Wandern für den Frieden: Ein Tag beim Civil March to Aleppo

Civil March to Aleppo

Kurz vor dem neuen Jahr nutzte ich die Gelegenheit, für einen Tag am Civil March to Aleppo teilzunehmen. Meine Blogger-Freundin Anna Alboth hat diese erstaunliche Aktion in nur wenigen Wochen ins Leben gerufen. Schockiert von ihrer Ohnmächtigkeit gegenüber den Schrecken des Syrien-Krieges beschloss sie kurzerhand, nicht weiter untätig zu bleiben. Und entwarf den kühnen Plan, von Berlin nach Aleppo zu laufen, um ein Zeichen zu setzen. Also gewissermaßen die Flüchtlingsroute in entgegengesetzter Richtung. Jeder kann bei diesem Marsch mitlaufen, ob nun für einen Tag oder die gesamte Zeit von geschätzten dreieinhalb Monaten. Gestartet ist der Marsch am zweiten Weihnachtsfeiertag in Berlin. Etwa 600 Menschen absolvierten das erste Teilstück Richtung Süden.

Anna hatte mich schon im Vorjahr beeindruckt, als sie ihren Familien-Reiseblog The Family without borders nutzte, um mehr als 4000 Schlafsäcke für Flüchtlinge zu sammeln. Daher wusste ich sofort, ich wollte ihr neues Projekt unbedingt unterstützen. Und so nahm ich mir zwischen meinen Reisen nach Kenia und Kolumbien noch einen Tag, um mitzumarschieren.

Civil March to Aleppo

Die Sonne scheint durch eisigen Morgennebel. Es ist Tag 5 des Marsches und die Gruppe ist schon eine ganze Ecke weit entfernt von Berlin. So müssen meine mich begleitende Beach-Inspector-Kollegin Anja und ich frühmorgens einen Zug in Richtung Süden nehmen und darauf vertrauen, dass wir die Wanderer unterwegs finden. Im kleinen Golßen stehen wir erst mal stundenlang vergeblich an einer Ecke und warten.

Civil March to Aleppo

Ein kurzer Anruf bei der örtlichen Polizei dann bringt uns endlich auf die richtige Route des Marsches. Und so treffen wir die Gruppe schließlich in einem kleinen Dorf, wo sie gerade für die Mittagspause stoppt. Zwar kommen wir aus einer anderen Richtung, doch haben wir bereits etwa genauso viele Kilometer absolviert wie die Anderen. Mir schmerzen schon jetzt ziemlich die Füsse.

Die Teilnehmer haben sich auf einem typisch brandenburgischen Dorfplatz eingefunden und plaudern über dampfenden Getränken. Der Syrer Akil, den ich bereits kenne, da er seit mehr als einem Jahr bei Anna lebt, kocht in einem großen Pott Suppe für die Marschierer. Alle teilen sich die gespendeten Lebensmittel und sind trotz der Minusgrade guter Dinge. Jemand leiht mir ungefragt seine Tasse für etwas heissen Tee. Schnell bin ich überzeugt vom Gemeinschaftssinn des Marsches.

Anna selbst ist leider wegen einiger Querelen in der Gruppe sowie den ständigen Interviewanfragen von CNN bis zum lokalen Käseblatt nicht mehr wirklich aufnahmefähig, als ich sie in der Gruppe ausfindig mache. Nichtsdestotrotz freut sie sich über meine Unterstützung.

Friedensmarsch nach Aleppo

Ich komme mit ein paar Leuten ins Gespräch, die durchweg offen und freundlich sind. Dann wird zum Aufbruch geblasen. Begleitet von drei Polizeifahrzeugen setzt sich die Gruppe in Bewegung. Wir gehen mitten auf der Strasse und die Gruppe legt ein ordentliches Tempo vor.

Civil March to Aleppo

Ich unterhalte mich mit Daniela aus Berlin, die vom ersten Tag an mit dabei ist. Sie erzählt von Menschen, die sich unterwegs immer wieder völlig spontan dem Marsch anschließen, wenn sie erfahren, worum es hier geht. So etwa die Frau samt ihrer Hausziege, die die Gruppe am Morgen für einige Stunden begleitet hat. Für Daniela ist es wichtig, mit dem Marsch ein Zeichen zu setzen. Sie spürt, dass man etwas unternehmen muss, und möchte am Entscheidungsprozess beteiligt sein.

Civil March to Aleppo

Dorothea aus Polen und ihr Mann haben sich extra Urlaub genommen für den Marsch. Sie haben das Gefühl, dass dieser Marsch wirklich etwas verändern kann. Selbst wenn am Ende hunderte Menschen an der türkischen Grenze stehen und nicht ins Land gelassen werden, werde man davon in den Medien lesen und damit Prozesse in Gang setzen.

In der Gruppe finden sich momentan sicherlich 10 verschiedene Nationalitäten. Den Großteil der Marschierenden jedoch machen Polen aus, größtenteils Leser des Blogs der gebürtigen Polin Anna.

Tatsächlich ist es so, dass nach fünf Tagen bereits einige Menschen den Marsch verlassen haben. Andere hingegen sind dazugekommen. Die Idee ist, dass sich diese Dynamik bis zum Ende fortsetzt und, im besten Fall, multipliziert. Nur ein harter Kern von etwa 20 Leuten will das Projekt komplett durchziehen.

Während des Marsches werden viele Fotos geknipst und sogleich in den sozialen Medien verwertet, in denen der Marsch bereits jetzt eine erstaunliche Follower-Zahl gesammelt hat. Wer ein Zeichen setzen möchte, der muss sich auch sichtbar machen. Ania, eine Lehrerin aus Polen sieht das anders, denn sie möchte nicht in den Medien auftauchen. Sie tut das alles hier ausschließlich für sich selbst. Ich merke, dass vermutlich jeder der knapp hundert Menschen, die hier wandern, seine eigenen Motive dafür hat.

Civil March to Aleppo

Wir laufen und laufen. Durch Dörfer, durch Wälder, vorbei an weiten Feldern. Die Winterlandschaft bietet einen malerischen Anblick und auch das Wetter spielt mit. Und so fühlt sich das alles hier an wie ein netter Spaziergang. Ich versuche mir jedoch  vorzustellen, wie sich die Erfahrung wohl gestaltet, wenn der Winter wirklich kommt. Es ist noch sehr weit bis in die wärmeren südlichen Gefilde.

Ich spreche mit einem jungen Mann, der samt einem Anhänger unterwegs ist. Er bezeichnet sich selbst als professionellen Wanderer und spricht vornehmlich über sich selbst. Er war gerade zu Fuss unterwegs nach China, als er vom Marsch erfuhr und hat dann umgehend seine Pläne über den Haufen geworfen. Für ihn ist das alles hier eine eher sportliche Herausforderung. Er möchte nach der Ankunft in Syrien einfach weiter laufen.

Immer wieder bekomme ich von den anderen Wanderern Essen angeboten. Schon bald tue ich es ihnen gleich und verschenke auch unseren Proviant an meine Mitmarschierer.

Es ist interessant zu sehen, wie die Menschen in den vorbeifahrenden Autos und in den Vorgärten der kleinen Brandenburger Dörfer auf die Marschierenden reagieren. Ich lese in den Gesichtern viel Unverständnis. Aus diesem Grund verteilen einige der Marschierenden Flugzettel an jeden entlang des Weges. Und tatsächlich haben einige der Einheimischen nach dem Lesen des kurzen Pamphlets ein paar unterstützende Worte übrig. Andere wiederum rufen, man solle doch lieber etwas arbeiten gehen. Der Marsch polarisiert, das war mir schon nach dem riesigen medialen Echo klar, dass Anna mit ihrer Idee provoziert hat.

Langsam versinkt die winterliche Sonne über den nebelbedeckten Feldern und es wird ziemlich kühl. Erschöpfung macht sich breit. Mir schmerzen besonders die Schienbeine und mein Hintern. Die anderen Marschierenden sind offenbar bereits im Training, denn sie hängen uns nun locker ab.

Civil March to Aleppo

Nach weiteren zwei Stunden laufen wir schließlich im beschaulichen Luckau ein. Wir sind alles in allem fast 25 Kilometer gewandert und ich kann meine Beine kaum mehr spüren. Diese Etappe war eine der längeren.

Civil March to Aleppo

Wir kehren ein in eine Turnhalle, die der Bürgermeister den Wanderern für die Nacht zur Verfügung gestellt hat. Anna erzählt mir, dass in den letzten Tagen ein Bürgermeister jeweils den Bürgermeister im nächsten Dorf nächsten anruft, sodass es momentan fast überall die Möglichkeit gibt, kostenlos im Warmen zu schlafen. Schnell entledigen sich alle ihrer Wanderschuhe und machen es sich in der Halle gemütlich.

Civil March to Aleppo

Schon kurz später wird das Abendessen vorbereitet, alle packen mit an. Eine Frau erzählt mir lachend, dass dieser Ablauf jedoch erst seit heute so reibungslos funktioniert. Am zweiten Tag hätte wohl jemand kritisch gefragt: “Ihr wollt bis nach Syrien laufen und könnt nicht mal Frühstück für alle vorbereiten?” Seitdem reissen sich offenbar alle zusammen. Auf mich wirken die Arbeitsschritte sehr eingespielt. Und es ist gut zu sehen, wie alle einander unterstützen.

Es gibt eine syrische Linsensuppe, die mehr als lecker ist. Man sitzt gemütlich beisammen und tauscht sich über die Erlebnisse des Tages aus. So wohl ich mich gerade in der gemütlichen Wärme fühle, so froh bin ich auch darüber, ein Zimmer in einer kleinen Pension gebucht zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, nach solchen Anstrengungen auch noch mit hundert Menschen in einem Raum zu schlafen.

Ein großes Thema der letzten Tage ist eine Gruppe anfangs mitmarschierender Syrer, die mit den Rebellen vor Ort sympathisieren und diese Sympathie mit Flaggen bekundeten. Nach langen Diskussionen wurde in der Gruppe beschlossen, dass man diese Menschen nicht dabei haben wollte. Denn der Marsch möchte keine Partei ergreifen, sondern lediglich neutral für den Frieden demonstrieren. Die Auseinandersetzung mit dieser kleinen Splittergruppe hat die restlichen Teilnehmer offenbar einiges an Kraft gekostet. Das scheint mir auch der Hauptgrund für Annas Erschöpfung. Ich schaffe es jetzt jedoch wenigstens kurz, mit ihr zu plaudern. Sie ist völlig überwältigt von der Resonanz auf den Marsch, der guten wie der schlechten. Optimistin, die sie ist, konzentriert sie sich auf all die tollen Dinge, die seit Beginn des Marsches passieren.

Wie etwa der junge Mann aus dem Ort, der durch seine Oma vom Marsch gehört hat, die wiederum darüber in der Zeitung gelesen hat. Er steht plötzlich in der Turnhalle, hat einen riesigen Topf Suppe vorbereitet und bietet allen selbstlos seine Wohnung an, um eine warme Dusche zu nehmen. Damit nicht genug, präsentiert er später sogar noch zwei Kisten Wein. Es ist schwer, von solchen Geschichten nicht gerührt zu sein.

Es folgt eine Besprechung mit der gesamten Gruppe. Kurz wird die Route besprochen, dann sucht man gemeinsam einen Namen für das heute durch Spenden gekaufte Begleitfahrzeug.

Nach der Besprechung gesellen sich einige syrische Flüchtlinge zu uns, die im Ort wohnen und den Marsch von Anfang an online verfolgt haben. Sie sind ganz offensichtlich sehr dankbar dafür, denn sie bringen Blumen und Geschenke mit. Man sitzt in kleinen Gruppen zusammen und unterhält sich. Über den Krieg, über Religion, über den Alltag in der neuen Heimat. Die syrischen Kinder, die bereits nach einigen Monaten erstaunlich gut Deutsch sprechen, übersetzen zwischen ihren Eltern und den Marschierern.

Civil march to Aleppo

In einer der anderen kleinen Gruppen finde ich mit Taufiq auch einen Syrer, der von Beginn an mitwandert. Er ist sich nicht sicher, ob das alles hier wirklich etwas bringt. Aber nicht mitzulaufen wäre noch schlimmer, denn irgendetwas müsse passieren, um diesen grausamen Krieg zu beenden. Er erzählt, dass die Rebellen vor Ort auch Freunde von ihm getötet haben. Daher war er persönlich sehr gegen die Teilnahme der syrischen Sympathisanten-Gruppe.

Nach der Besprechung kommen noch neue Teilnehmer an. Das Pärchen mit zwei großen Rucksäcken ist gerade eigens für den Marsch von Frankreich aus angereist. Ich bin beeindruckt von den vielen kleinen erstaunlichen Dingen, die hier passieren. Es ist gut, mit Anja eine weitere neutrale Person dabeizuhaben, um sich über all die Erlebnisse auszutauschen. Das Grundrauschen der großen Gruppe in der Halle jedoch laugt mich förmlich aus. Ich habe keine Ahnung, wie Anna und ihr Mann es schaffen, auch jetzt noch für jeden ein offenes Ohr zu haben. Immerhin haben sie auf weiten Strecken des Marsches sogar noch ihre beiden kleinen Töchter dabei, die jetzt gerade mit den Kindern aus Luckau eine Pyramide bauen.

Civil march to Aleppo

Die Stimmung ist nun ausgelassen, Weinflaschen machen die Runde. Eine kleine Gruppe tanzt sogar. Ich hingegen bin völlig erschöpft und sehr froh darüber, dass wir uns in unsere Pension zurückziehen können.  Doch so sehr mich das alles ausgelaugt hat, fasziniert mich auch der Gedanke, mich dem Marsch für eine längere Zeit anzuschliessen.

Diesen Gedanken noch im Kopf schlafe ich neun Stunden lang wie ein Stein.

Am nächsten Morgen wechsle ich noch ein paar Sätze mit der wie üblich vergnügten Anna. Sie erzählt mir, dass die Menschen, die sich um die Social Media Kanäle des Marsches kümmern, in der ganzen Welt verstreut sind. Die Frau etwa, die den Facebook-Kanal rund um die Uhr bespielt, sitzt im Bikini am Strand von Sri Lanka. Anna sagt, dass dieser Marsch nicht möglich wäre ohne die riesige Unterstützung, die sie von allen Seiten erfährt. Ich drücke sie noch schnell zum Abschied und wünsche ihr alles Gute für ihr ungewöhnliches Projekt. Dann springt sie auch bereits raus in die Kälte, um dem syrischen Aleppo ein weiteres, kleines Stück näherzukommen.

Ich verfolge auch jetzt noch täglich die Ereignisse rund um den Marsch. Am fünfundzwanzigsten Tag des Marsches kämpft sich die Gruppe gerade durch Schnee und Eis in Tschechien und ich bin schwer beeindruckt. Der Geist des Marsches hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ich denke, dass ich mich der Gruppe erneut anschliesse, wenn ich von Südamerika zurück bin. Ich kann jedem nur ans Herz legen, Anna und ihr unglaubliches Projekt zu unterstützen, sei es durch eine Spende oder durch persönliche Präsenz beim Marsch, auch wenn es nur für einen Tag ist. Alle Informationen zum Civil March to Aleppo findet ihr hier.

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