Wie ich mal beinahe Uli Hoeneß umnieste – Ein Kapitel aus Whatever work(s)

Eine schicksalhafte Begegnung?

Wieder einmal hatte ich mich offenbar gut verkauft. Man hatte mir auf ein Neues kurzerhand einen Job anvertraut, den ich bis zum Dienstantritt am darauffolgenden Tag im Prinzip erst noch erlernen musste.

Ein Stückchen außerhalb von Berlin fand ein kleines Golfturnier mit einer Handvoll B-Promis statt. Sie hatten sich irgendeinen obskuren Wohltätigkeits-Gedanken einfallen lassen, um sich mal wieder gemeinsam zu vergnügen. Sehen und gesehen werden, wie man so schön sagte. Und das noch mit dem Anstrich eines hehren Ansinnens. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wem genau man am Ende der Veranstaltung einen Bruchteil der Einnahmen spenden wollte.

Aber das sollte meine Sorge auch nicht sein. Denn ich fungierte nicht als moralische Instanz, sondern gewissermaßen als Haus- und Hofberichterstatter dieser feinen Gesellschaft. Den ganzen Tag über sollte ich, die Spiegelreflex-Kamera gezückt, Schnappschüsse der gut gekleideten, alternden Herren auf dem Rasen sowie der dazugehörigen, für diesen Anlass mit einem ganzen Arsenal an Make-Up auf Vordermann gebrachten Gattinnen beim Cocktailschlürfen und Small-Talk auf der Terrasse einfangen. Auf dass niemand diesen fantastischen Frühsommertag auf dem Lande jemals vergessen möge. Der sportliche Aspekt sollte bei meinen Fotos natürlich im Vordergrund stehen, immerhin handelte es sich hier ja um ein Golfturnier. Besonders wichtig sei es aber auch, dass alle Menschen auf den Fotos möglichst gut wegkämen, egal, wie schlimm sie in Wirklichkeit aussahen. Das war doch mal eine Ansage.

Doch damit nicht genug, sollte ich der High Society abends noch eine Diavorführung der von mir geknipsten Bilder servieren. Damit sich alle noch mal an ihrem Erfolg und ihrer Sportlichkeit laben konnten, während sie große Steaks in sich hineinschaufelten oder bei einer Zigarre die letzten Kursentwicklungen ihrer Aktien diskutierten.

Ich machte mich also frühmorgens auf in Richtung Brandenburg, wohlwissend, dass meine Gräser-Allergie im Zenit stand und Golfplätze in aller Regel Heimstatt für ein ganzes Potpourri verschiedenster Exemplare der Gräserfamilie sind. Schon auf der Fahrt über die baumbestandenen Landstraßen begann mir die Nase zu jucken.

Der Golfplatz war idyllisch am Waldrand gelegen und die ersten Gäste entstiegen bereits ihren dunklen Limousinen, als ich meinen Schrotthaufen unauffällig am Rande des Parkplatzes abstellte. Ich warf mir ein paar Antihistamine ein, strich meinen Kragen glatt und stellte mich kurz bei den Verantwortlichen vor, damit diese schon mal wussten, wer denn der Penner ist, der den ganzen Tag über zwischen den erlauchten Herrschaften herumstreunt.

Der Tag gestaltete sich in der Folge eigentlich zunächst recht angenehm. Sonne, Wiesen und Teiche. Kalte Getränke und kleine Häppchen zwischendurch. Und alles, was ich tun musste, war, ein paar Fotos zu schießen. Dabei ließ man mich komplett in Ruhe und ich konnte immer selbst bestimmen, wo ich nun gerade wen ablichten wollte. Jedoch schlug mein Heuschnupfen schlimmer zu, als ich es ohnehin schon befürchtet hatte, das Allergiemedikament zeigte so gut wie keine Wirkung. Schnell waren meine Augen geschwollen und leicht gerötet, und ich wusste, dass nur ein klitzekleines Reiben mit dem Handrücken alles zu Fall bringen konnte. Hatte man einmal mit dem Reiben angefangen, dann gab es kein Halten mehr und schon bald wären meine Augen nur noch schmale rote Schlitze, juckend, nässend und zum Sehen kaum mehr zu gebrauchen. Ich riss mich zusammen. Was ich jedoch nicht verhindern konnte, waren die immer wiederkehrenden hysterischen Niesanfälle mit bis zu 38 Niesern am Stück. Seit jeher zählte ich zur Heuschnupfenzeit immer mit und in der Regel war ich stolz auf neue Rekorde, hier aber erwiesen sie sich als nicht sonderlich hilfreich. Diese Nies-Stakkati waren außerdem mitunter dermaßen anstrengend, dass ich mich hernach immer kurz sammeln und mich erst mal an einen nahegelegenen Baum lehnen musste. Nicht umsonst kursiert das Gerücht, dass jeder Nieser wie ein kleiner Orgasmus sei. Schön zwar, aber in seiner Folge eben auch ganz schön anstrengend.

Ich wieselte möglichst unauffällig durch die Menge, niemand schien weiter Notiz von mir zu nehmen. Die Herrschaften hatten sich in ihre besten Sommerkleidchen gezwängt und alle versuchten, vor wie hinter der Kamera, stets gut auszusehen. Gut, dass ich sie darauf nicht auch noch hinweisen musste! Meine Mission im Blick, versuchte ich jedoch, Perspektiven zu vermeiden, die Doppelkinne oder Wohlstandsbäuche unnötig hervorhoben.

Da ich schon vor Jahren meinen Fernseher weggeworfen hatte und auch nicht über ein Abo der Gala verfügte, war ich nur mit wenigen Gesichtern der Anwesenden vertraut. Daher hielt ich mich zumeist an jene Personen, denen auch von den anderen Gästen die meiste Aufmerksamkeit geschenkt wurde. So konnte ich relativ sicher sein, dass ich auch wirklich die Wichtigsten unter den Halbwichtigen ablichtete. Wie mir schien, war Uli Hoeneß der Stargast des Tages. Nicht dass ich ihn erkannt hätte, aber ich hatte eine Unterhaltung überhört, in der sein Name gefallen war, als jemand in seine Richtung deutete. Hatte man ihn dann einmal erblickt, dann konnte man ihn ohnehin nicht mehr übersehen.

In den nächsten Stunden lief alles nach Plan. Die Leute waren ausgelassen und putteten, was das Zeug hielt. Man plauschte, scherzte und sprach einander Komplimente aus. Ich für meinen Teil knipste und knipste, und verdrückte mich in regelmäßigen Abständen für eine Niesattacke hinter einen Baum.

Doch dann passierte das Malheur. Just in dem Moment, als Herr Hoeneß im Begriff war, in höchster Konzentration seinen Ball abzuschlagen, platzte es aus mir heraus und ich musste, keine zehn Meter von ihm stehend, bestimmt vierzehn mal in Folge niesen, woraufhin ich leicht zitternd und mit einseitig bespuckter Kamera wieder zu der kleinen Gruppe um den gewichtigen Fußballtrainer aufblickte. Alle Augen starrten mich ungläubig an, Höneß hatte gar seinen Schläger abgesetzt und seinen massigen Körper darauf abgestützt. Höflich, aber bestimmt bat er mich, als er merkte, dass ich wieder ansprechbar war, doch bitte das Feld zu verlassen. Ich tat wie mir geheißen, bevor sich mein Anfall fortsetzen konnte, denn ich fühlte schon ein Nachbeben herannahen. Aus der Entfernung beobachtete ich, wie Höneß noch eine ganze Weile brauchte, bis er sich auf ein Neues dem Abschlag widmen konnte und wie die Umstehenden sichtlich verunsichert ihre Münder spitzten.

Eine schicksalhafte Begegnung?
Eine schicksalhafte Begegnung? (Zeichnung: Ani Koprivlenska)

In Folge dieses etwas unangenehmen Vorfalls hielt ich mich für den Rest des Tages von Hoeneß und seiner Entourage weitgehend fern. Ich hatte ihn bereits zigfach fotografiert und aufgrund seiner beeindruckenden Statur war er auf mindestens ebenso vielen Bildern irgendwo im Hintergrund noch deutlich zu erkennen. Kein Problem also, wenn ich mich von nun an den weniger wichtigen Menschen widmete.

Als es nachmittags dann fast unerträglich heiß wurde, konzentrierte ich meine ganzen Bemühungen auf die nichtspielenden, weiblichen Familienangehörigen. Denn wo diese sich aufhielten, konnte man davon ausgehen, dass es stets leckere, gekühlte Getränke gab.

Nur wenn mal wieder jemand seinen Ball laienhaft in einem der Teiche versenkt hatte, konnte ich es mir nicht verkneifen, dem Spielfeld noch mal einen flinken Besuch abzustatten.

Nachdem das Turnier beendet war, zog ich mich in den ersten Stock des Golfhauses zurück, wo ich fast zwei Stunden lang vergeblich versuchte, den hauseigenen Projektor zu einer Kooperation zu überreden. Denn mit dem Knipsen der Fotos war der Job ja leider noch nicht getan, diese sollten auch direkt von den Anwesenden in Augenschein genommen werden. Doch die Technik streikte und zu allem Überfluss nervten mich bei meinen Bemühungen auch noch ein paar verzogene Kinder in Lackschuhen und gebügelten Hemdchen. Da sie wussten, dass ich mich in meiner Position mit Sicherheit nicht bei ihren Müttern über ihr Verhalten beschweren würde, pisackten die kleinen Gören mich ohne Gnade. Mit Hilfe eines Kellners gelang es mir dann schließlich, den Projektor doch noch zum Laufen zu bringen und ich sortierte noch schnell all jene Bilder aus, die verwackelt waren oder auf denen jemand zu unelegant oder zu speckig aussah.

Letztendlich fand die Präsentation dann auf einer kleinen Leinwand in der Halle statt, die zur Terrasse führte, auf der sich die Gesellschaft im Sonnenuntergang vergnügte. Ich musste jedoch feststellen, dass sich im Prinzip keiner wirklich für die Bilder interessierte. Was wiederum nur gut für mich sein konnte, denn ein nicht gerade kleiner Teil der Fotos war unscharf oder gegen die Sonne aufgenommen. Das Werk eines routinierten Fotografen sah wahrlich anders aus.

Uli Hoeneß schlug mir noch mal versöhnlich mit seiner Riesenpranke auf den Rücken, als ich ihn auf dem Weg zum monströsen Schwenkgrill passierte, an dem ich mir noch schnell ein kostenloses Abendessen einverleiben wollte. Ich lächelte gequält, als er den Beistehenden noch einmal die Geschichte meiner Niesattacke aufwärmte und sich sein gesamter voluminöser Körper dabei schüttelte vor Lachen. Dann fraß ich mich auf sehr diskrete Art am reichhaltigen Buffet voll, nieste zum Abschied noch mal kräftig in Richtung der aufmüpfigen Kinder und machte mich sodann auf den Weg zurück nach Berlin.

Nachdem ich bei meinem nächsten Einsatz wieder ein paar Bilder gegen die Sonne gemacht hatte, was ich für mein gutes Recht auf künstlerische Freiheit hielt, gab mir mein Auftraggeber keine weiteren Aufträge mehr. Nur kurz später ging die Firma pleite und ich war froh, dass man das nun zumindest nicht mehr auf mich zurückführen konnte. Uli Höneß habe ich wissentlich nie wiedergesehen.

Bezahlung: € 250. Arbeitsaufwand: Ausgesprochen gering. Gelernt fürs Leben: Golf ist mindestens so langweilig wie es aussieht.

Dies ist ein Kapitel aus meinem neuen Buch ‚Whatever work(s) – Karriere machen war gestern‘:

Whatever work(s)

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