Programmbeleber im russischen Big Brother Container

Dies ist ein Kapitel aus meinem Buch ‚Whatever work(s) – Karriere machen war gestern‘:

Mein Freund Martin arbeitete als Aufnahmeleiter bei einer russischen TV-Produktion, die in den Wochen zuvor bereits mehrere Male in die Schlagzeilen geraten war. Die in Berlin produzierte Sendung war im Prinzip eine Kopie des Big Brother-Formats, hielt jedoch einige zusätzliche Herausforderungen für die Kandidaten bereit. Die Russen bewiesen einmal mehr, dass sie ein bisschen härter im Nehmen waren.

Zunächst einmal wusste zu Anfang der Serie keiner der Teilnehmer, in welchem Land sie sich aufhielten. Man hatte sie mit verbundenen Augen den langen Weg von ihrer Heimat in die deutsche Hauptstadt gebracht und ihnen die Augenklappen erst im Container selbst abgenommen. Sie konnten sich also nur anhand der Reisedauer in etwa den Radius ausrechnen, in dem sie sich von Zuhause entfernt hatten. Sofern man sie nicht auch betäubt hatte. Sicher konnte man da nicht sein.

In ihrem vorübergehenden Zuhause angekommen gab es erst einmal tagelang nichts zu essen, bevor dann vier der jungen russischen Menschen irgendwo in Berlin ausgesetzt wurden, um vor laufenden Kameras zunächst herauszufinden, in welchem Land sie sich befanden und sich dann zu überlegen, wie sie wohl ohne Geld an etwas Essbares kommen konnten.

Menschenverachtend hatte die deutsche Presse das genannt, doch ich vertrat die Auffassung, dass Menschen, die sich solchen Strapazen für die Aussicht auf ein Preisgeld und ein wenig mediale Präsenz aussetzen, sich selbst schon genug verachten mussten. Letztendlich sollten sie daher auch selbst die Verantwortung dafür übernehmen.

Jedenfalls waren die Besucherzahlen in den letzten Wochen drastisch eingebrochen, seitdem die Kandidaten nicht mehr dem unmittelbaren Hungertod ausgesetzt waren. Die Zuschauer gierten offenbar nach Nervenkitzel und harten Schicksalen. Das alltägliche Gekabbel im Container interessierte nur noch rund eine Million Voyeure vor den russischen Bildschirmen.

Da kam der Produzent auf eine geradezu geniale Idee: Man würde einfach einheimische Menschen in den Container einschleusen, um die Story ein wenig aufzupeppen und ihr etwas Lokalkolorit einzuhauchen. Gott weiß, in welchem Zustand ihm diese Idee gekommen war. Schon früh hatte Martin mir erzählt, dass sich außer ihm meistens nur ein paar unscheinbare Techniker vor Ort aufhielten, die für das Funktionieren der Kameras verantwortlich waren. Die russische Produktionscrew selbst ließ sich nur sehr selten blicken. Diese Besuche jedoch waren offenbar stets ein imposantes Schauspiel, da sie nie ohne viel Wodka und zahlreiche Prostituierte vonstatten gingen, von rauen Mengen an Kokain mal ganz zu schweigen. Sie lebten den Russian Dream.

Martin, wie immer stets bemüht, die allerskurrilsten Möglichkeiten des Broterwerbs auf direktem Wege an mich durchzuwinken, hatte mich sofort angerufen, nachdem ihm der Produzent am Ende eines solchen Gelages seinen Geistesblitz vorgelallt hatte. Alles in allem durchschaute ich nach wie vor nicht, ob Martin mir mit den in regelmäßigen Abständen unterbreiteten Jobangeboten der seltsamen Art etwas Gutes tun wollte, oder ob er sich heimlich an meinem Leiden ergötzte, wenn ich mal wieder ja gesagt hatte. Doch dieser Vorschlag klang einfach zu bescheuert, um ihn nicht wenigstens etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

Daher folgte ich der Einladung und nahm die S-Bahn in den tiefen Nordwesten Berlins, um mir die Sache vor Ort anzuschauen und mich mit dem Hauptrussen zu treffen. Nach ein paar Minuten des Suchens fand ich schließlich inmitten des Spandauer Industriegebiets den Ort, an dem die Skandalserie entstand. Er hatte etwas Surreales und Gespenstisches an sich. Mitten in eine alte Lagerhalle, die sonst komplett leer stand, hatte man eine Art multifunktionales Zelt integriert, dessen Plane von allen Seiten zugänglich war. Überall in der Außenhaut waren Fenster eingelassen, durch die man zwar in den Container hinein, nicht aber aus ihm heraus schauen konnte, und die von Kameras gesäumt waren.

Innen wirkte das Ganze wie eine völlig normale, einigermaßen geräumige Wohnung. Doch auch diese war selbstverständlich gut überwacht. Martin gab mir eine kleine Führung und zeigte mir auf den Monitoren, wo überall in diesem Container Kameras installiert waren. Sie waren im Grunde überall. Im Gegensatz zu den ersten deutschen Big Brother-Baracken schreckte man hier auch nicht vor Kameras im Bad zurück, ja, sogar im Whirlpool hatte man unter der Wasseroberfläche gleich zwei Linsen installiert, um auch die schlüpfrigsten Momente im Zusammenleben der jungen halbverhungerten Russen nicht zu verpassen. Schade nur, dass diese irgendwie nicht so richtig Lust darauf hatten, im muckelig warmen Wasser aneinander herumzuspielen. Vielleicht lag das am Nahrungsengpass, vielleicht versuchten sie aber auf diese Art auch lediglich, einen letzten Rest an Würde zu bewahren.

Hier jedenfalls kamen ich und mein Freund Cordt ins Spiel, den ich kurzerhand mit ins Boot geholt hatte. Er und ich waren in letzter Zeit des Öfteren zusammen auf Kleinkunstbühnen aufgetreten; wir hatten mit Gitarren musiziert und Cordt hatte dazu Gedichte gelesen. Ich wusste, auch er befand sich auf der permanenten Suche nach Dingen, die er vorher noch nie ausprobiert hatte, und ganz wie ich erwartet hatte, war er sofort Feuer und Flamme für diese absurde Idee gewesen.

Das kurzfristig umgeschriebene Drehbuch besagte, dass zwei Kandidatinnen uns bei einem ihrer seltenen Landgänge kennenlernen sollten. Wir würden daraufhin von den beiden in den Container eingeladen werden und dort gemeinsam mit allen Bewohnern musizieren, trinken und feiern. Für den Zuschauer sollte das selbstverständlich nicht inszeniert, sondern völlig authentisch, aus dem Leben gegriffen rüberkommen.

Trotz meiner nicht zu unterschätzenden Naivität ahnten wir beide durchaus, dass dieses unschuldige Vergnügen allein die Quote sicherlich nicht nach oben treiben würde. Zwei trinkende Deutsche, die auf Instrumenten klampften und womöglich auch noch selbstgeschriebene Gedichte zum Besten gaben? Das lockte bestimmt nicht mal einen Robbenjäger aus der Taiga hinter seinem Ofen hervor.

Was man von uns wirklich wollte, war, dass mindestens einer von uns beiden mit einer der attraktiven Russinnen abstürzte. Vor laufender Kamera, versteht sich, am besten nackt im überwachten Whirlpool. Cordt und ich hatten darüber gesprochen und schlossen diese Option zumindest nicht aus, so es denn wirklich zu einer reizvollen Situation kommen sollte. Nachdem ich erst kürzlich mit ihm um eine junge Dame konkurriert hatte, die dann zunächst mir und nur ein paar Tage später auch ihm den Laufpass gegeben hatte, gab es für uns beide nichts zu verlieren. Allerdings hatten wir uns bis dato nur wenige Gedanken darüber gemacht, welche Tragweite ein amouröses Abenteuer im Container auf längere Sicht für alle Beteiligten haben konnte.

Whatever works von Marco Buch

Der russische Produzent wirkte nach all den Gerüchten, die mir im Vorfeld zu Ohren gekommen waren, geradezu seriös. Lediglich seine billigen Schuhe, sowie seine rastlos darin umherwippenden Füße und sein stechender Blick ließen mich auf der Hut bleiben. In gebrochenem, russisch-englischem Singsang erklärte er mir, was Sache war. Geld würde es für unsere Bemühungen leider keines geben, doch das überraschte mich nicht sonderlich. Dafür würde aber natürlich eine Menge  Ruhm winken, der nicht zu unterschätzen sei.

‚You know, we Russians, we are many’, sagte er mit Nachdruck und tippte mit einem Kugelschreiber auf den Schreibtisch aus Sperrholz. ‚Maybe now not so many peoples watch our show now, but it still is one million peoples.‘ Er gab mir kurz die Gelegenheit, beeindruckt zu sein. Dann beugte er sich theatralisch nach vorne und sagte:

‚This is chance of lifetime for you and you funny little friend! You play, you sing! So many Russians will see. You be famous very soon!‘

‚So you do want us to perform inside?‘, fragte ich zögerlich, da bisher nicht ganz klar gewesen war, ob unsere musikalischen Fähigkeiten tatsächlich Berücksichtigung finden würden.

‚Of course, my friend. You good. Your friend good. Of course you play.‘ Nicht nur war klar, dass er noch nie auch nur einen Ton von uns gehört hatte. Es war auch mehr als offensichtlich, dass ihm das letztendlich reichlich egal war.

Doch die Redaktion war offenbar, als sie von unseren Fähigkeiten erfahren hatte, einhellig zu dem Schluss gekommen, dass wir unsere Instrumente unbedingt mit in den Container bringen sollten. So würde die ganze Aktion weniger gestellt aussehen und eventuelle Annäherungsversuche würde das sicherlich ebenfalls erleichtern. So weit die Theorie, die ich aus den kryptischen Ausführungen des fahrigen Russen heraushörte.

‚See you soon, rockstar!‘, verabschiedete er mich mit rollendem R und zwinkerte mit einem Auge, als er mir mit seiner Rechten fast die Hand brach. Aus seinem Mund und in diesem Kontext hatte die Floskel ganz klar den Charakter einer Drohung. Mit einem leichten Schwindel verließ ich die Höhle des Löwen.

Ich wusste nicht genau warum, aber das Ganze machte mich zusehends nervös. Als ich mir nach dem Gespräch noch eine Stunde lang durch die Plastikfenster das resignierte Treiben im Container anschaute, wurde dieses Gefühl nicht gerade besser. Andererseits: Was gab es zu verlieren?

Cordt jedenfalls war zu allem bereit, auch nach den Schilderungen meiner zwiespältigen Erlebnisse in der Lagerhalle. Und so sagten wir schließlich zu und warteten auf den Tag der großen Party.

Zwei Wochen später war es soweit. In einem noch nicht in Betrieb genommenen U-Bahn-Schacht unter dem Potsdamer Platz veranstaltete man eigens für die Serie einen großen Rave mit semibekannten DJs, zu dem jedermann ganz offiziell Tickets erstehen konnte. Dem Zuschauer sollte das Ganze dann so verkauft werden, dass die beiden auserkorenen Teilnehmerinnen auf diesem rauschenden, ach-so-Berlin-typischen Techno-Fest wie zufällig Cordt und mich kennenlernten und daraufhin in den Container einluden, was der Produzent vermeintlich zähneknirschend genehmigen würde. Die darauffolgende, wirklich spannende Folge der Serie sollte unsere gemeinsame Party in ihrem vorübergehenden Zuhause aus Plastik zeigen. Man war sich sicher, der Serie mit diesem kleinen Kunstgriff wieder zu einem größeren Publikum zu verhelfen. Cordt und ich waren gewissermaßen der Deus ex machina, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Wir trieben uns ein wenig auf der Party herum, die überraschend gut besucht war. Natürlich ließ man uns an der Schlange am Eingang vorbeilaufen. Die Feier wurde ja nicht zuletzt für uns veranstaltet. Bei diesem Gedanken zuckte ich kurz zusammen.

Als wir die Katakomben aus Sichtbeton betraten, war ich doch erstaunt, was für einen Aufwand die Macher der Serie betrieben hatten. Vielleicht sollte hier zusätzlich noch ein wenig Geld gewaschen werden. Wenig erstaunt war ich über die unfassbare Geschmacklosigkeit, mit der alles gestaltet worden war. Viele der Gäste, die sich bereits gierig die ersten Freigetränke in den Hals schütteten, korrespondierten in ihrem Erscheinungsbild auf unschöne Weise mit der Flut aus billigen Lichteffekten und den Aufstellern dubioser russischer Sponsorenfirmen, die fast ausnahmslos für Energy-Drinks und verschiedene Sorten Wodka warben.

Ein junger Typ mit einem Clipboard in der Hand begrüßte uns hastig, gestikulierte in Richtung der beiden Mädels, die es kennenzulernen galt, und verschwand umgehend wieder in der Menge. Ich hatte wohl unbewusst gehofft, man hätte wenigstens die nicht ganz so hübschen Kandidatinnen für uns ausgewählt, doch das konnte man leider nicht im Ansatz behaupten. Cordt sah das wohl ähnlich und wollte sofort zu den beiden rübergehen und sich vorstellen. Doch ich schlug vor, noch etwas abzuwarten, die Beute gewissermaßen ein wenig zu umkreisen und die Szenerie erst einmal aus der Entfernung zu begutachten. Mir war noch immer mulmig zumute, mulmiger eigentlich als je zuvor. Außerdem konnten wir doch nicht einfach so loslegen, wer weiß ob die Kameras überhaupt schon liefen. Und sollte uns nicht wenigstens jemand den Ansatz einer Regieanweisung geben? Es war schon seltsam, dass außer dem kurz angebundenen Produktionsassistenten bisher noch nicht mal jemand mit uns gesprochen hatte. Ich fragte mich, ob die Bande einfach schlecht organisiert oder ob das Ungewisse Teil der Dramaturgie war.

Nach einer Stunde auf der Party wussten wir so wenig wie zuvor und meine Unruhe hatte sich bis an die Grenze zur Hysterie gesteigert. Unterbewusst spielte ich schon längst mit dem Gedanken, dem ganzen Spuk ein jähes Ende zu bereiten. Ich hatte die Nacht vor dem Ereignis so gut wie kein Auge zugemacht und mir im Halbdunkel meines Schlafzimmers immer neue Horrorszenarien ausgemalt. Ich sah mich mit einer einzigen Unterschrift all meine Rechte an den Beelzebub abtreten und plötzlich dazu verdammt, auf Lebenszeit im russischen Fernsehen nackt zur Werbepause Gitarre zu spielen. Man würde aus mir die possierlichere Version des Big Brother-Zlatko machen, das allseits beliebte deutsche Maskottchen aller Sesselpuper und Bewohner sozialer Brennpunkte. Ständig müsste ich Autogrammstunden in halbfertigen ukrainischen Einkaufszentren geben und mich mit Menschen ablichten lassen, die ich weder verstand, noch sonderlich mochte. Nach ein paar weiteren gedanklichen Steigerungen dessen, was mir unweigerlich bevorstand, wurde mir Angst und Bange, wenn ich an die bevorstehende Party dachte. Am Morgen war ich dermaßen gerädert aufgewacht, dass ich in meiner Verzweiflung gar bei meinen Eltern angerufen und um Rat gefragt hatte. Die sagten nur, ich solle auf mein Gefühl vertrauen. Manchmal muss man an die einfachsten Dinge erinnert werden.

Nachdem Cordt für Getränke angestanden und ich mir eine Weile lang alleine das Hirn zermartert hatte, begaben wir uns gemeinsam in Richtung Tanzfläche. Dort standen die beiden für uns vorgesehenen jungen Frauen und hatten sich doch tatsächlich bereits ihrer Oberteile entledigt. Ein mäßig begabter Bodypainter war gerade im Begriff, ihnen ein paar neonfarbene Blumen auf die zugegebenermaßen sehr hübschen Brüste zu pinseln. Neben den beiden Schönheiten lechzten bereits ein paar junge Typen aus der Provinz in schlechten Klamotten. Zwei Kameras umkreisten die vermeintlich erotische Szenerie.

Aus meiner Perspektive mutete das alles eher an wie die erste Szene eines sehr, sehr schlechten Pornofilms, bei dem auch später noch vor den Pissoirs kopuliert wird. Und da wurde mir schlagartig klar, dass das alles hier mit mir nicht laufen würde. Urinal-Pornografie in allen Ehren, aber ich wollte nicht Teil dieser Welt werden. So nahm ich Cordt beiseite und teilte ihm mit, dass ich die Nummer nicht durchziehen könne. Im gleichen Atemzug entschuldigte ich mich dafür, ihn erst so heiß gemacht zu haben und nun hängenlassen zu müssen. Er war zwar überrascht und enttäuscht, zugleich aber schätzte er meine klare Ansage und versuchte gar nicht erst, mich umzustimmen. Es war klar, dass meine Entscheidung final war und eigentlich schon viel eher hätte fallen müssen. Alleine würde er die Sache allerdings ebenso wenig zu Ende bringen, erklärte er mir.

Und so verließen wir gemeinsam auf diskrete Weise das Etablissement. Ich hatte keine Lust, meinen Gefühlsumschwung auch noch vor einer Schar brutaler Russen auf Koks rechtfertigen zu müssen. Es hatte zwischen uns nie einen Vertrag gegeben und wenn wir plötzlich weg waren, dann waren wir eben weg. Als wir uns über die lange Treppe wieder zurück auf den Potsdamer Platz gekämpft hatten, überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung. Selten hatte der Anblick des Sony Centers derart starke Gefühle in mir ausgelöst. Cordt und ich nahmen uns kurz in den Arm und lachten ungläubig über das gerade Geschehene und über das, was beinahe noch geschehen wäre. Im Grunde hatten wir das Abenteuer auch so schon erlebt, und das, ohne dafür unsere Seelen verkaufen zu müssen.

Natürlich dachte ich in den darauffolgenden Tagen noch ein paar Mal, dass ich soeben die Chance meines Lebens verpasst hatte. Ein völlig absurder Gedanke im Grunde, doch das ‚was wäre gewesen wenn‘ ist und bleibt einer der ausdauerndsten, unangenehmsten Peiniger der menschlichen Psyche. Aber je mehr Zeit verstrich und je mehr ehemalige Container-Kandidaten man an ihrem unverhofften Erfolg und dem gewöhnlich kurz darauf einsetzenden Niedergang verzweifeln sah, desto sicherer war ich, den richtigen Entschluss gefällt zu haben.

Auch Martin war nicht weiter sauer. Seinen Erzählungen zufolge hatten sich am Partyabend ziemlich schnell zwei Brandenburger gefunden, die unseren Part ungefragt und aus freien Stücken übernommen hatten. Vermutlich zwei der schlechtgekleideten Exemplare, die schon gesabbert hatten, als wir noch vor Ort waren. Die Beiden waren der Einladung in den Container blind gefolgt und hatten dort auch erwartungsgemäß ihrer Geilheit vor laufender Kamera freien Lauf gelassen. Und das ohne Gedichte oder mädchenhafte Ständchen auf der Gitarre. Den beiden fehlte zudem offenbar jegliche Reflexivität und Moral, was dem Produzenten natürlich deutlich besser in den Kram passte als zwei solche Sensibelchen, wie Cordt und ich es nun mal waren. Wir waren also allesamt recht gut aus der Sache herausgekommen.

Nichtsdestotrotz hatten sich die Zuschauerzahlen nicht erholt. Irgendwie war aus dem Format einfach die Luft raus. Oder es konnten eben in reizüberfluteten Zeiten wie diesen doch nur die fast verhungerten Menschen noch jemanden vor die Glotze locken.

Die deutsche Presse hatte nicht locker gelassen mit ihren Beschuldigungen über Verletzungen der Menschenrechte und darauf gepocht, dass, wenn jemand schon solchen Schmutz drehen wollte, er es doch bitte bei sich zu Hause tun solle. Zu guter Letzt hatten die Russen klein beigegeben, ihre Nutten und ihr ganzes Koks eingepackt und eine verwüstete Lagerhalle in Spandau zurückgelassen. Es war später in der Presse noch die Rede von Waffenfunden und einer ganzen Reihe unbezahlter Rechnungen.

Cordt und ich verloren uns schon bald aus den Augen. Ein paar Jahre später machte das Gerücht die Runde, dass er in Brasilien durch eine Verkettung glücklicher Umstände mit just jenem H&M-Model im Bett gelandet war, dessen Plakat zu Studentenzeiten wirklich jede WG-Toilette zierte. Chapeau! Heute lebt er meines Wissens nach in Paris. Ob er noch dichtet oder singt, ist nicht überliefert.

Neulich brannte in Spandau eine große Halle und ich hoffte innbrünstig, dass es jene sein möge, in der damals das russische Zelt gestanden hat. Des Karmas wegen.

Bezahlung:                        Keine.

Gelernt fürs Leben:              Höre auf Deinen Bauch, er ist das bessere Gehirn.

Arbeitsaufwand:                   Körperlich gering, emotional hoch.

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