in Saigon: Polizei/Militär

Die bewaffneten Männer in Uniform am Strassenrand mögen den Läufer an die Bilder der Viet Cong erinnern, die man im sprachlos machenden Museum für Kriegsverbrechen sehen kann. Doch diese hier wollen einem offenbar nichts Böses. Auch für die Unterbindung des Schwarzhandels sind sie ganz offensichtlich nicht ausgebildet (>> siehe Hindernisse). Habe ich die Sache richtig verstanden, wollen die stets etwas grimmig dreinschauenden Männer einfach nur den Verkehr regeln. Wofür sie jedoch ebenfalls unzureichend ausgebildet zu sein scheinen.

Joggen in Saigon: Abgase

Treiben die Ozonwerte dem gemeinen Mitteleuropäer bereits beim Verlassen des Flughafenterminals Tränen in die Augen, so kann man davon ausgehen, dass man sich während eines einstündigen Laufs für die nächsten 3 Wochen ausreichend mit Kohlenmonoxid versorgt hat. Das Atmen fällt zusehends schwerer, was aber auch an der Luftfeuchtigkeit von etwas über geschmeidigen 80 % liegen kann.

Joggen in Saigon: Bäume

Damit nicht genug, dass man jederzeit über eine Wurzel stolpern kann, oder sich des Öfteren große Zweige aus dem Blickfeld schieben muss. Man muss auch noch darauf gefasst sein, dass einem unvermittelt riesige Blätter ins Gesicht fallen oder gar unvorsichtige Insekten. Irgendwo müssen die ganzen Schlangen, Skorpione und Tausendfüssler ja auch leben, die hier von der chinesischen Minderheit in Schnaps eingelegt und so zu einem psychoaktiven Getränk werden, dass sich dann Medizin schimpft.

Joggen in Saigon: Rush-Hour

Erliegt man schon kurz nach der Ankunft in Vietnam dem Glauben, dass in Saigon im Prinzip rund um die Uhr Rush-Hour ist, so hat man sich geschnitten. Zu den wirklichen Stosszeiten setzt der Verkehr noch mal gewaltig eins drauf. Nun fahren die Mopeds auch auf den Gehwegen, und das nicht selten in mehreren Reihen nebeneinander. Mir wurde nicht ganz klar, wohin der Fußgänger ausweichen soll. Vielleicht in eine Garküche, bis der Spuk vorbei ist?

Leider sind die Zeiten der Rush-Hour am Morgen und am Abend jedoch auch die einzigen möglichen für einen Lauf, da es nur dann mit 29 Grad schon fast erfrischend kühl ist.

Joggen in Saigon: Monsun

Der Regen kommt immer dann, wenn man nicht mit ihm rechnet. Kommt er jedoch, dann kommt er gewaltig. Man kann sich in diesem Fall entweder zu den freundlichen Vietnamesen gesellen, die einen einladend zu sich unter Vordächer oder hastig aufgespannte Zeltkonstruktionen winken. Oder sich wahlweise in einen der kleinen Sturzbäche am Strassenrand legen und darauf hoffen, in Richtung des Hotels getrieben zu werden. Es gibt nur diese beiden Optionen.

Joggen in Saigon: Dunkelheit

Steht man um kurz nach fünf plötzlich im Dunkeln da, so hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall Nähe zum Äquator heisst. Denn die Dunkelheit setzt nicht nur früh ein, sondern auch sehr plötzlich. In diesem Fall potenzieren sich alle oben genannten Gefahren etwa um den Faktor 5.

Joggen in Saigon: Fazit

Beachtet man die oben genannten Punkte, ist Joggen in Saigon ein unvergleichliches Erlebnis. Allein schon das Gefühl, wieder im Hotelzimmer am Fenster zu stehen, in dieses Chaos auf den Strassen hinunterzublicken und sich daran zu erfreuen, dass man noch am Leben ist, macht es zu einem durchaus lohnenden Zeitvertreib.

Wird man sonst ständig gefragt ‚Mister, you like motorbike/city tour/watch/hotel/…?’, kann man die Stadt nun mal gänzlich ohne diese lästigen Anmachen durchqueren. Wenn doch mal einer fragt, meint er es sicher ironisch, und man kann gemeinsam darüber lachen, ohne dabei viele Worte zu verlieren.

Mit hochrotem Kopf und verschwitzten Klamotten kehrt man schliesslich ins Hotel zurück. Dort kann man damit beispielsweise dicke Franzosen beeindrucken, die nicht selten nach Vietnam gekommen sind, um ihr koloniales Erbe zu begutachten und ein paar Dutzend Frösche auf dem Markt zu vertilgen.

Steht man unter der Dusche, stellt man fest, dass man millimeterdick Dreck auf der Haut hat. Schabt man diesen vorsichtig Schicht für Schicht ab und riecht daran, kann man mit einiger Anstrengung die verschiedenen Distrikte Saigons herausschnuppern. So lässt sich auch gut entscheiden, wo man unbedingt noch mal hin will und wo eher nicht.

Entscheidet man sich für einen Lauf, sollte man jedoch Mäßigung betreiben, und diese Ertüchtigung nicht öfter als ein mal die Woche wiederholen. Ich habe unterwegs noch einen weiteren Jogger gesehen. Dieser wirkte, als hätte er bereits ein wenig viel des Schlangenschnapses verköstigt (>> siehe Bäume), und schwebte elfengleich mit aufgesetzten Kopfhörern durch den Verkehr, während er gedankenverloren eine apokalyptische Melodie mitsummte.

Zeit für eine Pause: Ha Long Bucht bei Hanoi.

Du willst noch mehr Geschichten? Ich hab noch mehr Geschichten!

Bücher von Marco Buch

This post is also available in: Englisch

Mehr von Marco Buch

Warum Du genau jetzt in die Innere Mongolei reisen solltest!

Die ursprünglichen Orte dieser Welt werden rarer, das wissen wir alle. In...
Weiterlesen

11 Kommentare

  • Bin Ende Januar ’16 dort und habe beschlossen, dass man wohl nur unmittelbar vor Ort entscheiden kann, ob sich eine Jogging-Runde lohnt bzw. überleben lässt. Was Positives hast Du ja nicht entdeckt – aber gelaufen bist Du wohl schon. Ich packe auf jeden Fall mal die Klamotten ein.

    • Würde ich so nicht sagen. Das kann eine ziemlich positive Erfahrung sein! Man muss nur wachsam bleiben.
      Gib doch mal Bescheid, wie es war. Würde ich interessieren!
      Safe travels,
      Marco

      • Mach ich. Der Kanal „Kênh Nhiêu Lộc – Thị Nghè“ sieht ganz vielversprechend aus. Alternativ entlang einer der grossen Strassen, oder vor dem Independence Palace, oder rund um den Horsetrack. Ich warte erstmal meine Hotelbuchung ab – das klärt dann, wo es losgeht (und nach Möglichkeit auch wieder aufhört ;-).
        Hänge noch das Wochenende an den Business Trip und lese mir daher noch Deine andere Empfehlungen rund um die Stadt durch. Coole Site!
        Grüsse
        Johannes

          • Es geht und es war super-cool!
            Zwar gelten die von Marco genannten Einschränkungen – jedoch nur, wenn man auf den normalen Bürgersteigen unterwegs ist. Ich habe aber eine wunderbare Laufstrecke gefunden, auf der man auf gutem Untergrund und beinahe ohne Störungen mit nur einer Strassenüberquerung rund 9 km abspulen kann.
            Vom Hotel bis zum Kanal und am Ende wieder retour geht’s genauso ab, wie Marco schreibt. Am Kanal selbst jedoch läuft man beinahe ungestört und in einiger Distanz zum Verkehr, den man aber als Unterhaltungswert immer noch schön beobachten kann. Zusammen mit einem unterwegs sind Spaziergänger und (tatsächlich) der ein oder andere lokale Läufer. Ausserdem gibt es von Zeit zu Zeit festinstallierte öffentliche Fitnessgeräte, die überraschenderweise heftig benutzt werden.
            Querstrasse unterläuft man in der Regel auf einem schmalen Bürgersteig oder sogar weiterhin abgetrennt. Und so nahe am Fluss kann man auch recht frische Luft schnuppern (Saigon Level).
            Ich war Ende Januar jeweils morgens um 6 bei ca. 28 Grad unterwegs. Die Klamotten sind danach klatschnass, aber Training und Sightseeing sind perfekt. Ich würde der Route sogar 4 von 5 Sternen geben.
            So sieht sie aus (inkl. Photos): https://www.strava.com/activities/481441105

Kommentar schreiben

Deine Email wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.