Flüchtlinge in Berlin – So kann man helfen!

Und dann halte ich plötzlich ein winziges syrisches Baby im Arm, während seine Mutter hastig im Wust aus Klamotten etwas Brauchbares für ihre anderen Kinder zusammenklaubt. Dem Baby scheint egal zu sein, in welchem Arm es liegt. Es schläft. Und schnarcht leise.

Wochenlang habe ich es gemacht wie die meisten gerade: „Schon schlimm, mit all den Flüchtlingen…“ „Ja, ganz schrecklich, die armen Menschen…“ „Man müsste da echt was tun…“ „Will jemand noch ein Bier?“ „Ich nehm auf jeden Fall noch eins. Was soll man auch sonst machen, in Zeiten wie diesen.“

Doch schon die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, was man eigentlich wirklich tun kann. Denn Wegschauen hinterlässt auf Dauer doch einen sehr üblen Nachgeschmack.

Schon seit Wochen bin ich fasziniert von meiner guten Freundin Anna, die mit ihrem Blog The Family without borders , aber auch privat so viel für Flüchtlinge getan hat wie niemand sonst, den ich kenne. Gleich zu Anfang der Krise hat sie sich dafür entschieden, drei Flüchtlinge bei ihr in der Wohnung aufzunehmen. Vor ein paar Wochen war ich dabei, als ihr temporärer Mitbewohner, der Syrer Akil, für eine große Gruppe Freunde kochte. Der ganze Erlös des wahnsinnig leckeren Essens kam ihm und seiner persönlichen Zukunft zugute.

Auch schon früh hat Anna, deren Familien-Reiseblog in Polen extrem erfolgreich ist, ihre Leser gebeten, Schlafsäcke zu spenden. Niemals hätte sie geahnt, was sie damit für eine Welle lostritt. Mittlerweile hat sie mehr als 2500 Schlafsäcke aus ganz Polen erhalten. Und die Lieferungen reissen nicht ab: Fast täglich erreichen sie neue Spenden. Sie ist mittlerweile DAS Gesicht der Flüchtlingshilfe in Polen. Und kann es manchmal selbst noch nicht so recht glauben.

Mit ihr war ich letzte Woche zum ersten Mal am Lageso, wo sie ihre Spenden regelmäßig hinbringt.

Und am Montag habe ich dann zum ersten Mal selbst bei der Kleiderverteilung mitgeholfen.

Kleiderkammer für Kinder: Das Meiste, was man hier sieht, ist abends schon weg und durch neue Klamotten ersetzt.
Kleiderkammer für Kinder: Das Meiste, was man hier sieht, ist abends schon weg und durch neue Klamotten ersetzt.

 

Die sechs Stunden vor Ort waren sehr emotional und werden mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben. In kurzer Zeit habe ich Menschen gesehen, die in der Turmstrasse unter Balkonen campieren, Familien, denen die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben stand, und lange Schlangen von Menschen, die zum Teil schon seit Tagen auf ihre Registrierungsnummer warten. Ich habe aber auch viele freiwillige Helfer gesehen, die sich dort schon seit Monaten verausgaben, sowie ständig ankommende Fahrzeuge von Institutionen und Privatleuten mit neuen Spenden. Vor allem aber habe ich die dankbaren Blicke jener Menschen gesehen, die einfach nichts mehr haben, und sich über warme Winterklamotten, Hygieneartikel, einen heißen Tee oder einfach nur ein Lächeln freuen.

Einmal stand ein kleiner Junge vor mir, zupfte an meiner Jacke und zeigte dann auf sich selbst. Er konnte auf deutsch nur sein Alter sagen: „Fünf.“ Ich fand ihm auf den vielen Kleiderständern eine warme Jacke in seiner Größe und er winkte mir strahlend zum Abschied.

Ich kann wirklich jedem nur empfehlen, direkt vor Ort mitzuhelfen. Denn dann bekommt das Phänomen Flüchtling plötzlich nicht nur ein Gesicht, sondern hunderte.

Flüchtlinge warten auf Klamotten und Hygieneartikel
Flüchtlinge warten auf Klamotten und Hygieneartikel

 

Es gibt aber auch noch andere Arten zu helfen:

1. Spenden

Geld ist in dieser prekären Situation erst mal zweitrangig. Aber wir alle leben ein Leben im Überfluss, das kann wohl keiner bestreiten. Daher empfehle ich, einfach mal durch alles zu gehen, was man so besitzt. Und dann alles wegzugeben, was man entbehren kann. Denn die Flüchtlinge, die zum Teil Tausende von Kilometern gelaufen sind, haben oft nicht mehr als das, was sie am Körper tragen. Und das sind in den seltensten Fällen Winterklamotten. Jetzt, wo es jeden Tag kalt werden kann, ist das meiner Meinung nach das Wichtigste, was man geben kann: Warme Klamotten. Schickt sie per Post, oder bringt sie einfach schnell selbst vorbei beim Lageso in der Turmstrasse oder bei einer Einrichtung in Eurer Nähe. Es werden aber noch viel mehr Dinge benötigt. Hier findet man eine täglich aktualisierte Liste mit Dingen, die besonders dringend gebraucht werden.

Man kann es aber auch machen wie Anna, und seinen Freundeskreis oder seine sozialen Netzwerke zum Spenden animieren. So kann man mitunter noch viel mehr bewirken. Anna hat übrigens von Anfang an alle Spender darum gebeten, kleine Nachrichten für die Empfänger in die Schlafsäcke zu legen. So hat das alles noch eine viel persönlichere, freundlichere Note.

2. Mithelfen

Mein Tag vor Ort hat mir gezeigt, dass es glücklicherweise doch viele Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren. Doch es sind bei weitem nicht genug! Klamotten, Spielzeug und Hygieneartikel müssen sortiert und ausgegeben werden, Tee für die Neuankömmlinge muss gekocht werden. Vor allem aber müssten noch viel mehr Menschen helfen, die übersetzen können. Denn viele der Flüchtlinge sprechen nichts als ihre eigene Sprache. Ob Arabisch, Farsi, Hindi oder Urdu – alles wird gebraucht, um den Neuankömmlingen den Registrierungsprozess zu vereinfachen. Anna hat mich auf das Refugee Phrasebook aufmerksam gemacht, zu dem auch jeder seinen Teil beisteuern kann. Tolle Sache!

Moabit Hilft hat zumindest eine grobe Organisation in die Freiwilligenhilfe gebracht. Hier kann man Tag für Tag aktuell sehen, wo noch Not am Mann ist. Wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, dann einfach als Springer eintragen und vor Ort mitanpacken, wo es nötig ist. Hier hat jemand eine Art Liveticker entwickelt, bei dem man sich zu jedem Zeitpunkt darüber informieren kann, wo man gerade mithelfen kann. Das funktioniert also auch für sehr spontane Helfer.

Willkommen

Alternativ kann man sich natürlich auch großen Organisationen wie dem Roten Kreuz bei der Hilfe anschliessen.

Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es immer etwas zu tun gibt. Viele der Helfer vor Ort sind schon seit Monaten dabei und mittlerweile am Ende ihrer Kapazitäten. Deshalb war ich auch gestern definitiv nicht zum letzten Mal vor Ort.

Was übrigens wirklich erstaunlich ist: Viele der freiwilligen Helfer sind selbst Flüchtlinge, die den Neuankömmlingen einfach nur ein paar Tage oder Wochen voraus haben!

3. Einen Flüchtling aufnehmen

Wenn die Flüchtlinge endlich registriert sind, bekommen sie Gutscheine für Hotels oder Hostels. Doch das Ganze ist so schlecht geregelt, dass diese Hostels die Bezahlung durch den Staat offenbar erst Monate später erhalten. Daher weigern sich viele trotz der Gutscheine, Flüchtlinge aufzunehmen. Und so gibt es nach wie vor viele Menschen ohne Unterkunft. Im Winter!

Wer Platz hat, der kann daher Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Die Organisationen Flüchtlinge willkommen und Place4Refugees vermitteln.

4. Ideen

Was momentan wirklich hilft, das sind gute Ideen. Anna zum Beispiel scheint mir, obwohl sie schon so viel gemacht hat, wöchentlich eine neue Idee zu haben. Und damit kann man unter Umständen viel mehr erreichen als ’nur‘ mit der Zurverfüngstellung seiner eigenen Arbeitskraft.

Sie hat zum Beispiel erst letzte Woche bei sich im Wohnzimmer eine befreundete Musikerin spielen lassen. Fast 50 Leute, darunter Berliner, internationale Freunde und auch Flüchtlinge, lauschten diesem Konzert andächtig. Der von allen gezahlte freiwillige Eintritt ging direkt an eine Organisation, die sie unterstützt.

Da das Übersetzungsproblem mir am Lageso sofort ins Gesicht sprang, habe ich nun den Verlag des Point-It-Dictionary, eines Wörterbuches ausschließlich mit Bildern, kontaktiert. Ich hoffe, dass der Verlag bereit ist, ein paar hundert von diesen Zeige-Wörterbüchern zur Verfügung zu stellen, denn das würde die Situation vor Ort, aber auch die erste Zeit der Flüchtlinge hier in Deutschland zumindest schon mal ein bißchen vereinfachen.

Wer sich etwas mehr mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigt, dem werden ebenfalls Ideen kommen, die unter Umständen viel bewirken können. Auch hierfür empfehle ich sehr, dass man sich ein eigenes Bild der Situation vor Ort macht. Gute Ideen findet man aber auch etwa hier bei givesomethingbacktoberlin.

Auch auf der Seite des Flüchtlingsrates findet man viele Einzelinitiativen.

5. Deutsch unterrichten

Klingt logisch, oder? Und doch muss man erst mal drauf kommen. Nicht nur macht man auf diese Art und Weise das Leben der Flüchtlinge nach und nach etwas einfacher. Man hilft zugleich auch noch dabei, dass unser aller Zusammenleben in Zukunft besser werden kann.

Hierfür kann man sich ebenfalls einer Organisation anschließen. Oder aber eigene Kurse selbst vor Ort oder per Aushang anbieten. Und hierfür muss man keine Ausbildung als Lehrer haben, denn es geht zunächst mal wirklich nur um die Basics.

Oder aber man produziert gleich einen Anfänger-Kurs auf YouTube und kann so gleich auf einen Schlag viele Menschen erreichen. Wie schon weiter oben gesagt: Gute Ideen helfen mit am meisten!

6. Eine Patenschaft übernehmen

Gerade für Berufstätige ist es fast unmöglich, neben dem Job noch aktiv Hilfe zu leisten. Will man trotzdem helfen, dann kann man eine Flüchtlings-Patenschaft übernehmen.

„Mit 9 Euro pro Tag decken Sie Unterbringung und Versorgung mit dem Nötigsten für einen Flüchtling.“

Diese Patenschaft kann man etwa hier beim Kirchenkreis Mitte beginnen.

7. Weitere hilfreiche Seiten

  • Wer als Flüchtling anerkannt ist, der kann in Deutschland studieren. Alles, was man dazu wissen muss, findet man auf der Seite Studieren in Deutschland.

 

Ich möchte diese Seite weiter ausbauen, sobald ich von weiteren Möglichkeiten der Flüchtlingshilfe höre. Wenn jemand von Euch noch gute Tipps hat, dann nur her damit! 

Geschrieben von
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